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Literatur
 

„Das wäre Selbstzensur“

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Autorin Gabriele Brinkmann: Kein Anlaß zu Befürchtungen Foto: Privat

Frau Brinkmann, „richtig sauer“ waren Sie laut „Netzzeitung“, als der Droste-Verlag angekündigt hat, Ihren Kriminalroman „Wem Ehre gebührt“, der das Thema Ehrenmorde behandelt, gar nicht erst auf den Markt zu bringen.

Brinkmann: Was heißt sauer? Nein, als mir klar wurde, daß Verleger Droste das Buch ernstlich aus dem Programm streichen würde, hat sich bei mir – ich möchte mal sagen – mein Bewußtsein für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung geregt. Ich habe Herrn Droste aufgefordert, doch bitte einmal in unserem Grundgesetz nachzulesen. Denn dort wird die Freiheit von Rede und Kunst garantiert.

Der Verlag wirft Ihnen vor, Ihr Buch enthalte „sowohl den Koran als auch den Islam verunglimpfende und beleidigende Passagen“, die die „religiösen Gefühle verletzen“ könnten.

Brinkmann: Tatsächlich gibt es überhaupt nichts in dem Buch, das diesem Vorwurf Berechtigung verleiht. Sicher, Ehrenmord ist ein schwieriges Thema, aber es muß doch wohl möglich sein, daß Romanfiguren in Dialogen so reden, wie es entsprechend zur Realität authentisch ist.

Konkret geht es etwa um den Satz Ihrer Protagonistin, einer Kommissarin im Schimanski-Stil: „Schiebt euch euren Koran doch …“

Brinkmann: Weiter kommt sie nicht.

Warum? Wollten Sie den Satz sicherheitshalber doch nicht ausschreiben?

Brinkmann: Sie kann den Satz nicht zu Ende sprechen, weil ihr bislang sehr naiver und zurückhaltender Assistent in seiner Entwicklung, die er in der Geschichte genommen hat, endlich in der Lage ist, ihr zu widersprechen. Daß er das tut, sagt mehr über seine Figur aus und ist wichtiger als der Inhalt des Satzes, den die Kommissarin von sich geben will.

„Warum sollte ich ‘Prophet’ durch ‘Familie’ ersetzen? Warum?“

„Sie stehen vor dir, lügen das Blaue vom Himmel herunter und haben zehn Minuten vorher ihre Frau abgestochen, weil der Prophet es so wollte“, lautet die zweite inkriminierte Textstelle. Man hat Ihnen vorgeschlagen, „Prophet“ durch „Familie“ zu ersetzen. Warum kam das für Sie nicht in Frage?

Brinkmann: Gegenfrage: Warum sollte es? Authentisch ist, daß diese Figur in dieser Situation genau diese Aussage macht. Alles andere wäre eine Verfälschung. Als Verleger hat man doch auch eine ethische Pflicht gegenüber der Literatur, wie kann man da überhaupt auf so einen Vorschlag kommen?

Haben Sie das den Verlag nicht gefragt?

Brinkmann: Doch, ich habe aber keine Antwort bekommen.

Was vermuten Sie?

Brinkmann: Das fragen Sie Herrn Droste am besten selbst.

Haben wir getan: Interviewanfrage abgelehnt! Gegenüber der „Bild am Sonntag“ haben Sie von „vorauseilendem Gehorsam“ gesprochen.

Brinkmann: Tatsächlich war es so: Der Roman erscheint unter dem Pseudonym W. W. Domsky, was allerdings rein künstlerische Gründe hat, jeder weiß, daß ich W. W. Domsky bin. Als Herr Droste einwandte, damit stünde allein sein Name auf dem Buch, während der Verfasser sich hinter einem Pseudonym verstecke, habe ich angeboten, meinen Klarnamen zu verwenden, und sogar, daß sich der Verlag vom Inhalt distanzieren könne, etwa mit einem Hinweis im Impressum – was Herr Droste allerdings abgelehnt hat.

„Menschen werden im Namen einer Religion bedroht, getötet“

Der betont, daß man sich allerdings keineswegs scheue, „brisante Themen und kritische Inhalte zu publizieren“. Zum Beweis sei fürs nächste Programm ein Krimi vorgesehen, der sich mit dem Thema Ehrenmord „seriös beschäftigt“.

