Kandierte Äpfel gegen den Hunger

So einfach war es noch nie, die Welt zu retten. Ein Samstagnachmittag im Juli ließe sich kaum angenehmer verbringen. Hätte Sänger Campino von den Toten Hosen nicht mehrfach beschworen, daß dies „kein Rockkonzert“ sei, man wäre glatt der Illusion erlegen, sich auf einem solchen zu befinden. Bei sommerlichen Temperaturen wird der Himmel über Berlin von Stunde zu Stunde blauer. Zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule reiht sich Freßbude an Berliner-Pilsner-Stand. Herrschen in Afrika Hungersnot und Durst, so ist es beruhigend zu sehen, daß wenigstens diejenigen, die hier unter dem Motto „Deine Stimme gegen Armut“ zusammengekommen sind, keinerlei Mangel leiden müssen. Von der Bratwurst bis zum kandierten Apfel, vom Milchshake zur Caipirinha gibt es alles, was das Herz oder jedenfalls der Magen begehrt. Dazwischen die Zelte der Sponsoren Nokia und AOL: Manch bierseliger Besucher wird am anderen Morgen nicht mehr sicher gewußt haben, ob er einen Mobilfunkvertrag oder eine Petition zum Schuldenerlaß unterschrieben hatte. Weltanschauungen werden vornehmlich auf der Brust zur Schau getragen: ein durchaus pluralistisches Publikum, denn neben „I love Irish boys“ und „Smirnoff Ice. A cool idea“ wird auch ein „Odin statt Jesus“-T-Shirt aus dem Weihnachtskatalog der NPD (JF 52-53/04) gesichtet. Die eine oder andere aufgekratzte Zuschauerin wäre lieber in London, wo Robbie Williams auftritt. Doch was soll’s, für den Hyde Park wurde nur eine begrenzte Anzahl von Karten verlost, und zur Not ist auch Berlin eine Reise wert. „Das ist ja schlimmer als die Love Parade“, befindet eine andere ob des Gedränges. Ein prachtvoll Tätowierter mit kahlgeschorenem Schädel gerät in die Verlegenheit, seinem Sohnemann erklären zu müssen, warum Chris Cornell, der Sänger von Audioslave, soeben den Stinkefinger zeigte – und wünschte sichtlich, den Stammhalter nie auf seine breiten Schultern gehoben zu haben. Sehen kann sonst nur, wer eine Straßenlaterne oder ein Dixieklo erklommen hat. Wenn der Rummel auf der Straße zuviel wird, zieht man sich in den Tiergarten zurück, wo auf schattigen Wiesen gepicknickt, geplaudert, geschmust wird. Auf der Bühne am Großen Stern spielen derweil Größen des Musikgeschäfts wie Wir Sind Helden, Green Day, Chris de Burgh, Beach Boy Brian Wilson, Herbert Grönemeyer auf, und das alles für lau. Gegen soviel geballte Macht der Popmusik hat die Armut, die zu bekämpfen man hier angetreten ist, wahrhaft keine Chance. Denn Campino ist nicht alleine in dem Glauben, es handle sich um eine Demonstration, kein Rockkonzert. Zwischen den unzähligen bunten Luftballons von Radio eins weisen vereinzelte Spruchbänder im Publikum auf Not in Nepal hin, Pappmachéfiguren, die den bösen Westen und das arme Afrika verkörpern, sind beliebte Fotoobjekte. In den Umbaupausen bekennen Claudia Schiffer oder der Hollywood-Schauspieler Tim Robbins, die eine per Einblendung, der andere in Person, warum auch sie gegen Armut sind. Immer wieder ist von der „Überzeugung“ und dem „Mut“ die Rede, der die 200.000 Besucher bewogen habe, bei herrlichem Wetter zu einem Gratiskonzert mit hochkarätiger Besetzung zu kommen. Die Forderungen werden auf eine auch für Laien leicht verständliche Formel gebracht: Schuldenerlaß und Aufhebung der Handelsbarrieren für die ärmsten Länder der Welt. Gerechtigkeit statt Wohltätigkeit, durchgesetzt werden soll dies durch einen „Long march to justice“ zum G-8-Gipfel, der an diesem Mittwoch in Gleneagles bei Edinburgh beginnt: „Acht Männer haben das Schicksal der Welt in der Hand.“ „Der lange Weg zur Gerechtigkeit“, das klingt beschwerlich – zum Glück ist Schottland jedoch für die meisten Demonstranten nur zwei bequeme Flugstunden entfernt. Vor allem aber ist „Live 8“ ein Spektakel der Superlative: das größte Popereignis aller Zeiten, die teuerste Benefizveranstaltung der Weltgeschichte, zehn Konzerte auf vier Kontinenten, zwei Million Live- und fünf Milliarden Fernsehzuschauer, jeden Tag sterben 30.000 Kinder an den Folgen der Armut, die Zahlen machen schwindelig. Wie kümmerlich nimmt sich dagegen die Bilanz der „Live Aid“-Kampagne von 1985 aus. Zwei Konzerte auf zwei Kontinenten: Kein Wunder, daß dem Elend der Dritten Welt damit nicht beizukommen war! Eigentlich sollten es diesmal – schön symmetrisch – acht Konzerte in acht Ländern werden. Nur unterlief Organisator Bob Geldof in seinem Eifer, die Bürde des weißen Mannes zu schultern – wie sie der Erz-Imperialist Rudyard Kipling im 19. Jahrhundert nannte -, ein kleiner Schönheitsfehler: Afrikanische Künstler, die schließlich auch nicht für Armut sind, bloß weil sie sie oft aus eigener Erfahrung kennen, blieben zugunsten zugkräftiger Stars aus dem Westen bei der Planung unberücksichtigt. Flugs wurden zwei zusätzliche Veranstaltungen in Johannesburg sowie im öko-utopistischen Eden Project in Südengland angesetzt. Geldof, der ehemalige Sänger der Punkband Boomtown Rats, hat sich zu einer Art Rattenfänger gewandelt. Anders als vor zwanzig Jahren will er ausdrücklich „nicht euer Geld, sondern euch“, die begeisterungsfähige Jugend nämlich, die dann am Sonntagmorgen noch halbtrunken scharenweise in die von Promis wie Smudo, dem Sänger der Fantastischen Vier, gestifteten Busse stieg oder sich auf eigene Kosten der Karawane zum G8-Gipfel nach Schottland anschloß. Wir Abgeklärten indes bleiben zu Hause, verfassen zynische Zeitungsartikel und reden uns ein, die Welt sei sowieso nicht mehr zu retten.

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