„Die Rückkehr des Patriarchats“

Herr Longman, Sie haben unlängst einer Zeitung anvertraut, schwedische Männer gingen wieder verstärkt Elche jagen. Warum? Longman: Nun, so habe ich mir sagen lassen, dies sei die Konsequenz der schwedischen Familienpolitik mit ihren Erziehungsmonaten für Väter: Sie nutzen die Zeit, um jagen zu gehen. Ab 1. Januar 2007 gibt es die Erziehungsmonate für Väter auch in Deutschland. Longman: Und? Womit werden sich die Väter in Ihrem Land die Zeit vertreiben? Gute Frage. – Haben Sie das schon mal Frau Merkel gefragt? Longman: Wäre das nicht Ihr Job? Haben wir schon versucht, leider ohne Erfolg. Was halten Sie denn ansonsten von der neuen deutschen Familienpolitik? Longman: Länder mit einer Geburtenrate wie Deutschland haben nicht viel Spielraum, sie müssen irgend etwas unternehmen. Es sollte ihnen aber mehr einfallen, als die Leute nur dafür zu bezahlen, Kinder zu bekommen: Sie müssen die Situation der jungen Eltern ändern, konkret etwa die Stimmung im Lande verbessern. Menschen müssen zuversichtlich in die Zukunft sehen, um Kinder zu bekommen! Daran arbeitet die deutsche Familienministerin angeblich unermüdlich: bessere Stimmung durch „social engineering“. Klingt zwar sozialdemokratisch, ist aber CDU-Politik. Longman: Das hat man schon im alten Rom versucht, ohne viel Erfolg. Tatsächlich sind es meist Maßnahmen auf Politikfeldern, die gar nichts direkt mit dem Kinderkriegen und -aufziehen zu tun haben, die den größten Effekt erzielen. In Deutschland ist der enorme Pessimismus im Lande auffällig. Zu glauben, das hätte nichts zu tun, mit der Bereitschaft der Deutschen, Kinder zu bekommen, ist doch naiv! Ihr Deutschen gehört zu den privilegiertesten Menschen auf unserem Planeten. Ich weiß nicht, warum bei Euch die Stimmung dennoch vergleichsweise schlecht ist. Warum ist die Zuversicht der Aufbaujahre der Bundesrepublik einer Art „grünen Depression“ gewichen? Warum glauben so viele Leute bei Euch, ihren Kinden die Zukunft oder der Zukunft unseres Planeten weitere Kinder nicht zumuten zu können? Und die Stimmung droht noch weiter zu sinken, wenn eintritt, was Sie prophezeien und womit Sie derzeit international provozieren. Der „Spiegel“ zum Beispiel bezeichnet Ihre Voraussage von der „Rückkehr des Patriarchats“, wie Ihr umstrittener, in den USA erschienener Essay heißt, als „verstörend“. Longman: Auf viele liberal orientierte Menschen mag diese Aussicht verstörend wirken, weil diese Prognose besagt, daß die westliche Welt in Zukunft wieder erheblich konservativer sein wird. Viele unserer individualistischen Freiheiten werden wir verlieren. Familie, Religion und Tradition werden eine Renaissance erleben. Die Einzelkindfamilie der aufgeklärten sechziger und siebziger Jahre wird sehr wahrscheinlich aussterben. Sie haben sogar formuliert: „Sie werden keine Spuren hinterlassen.“ Longman: Ja, gut möglich. Wir beschäftigen uns mit Selbsterforschung, Selbstverwirklichung, Selbstbefreiung, Homosexualität und Abtreibung und haben darüber den Schutz der Familie vernachlässigt. Nun gehen uns die Kinder aus, erst in Ländern wie Deutschland oder Kanada, später auch in den USA. In einem Interview mit dieser Zeitung erläuterte der Soziologe Meinhard Miegel unlängst seine These: „Die Kultur des Westens zerstört sich selbst.