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„Bitte keinen Kulturpessimismus“

Herr Professor Noam, warum nutzen Menschen eigentlich Medien? Wollen sie wirklich nur Informationen gewinnen, oder  geht es im Grunde darum, Teil von etwas zu sein?

Noam: Menschen nutzen Medien aus einer Vielzahl von Gründen. Natürlich geht es auch um Informationen für praktische Zwecke – und nicht unterschätzen sollte man auch den Unterhaltungsfaktor. Aber Sie haben recht, Medien bedeuten Kommunikation und Kommunikation stiftet Gemeinschaft.

Denn Informationen sammeln wir nicht nur, weil wir sie unbedingt brauchen, sondern auch, um als eine gebildete Person zu erscheinen, also um uns durch geistige Teilhabe als Mitglied einer Gesellschaft zu etablieren und nach Möglichkeit auf diesem Wege unseren Status innerhalb derselben noch zu verbessern.

„Technologiesprünge finden immer häufiger statt“

Dann käme in der Scheidung, ältere Menschen tendenziell gleich Nutzer traditioneller Medien, junge Menschen tendenziell gleich Nutzer neuer Medien, nicht nur eine technologische, sondern auch soziale Kluft zwischen den Generationen zum Ausdruck?

Noam: In der Tat, das ist ein sehr interessanter Gesichtspunkt. Heute sind wir es etwa gewohnt, daß ältere Menschen intensive Nutzer des Fernsehens sind. Das hat zum Teil mit dem Zeitbudget des Alters zu tun, aber auch mit der Tatsache, daß Fernsehen das Medium ihrer Generation ist. Wenn die heute Jungen einmal alt sind, werden sie nicht einfach zum Fernsehen wechseln, sondern auch weiterhin intensive Nutzer des Internets sein.

Und sie werden ihrerseits über das Mediennutzungsverhalten der dann jungen Generation schockiert sein. Die Technologiesprünge finden eben einfach immer häufiger statt: Während es früher mehrerer Generationen für einen Sprung bedurfte, finden heute während einer Generation womöglich mehrere Sprünge statt.

„Junge Leute schreiben und lesen  – aber nicht die Zeitung“

Rückgrat des Informationsmedien-Sektors sind nach wie vor die Zeitungen. Doch immer weniger junge Leute greifen noch danach. Laut einer Studie der New Yorker Carnegie Corporation ist „die Zukunft der US-Nachrichtenindustrie durch die dauerhafte Flucht junger Leute weg von den traditionellen Nachrichtenquellen ernsthaft gefährdet“.

Noam: Das Problem ist, daß die Zeitungen nicht mehr in der Lage sind, die folgende Generation von Lesern in der Stärke der bisherigen zu regenerieren. Es war freilich schon immer so, daß die junge Generation weniger Zeitung gelesen hat als die ältere. Aber auch diese Generation wurde einmal älter und begann dann Zeitung zu lesen. Diese Wandlung ist es, die heute nicht mehr in ausreichendem Maße funktioniert.

Allerdings möchte ich dazu zweierlei anmerken – und dem vorausschicken, daß ich eigentlich ein großer Anhänger des klassischen Mediums Zeitung bin. Aber das darf – erstens – nicht den Blick dafür verstellen, daß die Zeitung schon lange auf dem Rückzug ist. Denn das Goldene Zeitalter des Zeitungswesens war am Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts. Seitdem machen ihr immer neue Medien erhebliche Konkurrenz: zunächst das Radio, dann das Fernsehen, später das Kabelfernsehen und heute das Internet. Früher hatte die Zeitung eine exklusive Stellung, heute ist sie gleichauf mit den anderen.

Der Verlust eines Privilegs ist aber kein Weltuntergang, sondern im Grunde der Einzug der Normalität. Also bitte keinen Kulturpessimismus, nur weil der Wind rauher wird und die Situation sich normalisiert. Und zweitens, die Zeitung ist nicht unter Druck geraten weil die Gesellschaft in Verfall begriffen wäre, wie manche Betroffene den Vorgang zu erklären versuchen, sondern es gibt gute Gründe dafür.

„Das wäre, als würde man Autofahrern Primitivität unterstellen“

Nämlich?

Noam: Erinnern Sie sich, vor wenigen Jahrzehnten noch beklagten Lehrer, Wissenschaftler und Medienforscher, die jungen Leute würden nicht mehr lesen, nicht mehr schreiben, nur noch in den Ferseher glotzen – die Bildung sei im Sinkflug begriffen. Und heute? Die jungen Leute lesen und schreiben dank der neuen Medien sogar mehr als früher. Bloggen, also das Verfassen eigener Beiträge im Netz, hat sich zu einem Boom entwickelt und die Leute schreiben heute vermutlich mehr E-Mails und SMS als man früher je Briefe und Postkarten geschrieben hat!

