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AfD-Politiker und Hilfe für Ukraine-Flüchtlinge: „Migrationskritik entbindet uns nicht von humanitären Pflichten“

AfD-Politiker und Hilfe für Ukraine-Flüchtlinge: „Migrationskritik entbindet uns nicht von humanitären Pflichten“

AfD-Politiker und Hilfe für Ukraine-Flüchtlinge: „Migrationskritik entbindet uns nicht von humanitären Pflichten“

Flüchtlinge aus der Ukraine kommen an der slowakischen Grenze an Foto: Steffen Beckmann
Flüchtlinge aus der Ukraine kommen an der slowakischen Grenze an Foto: Steffen Beckmann
Flüchtlinge aus der Ukraine kommen an der slowakischen Grenze an Foto: Steffen Beckmann
AfD-Politiker und Hilfe für Ukraine-Flüchtlinge
 

„Migrationskritik entbindet uns nicht von humanitären Pflichten“

Deutschland schaut auf die Situation in der Ukraine. Wie verläuft der Krieg? Wie viele Menschen fliehen? Der Schweriner AfD-Politiker Steffen Beckmann machte sich an der slowakisch-ukrainischen Grenze ein eigenes Bild von der Lage, lieferte Hilfsgüter ab und brachte bei der Gelegenheit mehrere Kriegsflüchtlinge nach Deutschland zu ihren Verwandten. Im Interview mit der JUNGEN FREIHEIT spricht er über seine Beweggründe und die Situation.

Herr Beckmann, Sie haben ukrainische Flüchtlinge nach Deutschland geholt. Wie kam es dazu? 

Steffen Beckmann: In der vergangenen Woche teilte ein Freund und Verbandsbruder der Deutschen Burschenschaft den Aufruf, humanitäre Güter zu spenden. Er organisierte dies zusammen mit einem ukrainischen Bekannten, der auch unser der Kontakt in die Ukraine ist. So kamen in wenigen Tagen über 7.000 Euro zusammen, von denen ein erster Konvoi Hilfsgüter direkt nach Kiew brachte. Ein zweiter Transport sollte dann nach Ushgorod an die slowakisch-ukrainische Grenze gehen. Dort wollte man dann Frauen und Kinder mitnehmen. Es fehlte allerdings an geeigneten Fahrzeugen. Man bat darum und so fragte ich im Freundeskreis, ob jemand einen Kleinbus zur Verfügung stellen könnte.

Unser Landtagsabgeordneter Paul Timm stellte seinen dann dankenswerterweise sofort zur Verfügung. Wir hätten ansonsten nicht alle Personen mitnehmen können. Dadurch konnte ich kurzfristig nach Leipzig zum Sammelpunkt. Der Konvoi setzte sich dann aus Akteuren ganz unterschiedlicher Herkunft zusammen. Zum einen aus dem burschenschaftlichen Milieu bis hin zu Linken aus Leipzig-Connewitz. Von Anfrage bis Abfahrt vergingen keine 24 Stunden.

Helfer bereiten an der ukrainisch-slowenischen Grenze Mahlzeiten für die Flüchtlinge zu Foto: Steffen Beckmann
Helfer bereiten an der ukrainisch-slowakischen Grenze Mahlzeiten für die Flüchtlinge zu Foto: Steffen Beckmann

Wie hat sich die Situation für Sie an der Grenze dargestellt? 

Beckmann: Angespannt und organisiert zum einen. Auffallend still und leise andererseits. Da war keine Euphorie, weder bei den Flüchtlingen noch bei den Helfern. Die Hilfsgüter wurden von zivilen Freiwilligen in Empfang genommen und in ihre Fahrzeuge verladen. Die Verteilung der zwei Tonnen Lebensmittel, Hygieneartikel und Medikamente erfolgt über diese. Inwieweit man dem Glauben schenken kann, sei dahingestellt. Jedoch berichteten sie, daß die Stadtverwaltung mit der Aufnahme der dort Gestrandeten und den Hilfsgütern überfordert ist.

„Männer dürfen derzeit die Grenze nicht übertreten“

Wie läuft die Organisation? 

Beckmann: Gut. Polizei und Militärpolizei leiten die Fahrzeuge über die Routen am Grenzübergang. Auf der slowakischen Seite waren Empfangsstationen verschiedener staatlicher und freiwilliger Hilfsorganisationen aufgebaut, mit Sanitäreinrichtungen und Suppenküchen. Ein Großteil der Menschen wird von slowakischen Nahverkehrsbussen direkt aus der Grenzstadt abgeholt und nach Kosice (Kaschau) gebracht, dort findet dann die Erstaufnahme statt. Der Grenzübergang für Einzelpersonen lag etwa eine halbe Autostunde abseits. Die Wartezeit bis zu ihrem Grenzübertritt betrug sechs Stunden, dann konnten wir sie in Empfang nehmen.