“ Longman: Es ist nicht nur, daß der Wohlfahrtsstaat, der vor seinem Zusammenbruch steht, uns auf den ursprünglichen „Wohlfahrtsstaat“, die Familie, zurückwirft. Es ist nicht nur, daß die multikulturelle Gesellschaft sich als Gefahrenherd für unseren offenen Lebensstil entpuppt. Der Grund dafür ist, daß unsere Gesellschaften die notwendigen natalen Reproduktionsraten nicht mehr erreichen. Aber in jeder Gesellschaft gibt es einen Rest an traditionellen Werten und Religion, der von einer „zerfallenden“ oder schrumpfenden liberalen Gesellschaft immer wieder „ausgebrütet“ wird. Ich sehe nicht das Ende, sondern die Transformation: Eine Rückkehr des Patriarchats. Bevor sich eine Gesellschaft zugrunderichten kann, kommt es zu einem Umschwung durch diesen traditionellen Kern, der im selben Maß an Bedeutung gewinnt, wie der übrige Teil an Bedeutung verliert. Warum? Weil die Menschen, die noch nach konservativen, familiären Mustern leben, einfach mehr Kinder bekommen. Und diese Gunst der Stunde nutzt nun das „internationale Männertum“ um sich wieder an die Macht zu putschen? Longman: Ironischerweise könnten es gerade die Frauen sein, die das Patriarchat als erste wiederentdecken. Denn für die Männer ist es doch eine eher unattraktive Veranstaltung. Denken Sie nur an all die Pflichten, die damit verbunden sind! Heute profitiert doch auch der Mann von der Selbstverwirklichung: Er kann sich seinen Vorlieben und Hobbys widmen und wenn man ihn über Gebühr in die Pflicht nehmen will, kann er einfach auf das Partnerschaftsprinzip verweisen. Im Patriarchat dagegen hat er wieder eine Rolle auszufüllen. Daß kinderreiche Familien „evolutionär“ im Vorteil sind, mag einleuchten, aber warum kommt es zu einem neuen Patriarchat? Longman: Wenn die Familien, die nach konservative Gesellschaftsmodell leben, die Liberalen in puncto Kinder überrunden, dann wird das nicht ohne Auswirkung auf das Werteverständnis der Gesellschaft bleiben. Langfristig wird es zu einem Richtungswechsel kommen. Das Patriarchat ist ein Selbstverteidigungsmechanismus der Gesellschaft, der in der Geschichte immer wiederkehrt. Es ist besonders für Zeiten geeignet, in denen der Wohlfahrtsstaat zusammenbricht. Das heißt nicht, daß das Mittelalter wieder hereinbricht, auch wenn uns das künftige Patriarchat, gemessen an unserer heutigen liberalen Lebensweise, „mittelalterlich“ anmuten mag. Es wird vielmehr ein modernes Patriarchat sein. Frauen werden keinesweges wieder völlig der Produktion entzogen werden, aber Mutterschaft und Familie werden eine neue Bedeutung bekommen. Es wird eine Welt sein, in der der Ruf der Familie wieder etwas zählt. Der Name der Familie – der der Name des Mannes ist – wird wieder eine Ehre haben und wird den Familienmitgliedern als Antrieb dienen, diesem Namen Ehre zu machen. Väter werden wieder auf ihre Kinder stolz sein und sich deshalb auch um deren Erziehung kümmern, Kinder werden danach trachten, diese Erwartungen zu erfüllen. Ein Bewußtsein für die Familienehre, für die Tradition, ein Sinn für die Verbindung zu den Vorfahren, der Glaube an Gott, all das sind Faktoren, die die Reproduktion positiv beeinflussen. Solche Familienmodelle werden mehr Kinder hervorbringen und ihre Werte innerhalb der Gesellschaft folglich dominant weitergeben. Die Gesellschaft wird sich fundamental verändern. Das heißt, alle etablierten Kräfte haben den Wandel zu fürchten? Longman: Das kommt auf ihre persönliche Prioritätensetzung an. Ich weiß aber nicht, warum wir im Patriarchat unglücklicher sein sollen? Wir werden Freiheiten verlieren, wir werden aber auch verschüttete Vorteile wiedergewinnen und viele der gesellschaftlichen Krankheiten, die Folge unserer Individualisierung sind, wie Vereinsamung und Depression, werden zurückgehen. Und warum sollte eine Frau um ein sinnvolles Leben betrogen sein, wenn sie sich für Haus und Kinder entscheidet – und dabei vielleicht nicht zusätzlich auch noch in die Fabrik hasten muß? Schon heute