„Jetzt ist alles möglich“

Herr Brosinsky, der Kampf gegen die Rechtschreibreform hat für viele unerwartet an Dynamik gewonnen. An diesem Wochenende forderte nun auch die Kulturstaatsministerin Christina Weiss die Rückkehr zur alten Rechtschreibung. Fällt die Rechtschreibreform jetzt vielleicht so überraschend wie 1989 die Mauer? Brosinsky: Das hoffen wir, und ich persönlich halte das auch nicht für ausgeschlossen. Der Vergleich mit der Mauer mag hinken, aber verdeutlicht ganz gut: Möglich ist alles. Die CDU-Nordrhein-Westfalen unter Jürgen Rüttgers hatte schon Ende Januar im Landtag die Rücknahme der Reform beantragt. CDU-Landes- und Fraktionsvorsitzender Christoph Böhr aus Rheinland-Pfalz und die CDU-Fraktion in Sachsen-Anhalt haben sich Christian Wulff ebenfalls angeschlossen. Und laut Münchner Merkur sind auch die CDU-Ministerpräsidenten Erwin Teufel aus Baden-Württemberg und Georg Milbradt aus Sachsen mit der Reform offenkundig nicht glücklich. Natürlich müssen wir aber auf jeden Fall erst einmal die Konferenz der Ministerpräsidenten vom 6. bis 8. Oktober 2004 in Berlin abwarten. Was erwarten Sie von dem Treffen? Brosinsky: Das Ergebnis des Treffens läßt sich nicht ohne weiteres voraussagen – auch vorherige Überraschungen sind nicht ausgeschlossen. Denken Sie doch nur daran, was für überraschend scharfe Worte Wulff vor drei Wochen für die Kultusministerkonferenz (KMK) gefunden hat. Da war im Interview mit der FAZ die Rede davon, daß die KMK das Projekt jahrelang unkritisch gedeckt und ihren eigenen Ministerialbeamten sowie der Rechtschreibkommission blind vertraut habe und ergo schon seit Mitte der neunziger Jahre von ihrer Seite keine Einsicht mehr zu erwarten war. Woher die plötzliche Einsicht Christian Wulffs? Brosinsky: Das ist keine plötzliche Einsicht. Wulff war schon 1995 als „junger Wilder“ ein Gegner der Rechtschreibreform. Man denke an den Brief der fünf „jungen Wilden“ der CDU vom September 1995 an Bundesinnenminister Manfred Kanther, die Reform zu stoppen. Damals war Wulff in der Opposition. Die Befürworter der Rechtschreibreform haben den Politikern damals das Blaue vom Himmel herunterversprochen. Daß von all diesen Versprechungen nichts, sondern das Gegenteil eintreffen würde, konnten sich viele nicht vorstellen. Hätte Wulff nicht aber schon längst aufgrund seiner Weisungsbefugnis gegenüber dem niedersächsischen Kultusminister intervenieren können? Brosinsky: Wulff hatte erst am 2. Februar 2003 die Landtagswahl gewonnen. Eine Einarbeitungszeit muß man ihm zugestehen. Wir sind vor allem froh darüber, daß er nun auch als Ministerpräsident den Mut gefunden hat, sich gegen die Rechtschreibreform zu stellen. Nun droht, daß die Rechtschreibreform-Befürworter einen Weg finden, den Unmut zu kanalisieren … Brosinsky: … und die Rücknahmebereitschaft mit einer Reform der Reform auffangen. Eine Strategie, die schon seit 1997 verfolgt wird. Von der Reform der Reform war bereits so viel die Rede, daß viele Bürger schon gar nicht mehr überblicken, ob sie nicht schon stattgefunden hat. Brosinsky: Eine offizielle Reform der Reform hat es bislang noch nicht gegeben. Doch seit 1998 haben die Reformer inoffiziell über die Wörterbücher mehrere „Reförmchen“ der Reform durchgeführt und damit das Durcheinander noch vergrößert. Inwiefern? Brosinsky: Zwar dürfen seit einiger Zeit auch wieder viele Wörter zusammengeschrieben werden, aber die Getrenntschreibungen sind nebenher immer noch als Varianten zugelassen, so daß man bei diesen als Leser immer noch im Ungewissen bleibt, ob nicht eigentlich doch die zusammengeschriebene Bedeutung gemeint ist. Oder ein anderes, sehr bezeichnendes Beispiel: Vor der Reform war „Du kannst mir nur leid tun“ richtig – klein geschrieben. Nach der Reform war zunächst nur „Du kannst mir nur Leid tun“ erlaubt. Nach offensichtlich berechtigten Einwänden darf „leid“ nun wieder klein geschrieben werden – wiederum als Variante, aber dann nur zusammen mit „tun“, also „leidtun“. Die ganz normale alte Form jedoch wird nicht wieder zugelassen. Im ähnlichen Fall „recht haben“ dagegen gab es überhaupt keine Zugeständnisse. Das kann man alles wirklich nur noch grotesk nennen. Aber könnte eine koordinierte