Brinkmann: Was ja wohl unterstellen soll, mein Buch sei unseriös. Tatsächlich war das Manuskript aber bereits lektoriert und abgenommen, und die Imprimatur nach dem zweiten Umbruch war auch schon erteilt. Dann erst forderte Herr Droste plötzlich Änderungen und zwar allesamt inhaltlicher Art bezogen auf den Islam. Über die Qualität des Buches an sich hat er zu dem Zeitpunkt nicht geklagt. Dieses Argument fiel ihm erst später in seinem taz-Interview ein. Statt dessen hat er Gutachten von Experten – einer Anwältin und einem Mann vom Landeskriminalamt – eingefordert.

Die ihm dringend zu Änderungen geraten haben. Über die Stelle „Schiebt euch euren Koran doch …“ urteilt die beauftragte Anwältin, selbst Türkin: „Hochgefährlich! Hier wird das heilige Buch des Islam so beschmutzt, daß der Verlag große Probleme bekommen könnte.“

Brinkmann: Und ich frage mich: Ist die Anwältin in Unkenntnis über unser Grundgesetz? Oder sind für sie Drohungen und Repressalien mittlerweile so alltäglich, daß sie meint, einem Verleger vorauseilenden Gehorsam und Selbstzensur empfehlen zu müssen? Who’s to blame? Wir haben Werte, wir haben ein Grundgesetz – das steht an erster Stelle, für alle Mitbürger, aller Glaubensrichtungen. >>

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Verleger Droste sieht das anders. In einem Interview mit dem Deutschlandradio betont er, mit dem Islam speziell habe das nichts zu tun: Gleich welche Religion, „in meinem Verlag werden keine Gefühle von Mitbürgern verletzt!“

Brinkmann: Herr Droste hat schriftlich fixiert, daß der Grund für die Prüfung durch die Gutachter die Sicherheit seiner Mitarbeiter und seiner Familie gewesen ist, da, so zitiert ihn sogar der Spiegel, „spätestens seit den Mohammed-Karikaturen … ein Sicherheitsrisiko“ bestehe.

Sie nehmen ihm also seinen Respekt vor den Religionen nicht ab? An sich ist das doch eine ehrenwerte Haltung.

Brinkmann: Er unterstellt damit mir mangelnden Respekt und daß ich den Islam beleidige. Das ist nicht der Fall, und ich wiederhole: Hier sprechen erfundene Figuren einer Romanhandlung – seit wann geben diese automatisch die Meinung des Autors oder des Verlages wieder?

Im Interview mit der „taz“ wirft Verleger Droste Ihnen inzwischen nicht mehr nur Beleidigung des Islam vor, sondern allgemein „ausländerfeindliche Passagen, daß es einem kalt den Rücken runterläuft“.

Brinkmann: Ich gebe Ihnen ein weiteres Beispiel, um Ihnen zu zeigen, von welcher Qualität der Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit tatsächlich ist: In der dritten Textstelle, die ich hätte ändern sollen, denkt die Protagonistin an eine türkische Wohnung voller grüner Polstermöbel im Bochumer Stadtteil Stahlhausen zurück, die sie zuvor aufgesucht hatte, und äußert entnervt: „Erst die grüne Hölle von Stahlhausen und jetzt das!“ Laut Herrn Droste und seiner Gutachterin ist das bereits eine Beleidigung des Islam. Warum? Weil Grün dessen Farbe ist. Inzwischen versteigt er sich ja sogar zu so andeutungsvollen wie unerhörten Aussagen wie: „Ich weiß nicht, wer der geistige Vater von Frau Brinkmann ist.“

Sprich, Sie driften von der Islam-Verunglimpfung über die Ausländerfeindlichkeit hin zum Rechtsextremismus?