befürwortet die Mehrheit der 25 Jahre alten Frauen in den USA Mutterschaft wieder als primäres Lebensziel. Im Zentrum des Patriarchats sehen Sie das Prinzip der Verantwortung. Longman: Das Patriarchat ist in erster Linie kein Herrschafts- sondern ein Sozialsystem, es ist ein System, das Verantwortung zuordnet. Es bindet die beteiligten Personen in einer Zeit, da der Staat nicht mehr in der Lage ist, das sich selbstverwirklichende Individuum zu subventionieren, stärker aneinander. Es verlangt von Männern, wieder Ehemänner und Väter, von Frauen, wieder Ehefrauen und Mütter zu sein. Ich spreche also ganz und gar nicht von einem System der Männertyrannei. Es gibt natürlich auch Fälle, wo Männer unumschränkt herrschen, sich Frauen nehmen wie sie wollen und sich nicht um die Kinder kümmern. – Davon spreche ich gerade nicht! Wenn das Patriarchat eine Gesellschaftsform ist, in der das Prinzip der Verantwortung zum Ausdruck kommt, dann fehlt demzufolge diese Verantwortung heute. Demnach wäre unsere gegenwärtige Gesellschaft als verantwortungslos, sprich dekadent, zu bezeichnen? Longman: Dekadenz ist eine Vorstellung Oswald Spenglers. Ich wäre da vorsichtig. Es ist nicht so, daß wir eine völlig verantwortungslose Gesellschaft wären, wir haben Verantwortung zum Beispiel kollektiviert. Steuern etwa sind nichts anderes als Ausdruck kollektiver Verantwortung. Eine externalisierte Verantwortung. Folge: Befreiung des Individuums aus der persönlichen Verantwortung. Longman: Ich denke der Punkt ist eher, daß wir eine Ökonomie geschaffen haben, deren wichtigster „Rohstoff“ das Humankapital ist. Wir haben dabei die ganze Last für die Herstellung dieses Humankapitals auf die Schultern des Individuums geladen. Bedenken Sie: In einer wirklich gerechten Welt müßte Ihnen der Arbeitgeber ihrer Kinder ein Gehalt dafür zahlen, daß Sie ihm durch Ihre jahrelange Mühe eine Person zur Verfügung stellen, mit der er mehr Geld macht, als er ihr bezahlt. Tatsächlich aber kriegen Sie nichts. Was ich damit verdeutlichen will: Wir haben das Ende des Lebens, das Alter, gesellschaftlich sozialisiert – aber nicht den Beginn! Da setzen wir ganz auf den Individualismus. Folge: Das schwächste Glied der Kette bricht. Nun fehlen die Kinder. Wird sich unsere säkular-individualistische Gesellschaft also nicht wie gedacht als Sieger der Geschichte, sondern nur als Episode erweisen? Longman: Die hohe Zeit des Individualismus ist vorbei. Nicht nur wegen der Demographie, sondern weil die Technologie immer mehr das Individuum bedroht. Die Welt ist vernetzter, anfälliger, wir alle sind mehr bedroht. Ich sehe eine Welt der Schutzzäune, in jeder Beziehung. Es ist wie im Weltnetz, die Zeiten des unbeschwerten Netzreitens sind vorbei, heute müssen sie ständig Angst vor Viren und Würmern haben. Nicht zuletzt spielt die Einwanderung eine Rolle. Der Fall Theo van Goghs in Holland oder des Karikaturen-Streits in Dänemark waren Ohrfeigen für die liberal-individualistische Welt. Diese Attacken kommen aus einem Kulturkreis, der eine wesentlich höhere demographische Wachstumsrate hat. Dieser Umstand wird die Idee des Multikulturalismus zermalmen. Es ist einfach so, daß gerade wenn wir diese Werte erhalten möchten, wir es uns nicht erlauben können, noch mehr Moslems zuwandern zu lassen. Wie wird sich die Renaissance des Konservatismus auf die Politik auswirken? Longman: Ich spreche von einem sozialen Konservatismus, das ist nicht notwendigerweise ein politischer. Ich meine, man kann nicht daraus schließen, daß nun hundert Jahre die Republikaner die Macht haben werden. Was hat auch christlicher Konservatismus zwingend