Ende des Schweigens

Seit der letzten großen Kontroverse um den bundesdeutschen Umgang mit dem Andenken an die Erhebung des 20. Juli 1944 in den achtziger Jahren schweigt die Familie Stauffenberg zu dem Thema. Damals hatte man vergeblich gegen die Gleichsetzung des kommunistischen Widerstandes mit dem 20. Juli protestiert. Nun hat die Stauffenberg-Tochter Konstanze von Schulthess das Schweigen gebrochen. Allerdings nicht mit Anmerkungen zur Geschichtspolitik, sondern mit dem sehr privaten Erinnerungsband „Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg. Ein Porträt“ (Pendo, 2008), einer Würdigung ihrer 2006 verstorbenen Mutter (JF 15/06), die nachdem ihr Mann in der Nacht des 20. Juli schließlich gefallen war, die Verantwortung für die verfolgte Familie übernahm. Noch am Abend des selben Tages hatte Heinrich Himmler angekündigt, „die Familie bis ins letzte Glied“ auszulöschen. Doch am Ende durften sowohl Nina als auch die Kinder überleben. Deren jüngstes, Konstanze – heute verheiratete von Schulthess-Rechberg -, kam erst während der Sippenhaft Ende Januar 1945 in Frankfurt/Oder zur Welt. Der Vater habe sich „geirrt“, so schärfte Nina den ältesten Söhnen ein, bevor sie, die Tochter unterm Herzen, in Einzelhaft genommen wurde. Mit dieser Verstellung – nichts gewußt zu haben, gar treu auf seiten des Regimes zu stehen – sicherte die Mutter das Überleben der Familie. So leben heute vier Kinder, 12 Enkel und 25 Urenkel Stauffenbergs. Dabei zeichnet die Geschichtsschreibung ein zwiespältiges Bild der Nina von Stauffenberg. Von Harm- und Ahnungslosigkeit bis hin zum „zickigen Heimchen“ reichen die Nuancierungen, mit denen die 1944 31jährige Gräfin beschrieben wurde. So hält Tochter Konstanze Jo Baiers Stauffenberg-Spielfilm von 2004 (JF 11/04) zwar im ganzen für gelungen, berichtet aber von der Verletzung, die ihre Mutter angesichts der Darstellung ihrer selbst empfunden habe: Als nörgelndes, verständnisloses, politisch-korrektes Frauchen war sie da ins Bild gesetzt worden. Als Richtigstellung und posthum nachgereichte „Liebeserklärung“ an die Matriarchin möchte Schulthess ihr Buch verstanden wissen. Und: den Frauen des Widerstands überhaupt soll damit eine Würdigung zuteil werden, die ihnen bislang weitgehend versagt worden sei. Würde ist zugleich das Wort, um die Stauffenberg-Tochter zu umschreiben. Aufrecht, strahlend und zugewandt tritt die weißhaarige, christlich verwurzelte Wahl-Schweizerin auf. Journalistisch beliebte Mutmaßungen, ihre Familie sei in der Nachkriegszeit als „Verrätersippe“ Anfeindungen ausgesetzt gewesen, weist sie zurück. Derzeit ist von Schulthess auf Lesereise durch Deutschland. Die Aufregung über den Anfang 2009 anlaufenden Stauffenberg-Kinofilm mit Scientologe Tom Cruise (JF 28/07) teilt sie nicht. Sie freut sich, daß ihr 34jähriger Sohn Philipp darin eine Rolle übernommen hat und hofft, daß der US-Film den 20. Juli 1944 endlich auch in Deutschland populär macht.

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