Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Reigen ins Licht

In diesem Jahr fällt das Entzünden der vierten Adventskerze bereits auf Heiligabend. Während es sonst über den Ursprung von Weihnachtsbrauchtum die unterschiedlichsten Auffassungen gibt, besteht Einigkeit darüber, daß der Adventskranz auf den 1808 in Hamburg geborenen Theologen Johann Hinrich Wichern zurückgeht. Im Advent des Jahres 1839 ließ er im Betsaal des "Rauhen Hauses" zu Hamburg einen hölzernen Leuchter mit dreiundzwanzig Kerzen aufhängen, neunzehn kleineren roten und vier größeren weißen. Die roten symbolisierten die Wochen-, die weißen die Sonntage der Adventszeit. Der Grund soll das ewige Fragen der Kinder gewesen sein, die ungeduldig wissen wollten, wann endlich der Heiligabend komme. Erst zwei Jahrzehnte später begann man den Holzkreis mit Tannengrün zu schmücken und hängte einen Adventskranz wie den des Hamburger Rauhen Hauses auch im Waisenhaus zu Berlin-Tegel auf.

Beide Einrichtungen gehörten zur "Inneren Mission", jenem großen Werk, das Wichern aus dem Geist christlicher Caritas geschaffen hatte, das aber auch Praxis jener konservativen Soziallehre war, die dieser evangelische Theologe entworfen hatte, um dem Proletariat als neuem, "viertem Stand" seinen Platz in der Gesellschaft zu geben. Wichern lehnte egalitäre Weltanschauungen ab, glaubte aber, daß man durch Barmherzigkeit, Erziehung und eine kluge Fortsetzung des Überlieferten die Ordnung bewahren und weiterbilden könnte, mehr noch, daß die absehbare Gefahr der Entchristlichung Europas so doch aufzuhalten sei.

In gewisser Weise gehört dieser Hintergrund auch zum Verständnis des Adventskranzes, der zwar eine Neuerung war und sich erst am Anfang des 20. Jahrhunderts im protestantischen, erst seit der Zwischenkriegszeit auch im katholischen Deutschland durchgesetzt hat, aber schließlich so selbstverständlicher Teil des vorweihnachtlichen Schmucks geworden ist, daß viele an eine ganz alte Tradition glaubten und noch glauben.

Ein Grund dafür liegt sicher in der Ähnlichkeit mit Festkränzen, die man zu anderen Gelegenheiten aufhängt: beim Richtfest, beim Aufstellen des Maibaums, beim Erntedank, in Schweden auch zu Mittsommer. Der zweite Grund war die unmittelbar einleuchtende Symbolik des Adventskranzes, dessen nacheinander entzündete Kerzen das Näherrücken der Erscheinung des großen Lichtes der "Weihnachtssonne" in der Heiligen Nacht verdeutlichen. Die Verknüpfung mit dem Tannengrün schließlich verweist auf die schon aus heidnischer Zeit herüberreichende Vorstellung vom dauernden Leben, das auch in Nacht und Kälte nicht stirbt, sondern sich stetig erneuert und verjüngt. Ein Aspekt des Christentums vor dem Christentum, der auf seine Weise in Bachs Kantate zum Ersten Advent seinen Ausdruck gefunden hat, in deren erster Strophe es nach Luthers Dichtung heißt: "Nun komm, der Heiden Heiland, / Der Jungfrauen Kind erkannt, / Des sich wundert alle Welt, / Gott solch Geburt ihm bestellt."

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