Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Kassandra und Medea

Grüngolden sind die Farben der Erinnerung“, heißt es im Roman „Nachdenken über Christa T.“ Der Satz enthält mehr Wahrheit über Christa Wolf als alle Zuschreibungen, die ihr zuteil geworden sind: Sie wurde als gesamtdeutsche Dichterin gepriesen und als DDR-Fossil geschmäht, sie war die Kassandra der Friedens- und die Medea der Frauenbewegung. Der Urgrund ihres Schreibens aber war die Sehnsucht nach der verlorenen Kindheit. 1929 geboren, gehört sie dem letzten geschichtsgesättigten Jahrgang an, der in unsere Gegenwart hinüberragt. Ihre Jugend endete 1945 mit der Flucht aus dem neumärkischen Landsberg. Der Blick zurück auf die Heimat war Schock und Erleuchtung: „Das da siehst Du niemals wieder!“ Der Treck endete in Mecklenburg. Einmal hier angekommen, wollte sie in der DDR neue Wurzeln schlagen, menschlich, politisch, als Künstlerin. Ihr Denken blieb nicht frei von Verführungen. In ihrem ersten Erfolgsroman „Der geteilte Himmel“ (1963) erschien die DDR grau, aber zukunftsträchtig. Der Mauerbau war brutal, doch eine bessere Zukunft würde ihn entschuldigen. Die konventionelle Erzählweise war für DDR-Verhältnisse avantgardistisch und Christa Wolf der beste Uwe-Johnson-Ersatz, der hier möglich war. Die SED wollte sie instrumentalisieren und nahm sie in das Zentralkomitee auf. In dem Sozialismus, den Wolf sich wünschte, sollte der Mensch „Ich“ sagen können – als ein in Freiheit gesetztes Wesen, das von ganz anderer Qualität ist als der wählerische Konsument. Daraus erklärt sich, daß sie die DDR bis zum Schluß retten wollte, sich der Staatsführung aber immer mehr entfremdete. Als das ZK der SED 1965 das berüchtigte „Kahlschlag“-Plenum gegen die Künstler veranstaltete, wagte sie in freier Rede und im Angesicht einer keifenden Margot Honecker die Gegenrede. Ihr wurden Feigheit, Opportunismus, die genossenen Privilegien und der Verbleib in der DDR vorgeworfen. In Wahrheit hat Christa Wolf es sich niemals leichtgemacht, und einen Heldenstatus hat sie nie beansprucht. Um so öfter hat sie über den Zusammenhang von individueller und der Krankheit einer Gesellschaft reflektiert. Nachdem sie am 4. November 1989 ihre Rede auf der legendären Berliner Großdemonstration beendet hatte, erlitt sie eine Herzattacke. Mindestens zwei ihrer Bücher werden bleiben: Die Novelle „Kein Ort nirgends“ (1979), die über ein fiktives Zusammentreffen der Karoline von Günderode mit Heinrich von Kleist, zweier Todgeweihter, berichtet, und die Erzählung „Sommerstück“ (1989). Sie erzählt von dem Versuch, die Utopie einer solidarischen Gemeinschaft zu verwirklichen – im privaten Rahmen. Beide Texte stehen in der Tradition deutscher Innerlichkeit und zeigen dabei deren Ungenügen auf. Immer wieder war Christa Wolf für den Nobelpreis im Gespräch. Seit 53 Jahren ist sie mit dem Essayisten Gerhard Wolf verheiratet. Am 18. März wird sie 75 Jahre alt.

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