Es ist immer so: Angeblich war das Medienpublikum früher stets klüger, interessierter, gebildeter. Heute dagegen, so die Klage, sei es faul und desinteressiert. Stimmt das wirklich, oder gehört das nicht vielleicht zur Mythologie eines Mediums, daß in der verklärten Erinnerung an sein Goldenes Zeitalter lebt? Nur weil sich Leute heute der komfortableren und leistungsfähigeren neuen Technologie bedienen, macht sie das nicht zu kulturell minderwertigen Menschen. Das wäre, als würde man Autofahrern Primitivität unterstellen, nur weil sie verständlicherweise nicht mehr die Mühe auf sich nehmen, ihre Reisen zu Fuß zu unternehmen.

Aber was sind nun die guten Gründe, von denen Sie vorhin sprachen?

Noam: Im Englischen verweist das Wort „newspaper“ deutlicher als im Deutschen auf das Problem: die materielle Form. Das System der Nachrichtenverbreitung durch bedrucktes Papier ist im Vergleich zu den neuen Möglichkeiten zu träge, zu teuer und vor allem eines: endlich. Ich meine, die Informationsmenge wächst ständig, die Zeitung aber nicht.

Zeitung ist seit jeher ein Kompromiß, da sie eine begrenzte Kapazität hat. Das Netz dagegen ist im Grunde unendlich. Wenn mich eine bestimmte Sache interessiert, kann ich mich immer weiter durchklicken und mir darüber immer mehr Informationen beschaffen. Zeitungen sind wie Anzüge von der Stange, Online-Medien sind dagegen die Maßanzüge des Nachrichtengeschäfts.

„Online-Medien: die Maßanzüge des Nachrichtengeschäfts“

Der Journalistik-Professor Michael Haller von der Universität Leipzig meint, Jugendliche empfänden Zeitung heute als zu abstrakt: „Die Texte zu lang, die Sprache zu weit weg, die Fotos oft wie gestellt.“ Das ganze wirke auf die Jungen „distanziert“.

Noam: Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, daß die Älteren genau so argumentieren, wenn sie erklären, warum sie nichts mit Internet und Computer anfangen können? Das Netz ist ihnen zu abstrakt, die Zeitung dagegen empfinden Sie als lebendig und natürlich. Die Jugendlichen empfinden das sicher so, wie Professor Haller es beschreibt. Sogar der Zeitungszar Rupert Murdoch hat schon ähnliches geäußert.

Tatsächlich aber zeigt das, daß sich eben jeder in „seinem“ Medium wohl fühlt und daß die Leute offenbar für ihre Wahl keine – objektiven – Gründe haben, sondern im nachhinein die Gründe dafür finden. Dennoch haben die Zeitungen in den letzten Jahren bereits auf diese Empfindlichkeiten der jungen Generation reagiert und verwenden heute entschieden mehr Farbe, mehr Bilder, ein ansprechenderes Layout, widmen sich verstärkt auch trendigen Themen und versuchen mitunter auch, ihre Textformate abwechslungsreicher zuzuschneiden.

Aber sie können auch damit den Zug der Zeit nicht aufhalten, denn mit dem Multimedia-Angebot im Netz können sie nicht mithalten. So wenig wie das Radio – außer vielleicht beim Autofahren – je eine Chance hatte, sich im direkten Vergleich mit dem Fernsehen zu behaupten, weil dieses einfach mehr Sinne zu befriedigen vermag.

„VHS war definitiv nicht das beste System, aber es war standardisierbar“

Geht die eigentliche Gefahr für die Zeitung aber vielleicht gar nicht von seiten der jungen Mediennutzer aus, sondern von seiten der Technologie? Unsere Medien-Zukunft wird zweifellos aus integrierten Systemen bestehen. Die Voraussetzung dafür ist jedoch die Digitalität. Müssen die traditionellen Medien also nicht schon deshalb aussterben, weil sie aufgrund ihres analogen Charakters nicht  vernetzbar, rein physisch nicht kompatibel mit den integrierten Systemen der Zukunft sind?

Noam: Diese Überlegung hat zweifellos etwas für sich. Erinnern wir uns zum Beispiel an den Kampf der Formate bei Einführung des Videorekorders und seinen Gewinner: das japanische VHS-System. VHS war definitiv nicht das beste System, aber es war in hohem Maße standardisierbar und es war das System, das sich am besten in das kommerzielle Vermarktungssystem einfügen, das sich am ehesten integrieren ließ.

Und so hat es das Rennen gemacht. Aber wir sollten uns für die Zukunft vielleicht davon verabschieden, Inhalte und physische Form als zwingend aneinander gebunden zu betrachten. Zeitungen wie in den USA die New York Times oder bei Ihnen in Deutschland zum Beispiel der Spiegel bauen stark ihre multimediale Präsenz aus. Das heißt, in Zukunft ist Print nur noch eine Erscheinungsform. Künftig hat Zeitung ebenso eine Online-Existenz, mit multimedialen Zutaten.

Sie wird damit auch dann überleben, sollte der Bereich Print immer tiefer in die Krise geraten. Entscheidend ist allein, daß die Inhalte stimmen! In Zukunft werden wir bei dem Wort „Zeitung“ vielleicht nicht mehr an ein Bündel Papier denken, sondern an eine Redaktion, die Inhalte bereitstellt und auf ganz unterschiedliche Weise distribuiert.

