Wulffs Terrier

Es war einmal vor langer Zeit, da umriß während einer Diskussion ein Kreisvorsitzender aus der niedersächsischen Jungen Union namens David McAllister seine politische Einstellung mit dem knappen Bekenntnis: „Ich bin ja Criticón-Leser …!“ Solche Worte hatten Anfang der neunziger Jahre, als in vielen kleinen „Gesprächskreisen“ noch von einer konservativen Graswurzelrevolution innerhalb der C-Partei geträumt werden konnte, durchaus ihre Bedeutung. Mittlerweile sind diese Träume geplatzt, doch der damalige JU-Kreisvorsitzende aus Cuxhaven ist inzwischen zu Nieder­sachsens „zweitmächtigstem Politiker“ hinter Christian Wulff aufgestiegen, wie die taz in einem nicht unschmeichelhaften Bericht über ihn jüngst feststellte. Logisch, daß auf dem Weg dorthin das dezidierte Bekenntnis zu Criticón und zum politischen Konservatismus – gelinde gesagt – etwas in den Hintergrund treten „mußte“. 1971 wurde McAllister als Sohn eines bei der britischen Militärverwaltung tätigen Schotten und einer Deutschen in Berlin geboren. Aufgewachsen im niedersächsischen Bad Bederkesa, engagierte er sich früh in der Jungen Union und machte nicht zuletzt durch sein rhetorisches Talent auf sich aufmerksam. Bereits als Jurastudent Kreistagsmitglied, stand er seinem Heimatort von 2001 bis 2002 als Bürgermeister vor. 1998 zog er als Spitzenkandidat des Parteinachwuchses in den niedersächsischen Landtag ein. Vorbild für ihn ist ohne Zweifel der 2003 verstorbene frühere niedersächsische CDU-Innenminister Wilfried Hasselmann, der den ländlich-konservativen Politiker – „sturmfest und erdverwachsen“ – verkörperte. Wie er zählt sich McAllister zum „Club der deutlichen Aussprache“ und wiegt damit die Schwächen des spröden Wulff auf. Somit ist „Mäck“ als Gastredner stets gern gesehen, und bei der JU haben seine Auftritte geradezu Kultstatus. 2002 wurde er Generalsekretär der Niedersachsen-Union, nachdem der erfolglose Vorgänger auf einen aussichtsreichen Listenplatz für die Bundestagswahl abgeschoben werden konnte. Angriffslustig profilierte sich der Reserveoffizier als „Wulffs Terrier“ gegen die damalige SPD-Regierung und hatte so Anteil am Sieg der Union 2003, den es bei der Landtagswahl am 27. Januar zu verteidigen gilt. Bei allem Polarisieren war er jedoch nie zu wirklichem Mut bereit: Als ein JU-Landeschef 2000 zaghaft ein konservativeres Profil der Partei anmahnte, wertete McAllister dies als Akt von Illoyalität gegenüber Wulff; als ein CDU-Landtagsabgeordneter 2003 den Solidaritätsaufruf für Martin Hohmann unterzeichnete, bestellte ihn der Fraktionsvorsitzende zum Abwatschen und öffentlichen Distanzieren ein – nicht ohne ihm dann hinter verschlossenen Türen auch auf die Schulter zu klopfen. Genauso distanzierte sich McAllister jüngst vom sogenannten „Einstein-Pakt“. Ob daraus nun angesichts früherer Bekenntnisse Rückgratlosigkeit oder Realitätssinn spricht, liegt im Auge des Betrachters.

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