„Dahinter stecken die Muslimbrüder“

Herr General, das US-Magazin „The New Yorker“ bescheinigt Ihnen, schon den Aufstieg der Hamas in den palästinensischen Gebieten vorausgesagt zu haben, als die meisten Ihrer Kollegen noch fest einen Frieden glaubten. Harari: Einfach, weil ich das gesehen habe, was ist, nicht nur das, was ich sehen wollte. Ich habe die Fakten analysiert. Ist die Hamas eine reine Terrortruppe, oder muß man akzeptieren, daß sie auch einen legitimen politischen Flügel hat, wie der Vorsitzende der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland, Ibrahim El-Zayat, sagt? Harari: Sagen wir es so: Die Hamas hat einen militärischen Flügel, der für den Terror verantwortlich ist, und sie hat einen politischen Flügel, der ebenfalls für den Terror verantwortlich ist. Verstehen Sie? Diese Argumentation, die Sache in zwei Teile zu zerlegen, ist ein Winkelzug, um die Diplomaten auszutricksen. Tatsächlich sind es zwei Seiten derselben Medaille. Oder würden Sie vor Gericht ernstlich argumentieren, Ihre linke Körperhälfte ist unschuldig, wenn Sie mit Ihrer rechten Hand einen Mord begehen? Ist das Ihr polemischer Standpunkt als ehemaliger israelischer General oder Ihr unbestechlicher Standpunkt als Fachmann für die Hamas? Harari: Ich meine es ernst: Die einen stellen die Waffen und militärischen Fertigkeiten bereit, die anderen stellen die Ideologie, um uns per Bombenanschlag in die Hölle zu schicken. Nun lautet die vieldiskutierte Frage: „Wer ist schlimmer: der Bombenleger oder sein Ideologe?“ Sagen Sie es mir! Immerhin ist Israel der eigentliche Ziehvater der Hamas, die man päppelte, um die PLO zu schwächen und die Palästinenser zu spalten. Harari: Das ist eine Legende, die auch nicht wahrer wird, wenn man sie dauernd wiederholt. Nennen wir das Ding doch einmal bei seinem wahren Namen: die Muslimbruderschaft! Sie ist es, die wirklich hinter der Hamas steckt. Aus dieser bereits 1928 gegründeten, allerersten revolutionären islamischen Bewegung, die inzwischen über den ganzen Nahen Osten verbreitet ist, ging die Hamas 1987 hervor. Und auch nach Europa hat sich die Muslimbruderschaft inzwischen ausgebreitet. Schwerpunkte sind zum Beispiel in Italien Rom, in England Birmingham oder in Deutschland Berlin. Was wissen Sie über die Muslimbruderschaft bzw. die Hamas in Deutschland? Harari: Das fiel leider nicht in meine Zuständigkeit. Aber Sie müssen einfach mal unter den islamischen Organisationen bei Ihnen stöbern. Denn die Muslimbruderschaft heißt in Europa natürlich nicht so, sondern gibt sich diverse Tarnnamen. Was sind die Operationsziele von Hamas und Muslimbruderschaft in Europa? Harari: Vorerst sind dies keine militärischen. Zunächst geht es darum, Geld zu sammeln und Strukturen aufzubauen. Ihre Behörden gehen von etwa 1.300 Muslimbrüdern und 300 Hamas-Leuten in Deutschland aus. Solange diese Organisationen nicht stark genug sind, treten sie nicht offen terroristisch auf, sondern geben sich zivil und unscheinbar. Das ändert sich später. Denn ihr Ziel ist es, einen Scharia-Staat aufzubauen. Andererseits muß sich Israel fragen lassen, wie weit es mit seinem eigenen Anti-Terror-Anspruch her ist, wenn seine Operationen in Gaza so viele Zivilisten das Leben kosten.  Harari: Den kann ich Ihnen nennen: Die Terroristen versuchen so viele unschuldige Menschen umzubringen, wie sie können. Nun, wenn wir unser Militärarsenal in den letzten zwei Wochen im Gazastreifen nach der gleichen Devise eingesetzt hätten, wissen Sie, wie viele Tote es dann dort gäbe? Etwa eine halbe Million. Stattdessen sind es einige hundert. – Hunderte statt Hunderttausende, das ist der moralische Unterschied zwischen den Terroristen und uns.  Dennoch tötet die israelische Armee mehr Palästinenser als der palästinensische Terror Israeli. Ist Ihre Strategie also nicht inakzeptabel? Harari: Natürlich ist es immer bedauerlich, wenn es zivile Opfer gibt. Aber, wie Sie vielleicht wissen, versteckt sich die Hamas gezielt unter der Zivilbevölkerung, um genau diese Opfer zu provozieren. Ihre Nachfrage läßt also die Strategie der Hamas aufgehen.   Shalom Harari, General a.D. Der „Terrorismusexperte“ (Focus) und Ex-Sicherheitsberater der israelischen Regierung und des Armee-Oberkommandos im Westjordanland, Jahrgang 1946, gilt international als Fachmann für die Hamas.

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