Joachim Kuhs

 

Der Rote Riese

Der Uli“ hat den Oskar gemacht: Ulrich Maurer, ehemaliger Partei- und Fraktionsvorsitzender der Südwest-SPD, hat es dem Saarländer gleichgetan – den Genossen sein Parteibuch vor die Füße geschmissen und den zweiten Frühling bei der „Linkspartei“ gefunden, der neuen Selbsthilfeorganisation für frustrierte Altachtundsechziger-Sozis, denen daheim keiner mehr zuhört. Für Maurer war das besonders schlimm. Einst war der Mann mit der enormen Körpergröße und dem dröhnenden Baß der „rote Riese“, der aufsteigende Stern der baden-württembergischen Sozialdemokratie: Parteivorsitzender von 1987 bis 1999, Fraktionschef von 1992 bis 2001. Mit Schröders Aufstieg begann der Abstieg des ewigen Jusos und Links­auslegers. In Scharpings Schattenkabinett von 1993 sollte der innenpolitische Sprecher seiner Partei noch Innenminister werden. Doch schon zwei Jahre später konnte Maurer sich als Landtags-Spitzen­kandidat nicht gegen Konkurrent Dieter Spöri durchsetzen. Maurer ließ den nüchternen, pragmatischen Mann als Parteichef im Wahlkampf ins Leere laufen und schob ihm nach dem Desaster den Schwarzen Peter zu. Im selben Jahr richtete er bei der Stuttgarter OB-Wahl ein Regiechaos an: Gleich zwei Rote gingen gegen den populären Grünen Rezzo Schlauch ins Rennen – als „Splitterpartei“ ging die Partei ins Ziel. Nacheinander verlor Maurer seine Ämter und flog zuletzt aus Bundespräsidium und Bundesvorstand. Vor zwei Jahren verweigerte ihm die Partei auch noch den Versorgungsposten als Europaabgeordneter. Daraufhin schmiß „der Uli“ wütend seine letzte Funktion als europapolitischer Sprecher der Landtagsfraktion hin und wollte nur noch Rechtsanwalt sein. Schuld sind aber immer die anderen. Wie seinen Bruder im Geiste von der Saar drängte es den erfahrenen Verlierer bald zurück ins Rampenlicht. Telegen wie Oskar ist der gestürzte Riese freilich nicht mit seinem nervösen Augenzucken, dazu die schleppende, polternde, ständig Sätze und Satzteile wiederholende Sprechweise. Nach Schröders Neuwahl-Coup beschimpfte er in einem Wutbrief den Parteivorstand, die SPD vertrete die kleinen Leute nicht mehr und sei „neoliberal“ geworden. Da hörten ihm wieder alle zu. Der Austrittsbrief setzt noch eins drauf: Schröder, sein alter Intimfeind aus Juso-Zeiten, habe die Partei deformiert, entdemokratisiert; starke Worte für einen, der selbst immer autoritär geführt hat, solange er noch konnte. Anpasser und Karrieristen sind ihm jetzt, da er schon lange auf dem Abstellgleis steht, ein Greuel. Die Neuwahl, der „Putsch von oben“, könnte ihm immerhin doch noch die verpaßte Laufbahn im Bund bringen: Im soeben gegründeten Landesverband der PDS-Linkspartei ist der Betonkopf und erste WASG-Landtagsabgeordnete nicht mehr Außenseiter, sondern Spitzenkandidat. Oder er endet, wie Sterne eben enden: Erst roter Riese, dann weißer Zwerg und schließlich schwarzes Loch.

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