Was für Menschen haben sie getroffen? 

Beckmann: Frauen und Kinder, wenige ältere Männer. Männer dürfen derzeit die Grenze grundsätzlich nicht übertreten. Lediglich bis in den Transitbereich auf ukrainischer Seite dürfen Helfer unter Begleitung der Grenzposten die Güter in Empfang nehmen.

Gab es Probleme beim Grenzübertritt? 

Beckmann: Die Sprachhürde ist nicht zu unterschätzen, da halfen auch Hände und Füße nicht weiter. Wir hatten glücklicherweise einen Kontakt auf der ukrainischen Seite, den wir dann per Telefon zuschalten konnten. Dennoch stellte sich die Situation beim Zoll für uns als unübersichtlich dar. Im Nachhinein nicht über den Maßen dramatisch, in dem Moment jedoch etwas anstrengend. Wir wurden sowohl bei der Ausreise als auch bei der Einreise mehrfach kontrolliert. Letztlich wurde eine Ladeliste ausgefüllt, die Personendaten aufgenommen und dann die Bescheinigung, humanitäre Güter zu transportieren, ausgestellt. Bei der Einreise wurden wir freundlich vom slowakischen Zoll regulär kontrolliert. Auf dieser Seite war trotz des Andrangs eine merklich entspanntere Situation.

Unterbringung bei Verwandten könne kein Dauerzustand sein

Wie haben Sie die ukrainischen Flüchtlinge kennengelernt, die sie zu ihren Verwandten nach Deutschland gebracht haben? 

Beckmann: Wie oben erwähnt über einen ukrainischen Bekannten. Die sechs Frauen und Mädchen waren Verwandte und Nachbarn aus Owrutsch an der weißrussischen Grenze, dem Herkunftsort des ukrainischen Organisators. Als wir die Frauen und Kinder in Empfang nehmen konnten, brauchte er etwas Überredungskunst, um sie zum Einsteigen zu bewegen. Verständlich, wer steigt schon gerne nachts in der Dunkelheit an einer slowakischen Landstraße zu einem Fremden ins Auto? Mangelnde Sprachkenntnisse und radebrechendes Englisch begrenzten die Konversation von vorneherein und so war die Fahrt still. Worüber hätte man auch reden sollen, sie hatten alle mit sich genug zu tun. Für die Kleinsten ist es eine spannende Reise, sie nehmen das eher als Reise wahr, während die Mütter den Kontakt zur Familie hielten.

Man sollte es tunlichst unterlassen, spontan an die Grenze zu fahren und eine Mitfahrgelegenheit anzubieten. Zum einen sind die Menschen verschüchtert und steigen verständlicherweise sehr ungern zu Fremden ein. Zum anderen schieben die Behörden dem auch einen Riegel vor. Die Aufnahme in deutschen Gemeinden sollte zudem vorher abgesprochen werden. Einige kommen zwar jetzt spontan bei Verwandten unter, daß dies kein dauerhafter Zustand sein wird, ist uns wohl allen klar.

AfD-Politiker Steffen Beckmann bringt ukrainische Flüchtlinge zu ihren Verwandten Foto: Steffen Beckmann
AfD-Politiker Steffen Beckmann bringt ukrainische Flüchtlinge zu ihren Verwandten Foto: Steffen Beckmann

Haben sie noch Kontakt zu den Flüchtlingen? 

Beckmann: Nein. Ich halte es für wichtig, diese Hilfe nicht zu personalisieren. Aus der eigenen Vertreibungsgeschichte wissen wir Deutschen, daß solche Fahrten endgültig sind. Das rüttelt bei mir zu viele familiäre, auch unausgesprochene, Erinnerung hoch. Und einen Haken hinter diese Dinge machen zu wollen, gehört dazu. Meine 93 Jahre alte Großmutter wurde aus dem Warthegau vertrieben, das bricht jetzt bei ihr alles wieder heraus. Das ist für mich Verpflichtung genug, anderen Menschen dieses nach Möglichkeit zu ersparen. Die Verwandten haben sich gefreut.

Die AfD gilt als migrationskritische Partei. Welche Resonanz haben sie aus der Partei heraus für ihre Aktion bekommen? 

Beckmann: Kritik entbindet uns nicht von humanitären Pflichten. Die Resonanz war ausschließlich positiv. Meine Parteikollegin Petra Federau richtet gerade eine Erstunterkunft für acht Frauen und Kinder her. Als Stadtvertreter stehen wir in engem Kontakt zur Verwaltung und unterstützen nach Kräften.

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Steffen Beckmann, 43, ist Stadtvertreter der AfD in Schwerin. 

Flüchtlinge aus der Ukraine kommen an der slowakischen Grenze an Foto: Steffen Beckmann
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