Brinkmann: Eine steile Karriere für eine Krimiautorin, könnte man sagen. Ich weiß nur: Meine Mutter ist Ausländerin, stammt aus Mazedonien, ich habe überall auf der Welt Freunde, von jeder Hautfarbe und jeder Religion. Droste verfolgt damit nur eine Absicht: das eigene Versagen hinter den ausufernden Vorwürfen gegen mich zu verstecken. Denn der eigentliche Skandal ist doch, daß ein Verleger sich erstens nicht in der Lage sieht, seine Verantwortung gegenüber unseren Grundrechten wahrzunehmen bzw. zweitens, wenn es wirklich um seine Angst vor Repressalien geht, diese korrekt darzustellen und in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Es müßte sich doch auch ihm die Frage aufdrängen: „Warum habe ich überhaupt Angst? Vertraue ich etwa der Kraft unseres Staates nicht, mich beim Erhalt unserer Grundrechte und Werte zu unterstützen und zu schützen?“

„Das wäre Selbstzensur“

Offenbar meint er, bei nur drei kritischen Textstellen auf 256 Seiten wäre es doch einfacher gewesen, wenn Sie nachgeben.

Brinkmann: Daß Sie „nur“ sagen, zeigt, daß Sie das Problem verkennen. Natürlich gab es genug Leute, die auf mich eingeredet haben: „Schreib eben Ehre statt Koran, Familie statt Prophet und Kitsch statt Hölle, und dann ist Ruhe!“ Aber ich frage Sie: Wo hört das auf? Nein, das wäre Selbstzensur, nichts anderes.

Denkt man an Fälle wie die von Salman Rush­die, Ayaan Hirsi Ali oder Theo van Gogh, ist dann die Angst des Verlags nicht plausibel?

Brinkmann: Vor meiner Tür stehen keine Polizisten, und wenn ich hinausschaue, kann ich nicht sehen, daß dort Fahnen verbrannt werden. Und der Leda-Verlag, der das Buch nun mittlerweile unter dem abgewandelten Titel „Ehre, wem Ehre …“ doch herausgebracht hat, hat bisher auch keinen Polizeischutz nötig.

Haben die Fälle der genannten Intellektuellen also nichts mit Ihnen zu tun?

Brinkmann: Doch, sie haben mit uns allen zu tun. In der Tat ist das ein Phänomen, mit dem wir in ganz Europa konfrontiert sind: Menschen werden im Namen einer Religion bedroht, ja sogar getötet. Das muß man als Schriftsteller wahrnehmen, und diesem Problemkreis widme ich mich im weiteren Sinne ja auch mit meinem Buch.

Dann stellt sich die Frage, ob eben nicht der Droste-Verlag das Problem ist, sondern die Umstände, auf die er reagiert?

Brinkmann: Das mag sein, aber mein Buch geht ja dann doch lange nicht so weit wie etwa van Gogh oder Hirsi Ali, die den Islam ganz gezielt kritisiert haben – was ihr gutes Recht war. Keine geäußerte Kritik, an wem oder was auch immer, kann eine Bedrohung oder Tötung eines Menschen rechtfertigen – nicht im Namen eines Regimes oder eines beleidigten Gottes oder eines warum auch immer angekratzten religiösen Gefühls. Nur gibt der Inhalt meines Buches überhaupt keinen Anlaß zu Befürchtungen, was die Geschichte noch absurder macht. >>

Einerseits räumen Sie eine spezielle Verantwortung als Künstlerin gegenüber Ihren bedrohten bzw. ermordeten Kollegen ein. Andererseits betonen Sie, daß Ihr Buch damit nichts zu tun habe. Ist da nicht ein gewisser Widerspruch?

Brinkmann: Nein. Letztlich gilt, daß wir als Künstler, die wir gewisse Werte hochhalten, diese Werte auch verteidigen müssen. Und das heißt, wenn jemand wie der Droste-Verlag von mir in vorauseilendem Gehorsam einen Kniefall und sicherheitshalber die Preisgabe dieser Werte fordert, dieses Ansinnen zurückzuweisen und die Angelegenheit an die Öffentlichkeit zu bringen. Das war es, was ich in dieser Situation tun konnte. So verstehe ich unter anderem Solidarität mit den Künstlern, die von islamischer Seite tatsächlich bedroht sind.

„Sofort wird man in die rechte Ecke gestellt“

Sie kritisieren aber mehr Ihren Verleger als das, was ihn zu diesem übereifrigen Handeln veranlaßt. Alis, Rushdies und van Goghs Problem ist allerdings nicht der Droste-Verlag.

