Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Häutungen eines Punks

Ich würde mir gerne Texte merken können“, erklärt die „Punk-Legende“ Campino auf die Frage nach der natürlichen Begabung, die er gerne besäße. Hat er diese nun plötzlich entwickeln können? Er wird es beweisen müssen. Zeit zum Lernen hatte er genug. Mehr als drei Monate lang vergrub sich der Sänger, Komponist und Texter der Punkrockband „Die Toten Hosen“ in Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“, in der er derzeit unter der Regie Klaus Maria Brandauers in Berlin sein schauspielerisches Debüt als Mackie Messer gibt. Eine Sensation? Nicht nur in den hauptstädtischen Feuilletons herrscht helle Aufregung. Ein Punk der „No Future“-Generation der frühen achtziger Jahre als seriöser Mime? Seine Rolle als Punk hatte Campino, im bürgerlichen Leben Andreas Frege, seit Gründung der Toten Hosen im Jahr 1982 konstant in Szene gesetzt. Doch weniger Exzesse mit Büchsenbier prägten diesen Weg als vielmehr Campinos „Engagement“. Mit seinen „Hosen“ ritt er die Wellen des Zeitgeistes der achtziger und neunziger Jahre. Ob der Widerstand gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf oder der Protest gegen Castor-Transporte – bei dem sich der Barde im Jahr 1998 einen polizeilichen Fausthieb ins Gesicht einhandelte -, ob der Kampf gegen „Nazis“ oder die Antipathie gegenüber allem Deutschen, immer war auch Campino dabei und etablierte sich als Vorzeige-Punk zum Liebling der Medien. Kein Wunder, daß diese nun das Mackie-Debüt des 44jährigen feiern und nach dem Warum fragen. Auch hier mimt der Vater eines zweieinhalbjährigen Sohnes die Punk-Legende. „Ich war seit 25 Jahren nicht mehr so viel Punk wie in diesen Wochen.“ Brecht macht’s möglich. Zwar nennt Campino eher Charles Bukowski als Lieblingsschriftsteller. Doch ganz Geschäftsmann erkennt er viele Parallelen zwischen der Dreigroschenoper und den „philosophischen Gedanken“ der Punk-Bewegung. „Wenn die Pistols Lieder sangen über Abtreibung und so, dann war das schockierend. Aber wenn man sich die Zuhälterballade von Brecht reinzieht, dann war der schon 60 Jahre vorher auf diesem Stand. Es ist härter als jede Hausbesetzer-Lyrik …, wenn es da über die Polizei heißt, ‚man schlage ihnen ihre Fressen mit schweren Eisenhämmern ein‘. Das ist doch fantastisch. Das dürfte ich als gestandener Mann bei den Toten Hosen so auch nicht mehr singen“, offenbarte er der Berliner Zeitung sein Dilemma. Denn fernab jeder Punk-Attitüde ist Andreas Frege längst im Bürgertum angekommen. Er genießt das Familienleben, liebt geordnete Verhältnisse und erklärt, daß sich Werte „verschieben“: „Vielleicht hat das was mit dem Älterwerden zu tun … Die Fronten sind einfach nicht mehr klar.“ Der alternde Punk häutet sich, und die zurückgelassenen Anhänger fragen entsetzt, ob Campino demnächst noch eine eigene Kochsendung moderieren wird. Viel Text bräuchte er dafür auch nicht zu lernen.

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