Streiterin für das Recht

Es ist so frustrierend: Da wird jahrelang ein publizistischer Kampf gegen herrschendes Unrecht geführt, und niemanden interessiert es. Wie viele Historiker haben in den Neunzigern die Wehrmachtsausstellung als antideutsche Propaganda gebrandmarkt? Unzählige. Niemand wollte etwas davon wissen. Und dann, ganz plötzlich, nachdem sich ein ungarischer und ein polnischer Historiker eigentlich nur dem angeschlossen haben, was andere zuvor etliche Male gesagt hatten, springt die Zeitgeist-Presse auf den Zug auf. Und ehe man sich versieht, ist die Wehrmachtsausstellung beinahe Geschichte. Solche Wunder geschehen. So ein Wunder ist auch Constanze Paffrath gelungen. Selten ist eine 600 Seiten starke Doktorarbeit vor ihrer Veröffentlichung so viel besprochen worden wie „Der Restitutionsausschluß im Prozeß der Wiedervereinigung“. Es ist die Dissertation einer Frau, die sich unvoreingenommen dem Thema genähert hat, schließlich ist die 35jährige Politikwissenschaftlerin aus Mülheim an der Ruhr keine ostelbische Gutsherrentochter. Mit ihrer Arbeit, laut deren Kernthese Helmut Kohl die Deutschen über die Irreversibilität der sowjetischen Enteignungen zwischen 1945 und 1949 getäuscht hat, hat sie diese – durch die Aussage Michail Gorbatschows eigentlich schon längst verifizierte – skandalöse Tatsache wieder zum Thema für die Medien gemacht. In Verbindung mit dem spektakulären Straßburger Urteil zur „schwarzen“ Enteignung der sogenannten Neubauern (JF berichtete mehrfach) wirkt der Inhalt ihrer Arbeit auf viele Journalisten wie eine Neuigkeit – seitdem steht Frau Paffraths Telefon nicht mehr still. Warum hat eine christdemokratisch geführte Regierung ihre eigene bürgerliche Klientel verraten? Constanze Paffrath glaubt, die Kohl-Regierung habe mit dem Erlös den Aufschwung Ost bezahlen wollen. Für die FAZ ein „Skandal von größeren Ausmaßen als Watergate“. Und für sie, so Paffrath, hätten sich bei der Recherche Abgründe aufgetan: „Jetzt kann ich mir fast alles vorstellen“, sagte sie ernüchtert in einem Interview mit dem Südwestrundfunk. Dabei ist die „Enthüllerin“ selbst CDU-Politikerin, im Rat der Stadt Mülheim vertritt sie die Partei des ehemaligen großen Vorsitzenden Helmut Kohl. Auch Angela Merkel, die sich bei der Spendenaffäre als Chefanklägerin gegen Kohl aufspielte, muß Paffraths Arbeit peinlich sein. Schließlich hat sie als stellvertretende Regierungssprecherin der Regierung de Maizière die Verhandlungen hautnah miterlebt. Paffrath selbst, schrieb eine Zeitung, sehe sich als „Staatsanwalt in einem Indizienprozeß, in dem der Mörder nicht gesteht“. Sicherlich würde sie sich jede politische Deutung ihrer Arbeit verbieten. Aber in einem Fall, in dem sich ausgerechnet ein CDU-Kanzler zum Handlanger von Kommunisten und des von ihnen verübten Unrechts gemacht hat, fällt ihre rechtsstaatlich motivierte Kritik mit einer Kritik von konservativer Seite in eins.

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