Brinkmann: Daß wir bereit sind, zurückweichen, das ist das Problem. Und ich hoffe, daß mein Fall nun eine Diskussion über die Schräglage befördert, in die unsere Gesellschaft dadurch zu geraten droht. Denn offensichtlich ist doch, daß sich etwas in Deutschland verändert, sonst wäre es in der Tat zu einer Reaktion wie der des Droste-Verlags gar nicht erst gekommen. In dieser Hinsicht bin ich enttäuscht, daß sich etliche, die in so einem Fall eine Haltung hätten zeigen müssen, erst gar nicht zu Wort gemeldet haben.

Zum Beispiel?

Brinkmann: Etwa Literaturbüros, Verbände, alle möglichen Institutionen des Literaturbetriebes. Nicht um meines kleinen Buches willen, sondern wegen des Sachverhalts, der durch den Fall zum Ausdruck kommt.

Warum ist das nicht passiert?

Brinkmann: Es ist fast wie eine Furcht davor, darüber zu diskutieren oder Stellung zu beziehen. Vermutlich, weil man unter anderem von der Gutmenschenfraktion sofort in die rechte Ecke gestellt wird, wenn man es tut: Funktioniert heutzutage wie ein Pawlowscher Reflex, wie ich ja selbst durch Drostes Interview-Einlassungen erfahren durfte.

Die von Ihrem ehemaligen Verlag befürchteten Drohungen sind in der Tat bisher ausgeblieben. Wie hätten Sie reagiert, wenn Sie solche bekommen hätten?

Brinkmann: Ganz ehrlich, das kann ich Ihnen nicht sagen. Bisher hat sich diese Frage ja nicht gestellt. Es ist doch auch für mich völlig überraschend, daß um mein harmloses kleines Buch nun solch ein Wirbel entstanden ist. Gut, ich weiß, jeden Tag steht ein Dummer auf, aber die große Mehrheit der Leser – da bin ich sicher – erkennt, wie ganz und gar unberechtigt die Vorwürfe gegen mein Buch sind. Und damit meine ich auch Leser moslemischen Glaubens.

Ging es Ihnen beim Verfassen des Buches allein um einen Unterhaltungsroman, oder war Ihre Intention auch eine politische?

Brinkmann: Das Buch ist aus einem Drehbuch entstanden, das ich bei einem Wettbewerb mit der Themenstellung „Clash der Kulturen“ eingereicht habe und das gelobt, wenn auch nicht prämiert wurde. Dann hat sich der Droste-Verlag, damals noch unter einem anderen Geschäftsführer, für den Stoff interessiert, und ich habe ihn zu einem Roman umgearbeitet. Um aber Ihre Frage zu beantworten: Beides, denn jeder Krimi ist immer auch ein Abbild der Gesellschaft. Natürlich war es nicht so, daß ich mit dem Buch gezielt einen gesellschaftlichen Kommentar abgeben wollte, aber indem ich ein gesellschaftliches Szenario auswähle, reflektiere ich zwangsläufig auch Themen von gesellschaftlicher Relevanz – und das Ganze gut verpackt in einer spannenden Geschichte. Der LKA-Gutachter zumindest, den der Droste-Verlag bestellt hat, empfiehlt in seiner Expertise dem „kritischen Leser“ unbedingt die „sorgfältige Lektüre bis zum Schluß des Buches“, auch weil der „so sehr aufwühlend ist“. Eine bessere Empfehlung kann man sich nicht wünschen. 

Gabriele Brinkmann, 1954 in Bochum geborene Drehbuch- und Krimiautorin, schreibt unter verschiedenen Pseudonymen, etwa Hermione Grey oder Edda Minck. „Ehre, wem Ehre …“ veröffentlicht sie unter dem Namen W.W. Domsky.

Ihr Roman sorgte  für einen Eklat: Im Oktober wurde bekannt, daß der Düsseldorfer Droste-Verlag den Ehrenmord-Krimi „Wem Ehre gebührt“ wegen angeblich islamfeindlicher Äußerungen darin aus dem Programm nimmt. Nachdem der Streit eskalierte und zahlreiche überregionale Medien berichtet hatten, hat sich der Leda-Verlag in Leer entschlossen, das Buch unter dem abgewandelten Titel „Ehre, wem Ehre …“ zu veröffentlichen.  

JF 48/09

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