mit Steuererleichterungen für Reiche, Kürzung der Sozialleistungen oder endlosen Präventivkriegen weltweit zu tun? Natürlich wird es aber zu konservativen Rückkopplungen mit der Politik kommen, Republikaner und Demokraten werden neue konservative Elemente aufnehmen, sich neu zu Fragen wie Familie oder Abtreibung positionieren. Ich sehe aber noch weitere Anzeichen: Als ich jung war, hat man nichts mehr gefürchtet, als einen irren General, der den Dritten Weltkrieg anfängt. Heute – nach Massakern wie in Columbine oder dem 11. September – fürchtet man sich dagegen vor irren Einzelgängern, die zu Amokläufern oder Selbstmordbombern werden können. Auch insofern wird die kommende Generation wieder konformer, weniger gegen den Staat sein, sondern von ihm wieder traditionelle Werte wie Ordnung und Sicherheit erwarten. Könnte Ihnen nicht doch folgende Konstellation einen Strich durch die Rechnung machen? Die Konservativen bekommen die Kinder, die Liberalen, die Schulen und Medien dominieren, erziehen sie. Longman: Langfristig setzen sich die Konservativen durch. Bei der letzten Präsidentschaftswahl zum Beispiel haben die Staaten mit der höchsten Geburenrate Bush, die mit der niedrigsten Kerry gewählt. In den USA mag eine christlich-konservativ ausgerichtete „schweigende Mehrheit“ existieren, in Europa gibt es aber praktisch keinen konservativen Nukleus mehr, auf den wir „gesundschrumpfen“ könnten. Longman: In gewisser Weise schon – er hat nur ein moslemisches Antlitz. Dann geht die Rückkehr des Patriarchats nach hinten los: Während es in den USA zu einer abendländisch-konservativen Transformation kommt, bringt es in Europa den Kampf der Kulturen? Longman: In den USA haben wir es nicht mit arabischen Moslems, sondern mit katholischen Hispaniern zu tun – die zudem keinen terroristischen Flügel besitzen. Diese werden in die Transformation miteinfließen. Kulturell sind die Europäer in der Tat enorm im Nachteil. Außerdem ist die Rückkehr zur Religion bei uns viel einfacher, weil die Rückkehr zur europäischen Staatskirche wirklich schwer vorstellbar ist. Aber achten Sie künftig auf die gläubig-katholischen Populationen, die es durchaus in Europa gibt, diese werden sehr viel mehr Gene in die nächste Generation bringen, als das die säkularen Liberalen tun. In der Logik Ihrer Antizipation müßte im Grunde auch eine Renaissance des Nationalstaates stehen. Longman: Einerseits laufen der Aufsteig des Patriarchats und Abstieg des Sozialstaates gegenläufig. Andererseits ist wohl die hohe Zeit der inter- und transnationalen Institutionen vorbei. Mit dem Stagnieren dieser Einrichtungen werden sie aus der Mode kommen. Die neue Orientierung auf die Familie wird in der Tat auch vermutlich dazu führen, daß die junge Generation sich wieder stärker mit dem Eigenen beschäftigt. Ich vermute, die Franzosen werden wieder französischer, die Engländer englischer und die Deutschen wieder deutscher werden. Moritz Schwarz Phillip Longman gilt als einer der führenden Intellektuellen in der Frage des weltweiten Geburtenrückganges. Derzeit provoziert der 50jährige Soziologe mit seiner These von einer historischen Rückkehr des Patriarchats international Reaktionen. In Kanada wurde er dazu bereits vom Senat gehört. Longman lehrt als Senior Fellow an der liberalen New America Foundation in Washington D.C. Er ist Autor zahlreicher Bücher und publiziert unter anderem in Foreign Policy, Atlantic Monthly, Washington Post oder dem New York Times Magazin. Zuletzt erschien sein Buch „The empty cradle“ (Basic Books, 2004) weitere Interview-Partner der JF

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