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Blindfeuer ins Zedernland

Die Offensive Israels im Libanon, der Krieg gegen die Hisbollah, ist jetzt in der fünften Woche. Bislang hat er tausend Menschen das Leben gekostet, 4.000 wurden verletzt. Es handelt sich zu 90 Prozent um libanesische Zivilisten, ein Drittel davon Kinder. Eine Million – jeder vierte Libanese – ist auf der Flucht. Viel brutaler kann ein Staat einen Krieg kaum führen: Der libanesische Süden ist „ethnisch“ weitgehend gesäubert, das Gros der schiitischen Bevölkerung vertrieben. Die Infrastruktur des Libanon – Häfen, Straßen, Brücken, Versorgungseinrichtungen, Elektrizitätswerke, Öllager – wurde und wird zermahlen. Ein durch die Bombardierung eines küstennahen Kraftwerks ausgelöster und inzwischen 130 Kilometer langer Ölteppich vor der libanesischen Küste wird die Wirtschaft des Libanon, den Fischreichtum und die Tierwelt des östlichen Mittelmeeres dramatisch schädigen. Dieser Tage kündigte ein führender General der fünfstärksten Armee der Welt ein weiteres gigantisches Kriegsverbrechen an: In der weiteren Eskalation werde man die Infrastruktur in einem solchen Ausmaß zerstören, „daß es im Libanon für einige Jahre dunkel bleibt“. Doch trotz allem steht der eigentliche Gegner, die Hisbollah, immer noch – unerschüttert, wie es den Anschein hat. Auf dem Gefechtsfeld im Südlibanon hält sie unerwartet zäh stand, nutzt ihre tief gestaffelten Graben- und Tunnelstellungen für Angriffe auf Israel und hält mit starken panzerbrechenden Waffen die Invasionstruppen in Schach. Die Zwischenbilanz nach vier Wochen zeigt eine nachdenklich gewordene oder gar ratlose Armee. Am ersten Tag hieß das Kriegsziel Israels noch „Vernichtung der Hisbollah“. Davon sprechen der in militärischen Dingen unerfahrene Regierungschef Ehud Olmert und sein Verteidigungsminister Amir Peretz nicht mehr. Aus Kreisen der internationalen Strategieanalysten hört man, daß der Mangel an Fachwissen und der unstillbare Ehrgeiz des Führungsduos dazu geführt hat, daß die politische Spitze interne Meinungsverschiedenheiten im Generalstab nicht schlichten konnte und einem der in Israel umstrittensten Militärs die Entscheidung überließ, dem neuen Generalstabschef Dan Halutz, einem Luftwaffengeneral. „Borniert, unsensibel, verantwortungslos“ nannten ihn innerisraelische Kritiker. Bei Kriegsbeginn trat er als selbstbewußter Feldherr auf, der eigenständig die Kriegsziele formulierte und dem Ministerpräsidenten den Rang ablief. „Das Ziel unserer jetzigen Operationen ist es, die Hisbollah auszurotten“, formulierte er. Als das nicht gelang, wurde als nächstes Ziel die „Schwächung“ der Hisbollah ausgegeben. Doch die Schiiten-Miliz ist nach wie vor in der Lage, jeden Tag hundert oder mehr Raketen auf Israels Norden abzufeuern. Und um Ersatz für ihre Verluste braucht sie sich keine Sorgen zu machen. Militärexperten schätzen, daß von ihren 8.000 ausgebildeten Kämpfern erst ein Viertel im Einsatz ist. Inzwischen wird gefordert, die Hisbollah wenigstens so weit wie möglich von der Grenze weg nach Norden zu drängen. Aber wie weit? Und wie? Neuerdings würde man sich schon damit begnügen, eine internationale Truppe entlang der Grenze aufzustellen – eine Forderung, die in den ersten Kriegstagen von Olmert noch kategorisch abgelehnt wurde. Die israelische Zeitung Haaretz bezeichnete die Situation als „verfahren“. Das ist ein mildes Wort für den gordischen Knoten, den Fanatiker und unfähige Politiker aller Seiten geknüpft haben. Doch immerhin macht der Versuch einer Entwirrung des libanesischen Knotens wie in einem Brennspiegel all die Verwerfungen und Irrtümer sichtbar, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten aus dem Zusammenprall regionaler Machtinteressen mit den globalen, dem Konflikt der Weltanschauungen des Orients und des Okzidents, dem Kampf um Ressourcen und Verbindungswege entstanden sind. Sie stellen nicht nur den Libanon vor die Aufgabe einer neuen und realistischeren Machtverteilung im brüchigen Gleichgewicht seiner konfessionellen Gemeinschaften, sondern bringen auch Erkenntnisse und Fragen für die USA, für Europa und für „die Weltgemeinschaft“ mit sich, die zu grundsätzlichen Änderungen der politischen Gewohnheiten führen müssen. In den Reihen kluger israelischer Analytiker und auch amerikanischer Politiker und Strategieexperten läuft seit Wochen eine erschrockene Realisierung, daß Israel eben nicht mehr unbesiegbar ist. Die asymmetrische Kriegführung der Hisbollah hat Israel in einer Weise getroffen, die kaum jemand vorhergesehen hat. Selbstverständlich führt dies zu einer strategischen Veränderung in diesem Raum. Auch die Politik Washingtons in der Region steht vor einem Scherbenhaufen. Die „Demokratisierung“ hat bisher nirgendwo die gewollten Erfolge gezeitigt – nicht in Palästina, nicht im Irak und auch nicht im Libanon nach der Vertreibung der syrischen Ordnungsmacht und der erzwungenen „Zedernrevolution“. Washington hat zu der Einsicht gefunden, daß man das „alte Europa“ doch braucht und daß man auch sein Verhältnis zu den arabischen Nachbarstaaten Israels, vor allem zu Syrien, überdenken muß. Die Washington Post stellte dieser Tage nüchtern fest: „Daß die Bush-Regierung sich so lange geweigert hat, mit Staaten und Gruppen, die sie dem Terrorismus zuordnet, ernsthaft zu sprechen, hat ihren Handlungsspielraum im jetzigen Krieg stark eingeengt.“ Stimmen wie die-se hört man zwischen Washington und West-Jerusalem nun häufig. Fast unisono heißt es: Wenn Syrien tatsächlich das Fenster für den Nachschub der Hisbollah ist, dann wäre es doch sinnvoll, eine Lösung anzustreben, bei der Syrien wesentlich beteiligt ist. Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier machte sich als einer der ersten Politiker diese Erkenntnis zu eigen. Syriens Politik gegenüber Israel ist einfach erklärt: Es wird die Kreise Israels stören, wo und wie es nur kann, aber nur so weit, daß die Schwelle zur direkten Konfrontation nicht überschritten wird. Syrien wird radikale Palästinenserorganisationen, die Hisbollah im Libanon und andere Gegner Israels so lange unterstützen, solange die syrischen Golanhöhen besetzt und annektiert sind und solange Israel nicht zu einem zufriedenstellenden Friedensschluß bereit ist. Bashar al-Assad selbst hat den Preis für seine Mitarbeit genannt, er besteht schlicht und einfach in der Rückgabe der Golanhöhen gemäß den Grenzen von 1967. Israel meint bislang, diesen politischen Preis – der im übrigen auch dem Völkerrecht und zahlreichen UN-Resolutionen entspräche – nicht zahlen zu müssen, und wird sich nun entsprechend bewegen müssen – gleichgültig, welche Resolutionen, Lösungen, Mandate und etwaige Friedenstruppen in New York beschlossen werden.

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