Im übrigen, manche analoge Technologie schafft auch die Wandlung hin zu digital integrierbarer Technologie. Das analoge Fernsehen etwa ist bereits mitten in der Transformation zum Digitalfernsehen, und der analoge Kinofilm steht immerhin davor. Und was die Zeitung angeht: Forscher experimentieren bekanntlich schon heute mit völlig neuem, digitalem Papier! Vielleicht werden wir ja auch hier eine Überraschung erleben.

„Neuen Medien stellen die Macht der Journalisten in Frage“

Die Träger der Nachrichten, die Medien, stehen vor einer Revolution, was bedeutet das für seine Form, den Journalismus?

Noam: Die Neuen Medien stellen natürlich die bisherige olympische Macht der Journalisten in Frage. Denn zum einen bekommen sie Konkurrenz, da sich im Netz jeder auf eigene Faust als Journalist betätigen kann, zum anderen sehen sie sich künftig unmittelbar der Reaktion ihrer Kunden ausgesetzt, die mit E-Mails, Antwortfunktionen, Blogbeiträgen und ähnlichem sofort und direkt auf ihre Beiträge reagieren können.

Verschmelzen also auch Netz und Journalismus? Wird der Journalist der Zukunft degradiert? In Korea gibt es eine populäre Online-Zeitung Namens Oh my News, eine Art Bürger-Journalismus, an dem sich jeder beteiligen kann. Wenn aber jeder ein Journalist ist, hat vielleicht der professionelle Journalismus keine Bedeutung mehr, so sagt man. Aber ich glaube, genau aus diesem Grund, des unrezensierten, ungefilterten und unprofessionellen Journalismus wird es ein besonderes Interesse an Plattformen und Journalisten geben, die echten Qualitätsjournalismus bieten.

„Die Massenmedien werden nicht mehr sein, was sie waren“

Können die Neuen Medien tatsächlich je die etablierten Massenmedien ersetzen? Derzeit genießen sie zwar viel Aufmerksamkeit, aber ist ihr Potential nicht beschränkt? Denn verlangen sie nicht zu viel von ihren Nutzern angesichts der Tatsache, daß die Mehrheit der Menschen in einer Konsumhaltung verharrt?

Noam: Grundsätzlich haben Sie recht: Je bequemer die Nutzung, desto größer die Chancen auf Erfolg eines Mediums. Aber Sie vergessen dennoch einen Aspekt: Die klassischen Medien bieten keine soziale Belohnung für eventuelle Anstrengungen. Was die Leute für die interaktiven Mühen der neuen Medien motiviert, ist zum Beispiel, daß sie mit der Aufmerksamkeit vieler anderer Online-Nutzer belohnt werden können: Andere Nutzer lesen meinen Text, besuchen meine Seite, etc., möglicherweise sogar Hunderte andere!

Vielleicht antworten Sie mir sogar direkt darauf oder sie diskutieren online darüber und ich kann diese Debatte mitverfolgen! Gerade Jugendliche legen Wert auf solche sozialen Effekte, deshalb sind sie auch eher bereit, sich in den Neuen Medien zu engagieren. Früher hatte ein führender TV-Sender ein oder zwei Kanäle.

Heute hat er womöglich einen ganzen Strauß von Kanälen, ein Videotext- und ein Online-Angebot. Massenmedium heißt also nicht mehr zwangsläufig: ein Riesenpublikum für eine synchrone – gleichzeitige – Sendung. Sondern die Versorgung eines vielfältigen Publikums mit einem vielfältigen Angebot zu individuellen Zeiten.

So ist es schon lange bei Büchern oder Zeitschriften, und das Fernsehen wird auch hier nur normalisiert und verabschiedet sich von der Zeit, als das halbe Volk gleichzeitig eine Sendung sah. Davon wegzukommen ist ein Fortschritt! Und wenn viele der Programme von neuen oft individuellen Medienproduzenten angeboten werden, so ist auch das ein weiterer Fortschritt in die Zukunft.

Der Kommunikations- und Wirtschaftswissenschaftler Eli Noam ist Direktor des Columbia Instituts für Tele-Information (CITI) an der Universität von New York.
Als Mitglied zahlreicher Aufsichtsgremien berät er Wirtschaft und Politik, so etwa den Chiphersteller Intel, den Wissenschaftsrat der France Telecom und – von 2003 bis 2005 – den Beratungsausschuß für Informationstechnologie der US-Regierung und des Bundesstaates New York.

Geboren 1946 in Jerusalem, lehrte er zunächst in Princeton und St. Gallen, zudem ist er Ehrenprofessor der Universität München. Er veröffentlichte zahlreiche Gastbeiträge in der Financial Times und der New York Times sowie über zwei Dutzend Buch-titel, zum Beispiel „Telecommunications in Europe“ (1992), „Globalism and Localism in Telecommunications“ (1997) oder „Competiton for the Mobile Internet“ (2004). 

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