Reform der Reform nicht tatsächlich eine Verbesserung bringen, wenn man den Gedanken der Rechtschreibreform grundsätzlich zu akzeptieren bereit ist – was ja bei vielen Politikern, die heute gegen die Reform sind, der Fall war? Brosinsky: Das durch die Reform verursachte Wirrwarr würde sich durch eine Reform der Reform noch vergrößern und nach dem 1. August 2005 auch in den Schulen nicht mehr zu verbergen sein, wenn dort die alten Schreibweisen als Fehler gewertet werden. Sogar die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung (DASD), früher neben dem Verein für Rechtschreibung und Sprachpflege (VRS) die wichtigste Institution im Kampf gegen die Reform, setzte mittlerweile auf Kompromiß. In einem Beitrag für die JUNGE FREIHEIT (JF 43/03) schrieb ihr Präsident Klaus Reichert: „Die DASD hat die Forderung nach der völligen Zurücknahme aufgegeben, weil sie glaubt, daß sie nicht wirklich zurückgenommen werden kann, da die Ministerien glauben, in diesem Fall ihr Gesicht zu verlieren.“ Brosinsky: Erstens sind die Bedenken Reicherts spätestens seit der Intervention Wulffs, Stoibers und anderer hinfällig. Zweitens war diese Argumentation stets eine politische und keine inhaltliche, also angesichts der Bedeutung des Gegenstandes, nämlich des Kulturgutes Schriftsprache, und angesichts der Verantwortung der DASD schon grundsätzlich inakzeptabel. Und drittens war auch diese Lageanalyse falsch, wie – siehe Erstens – ja das Umschwenken diverser Politiker zeigt. Den Kniefall vor der vermeintlichen Übermacht vollzog die Akademie übrigens schon im Februar 1999, nachdem sie den Reformer Peter Eisenberg hinzugezogen und ihm die Federführung übertragen hatte, also noch vor der Rückkehr der FAZ zur alten Rechtschreibung. Allerdings machte noch der Vorgänger Reicherts als Präsident der DASD, Christian Meier, 2000 in einem Interview mit der JUNGEN FREIHEIT (JF 34/00) klar, daß die Akademie eine vollständige Rücknahme der Reform fordert. Brosinsky: Das war nach der Rückkehr der FAZ zur traditionellen Orthographie am 1. August 2000. Es herrschte bei manchen eine Art Euphorie in der Annahme, daß sich nun die Machtverhältnisse schnell ändern könnten. Reichert dagegen sagt es selbst: Er kehrt zur Linie des Reformers Eisenberg zurück. Angesichts der Machtverhältnisse beugt sich die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den wirtschaftlichen Interessen der Verlage. Aber in der Sprachwissenschaft geht es im Gegensatz zur Politik bei Problemlösungen nicht um Kompromisse, sondern es geht kompromißlos um die Erkenntnis, ob etwas richtig oder falsch ist. Allerdings sind bereits fünf Jahrgänge von Grundschülern in der neuen Rechtschreibung unterrichtet worden. Das kann man nicht einfach rückgängig machen. Muß man also nicht notgedrungen bei der reformierten Rechtschreibung bleiben? Brosinsky: Man muß nicht. Es muß endlich das Mißverständnis ausgeräumt werden, es gebe die einheitliche neue Rechtschreibung bereits. Das ist nicht der Fall! Denn das, was an den Schulen gelehrt wird, entspricht nicht dem, was in den Büchern und Zeitungen gedruckt steht. Erstens, weil die neuen Schreibweisen so unsinnig und in sich widersprüchlich sind, daß es oft unmöglich ist, sie vorschriftsmäßig und trotzdem sinnvoll anzuwenden. Zweitens, weil sich die Tendenz zur „hauseigenen“ Rechtschreibung, beziehungsweise des „jeder schreibt wie er will“ in vielen Verlagen schon fest eingebürgert hat. Und drittens, weil inzwischen schon so viele Einzelregelungen zurückgenommen worden sind – und bei einer Reform der Reform droht noch mehr! -, daß das, was die letzten Grundschuljahrgänge gelernt haben, sowieso zum Teil hinfällig ist. Die Rückkehr zu einer einheitlichen, bewährten Orthographie wäre sogar eine Erleichterung für die Schüler. Und wenn nun Reformbefürworter sagen, ein Umlernen sei den Schulkindern nicht zuzumuten, dann würde mich interessieren, warum sie den Zwang zum Umlernen bei der Einführung der Reform zugelassen haben. Führt der Weg zur Rücknahme der Rechtschreibreform denn allein über die Konferenz der Ministerpräsidenten? Brosinsky: Das ganze Verfahren war von Anfang an fragwürdig, da die KMK kein verfassungsrechtlich legitimiertes Organ ist und damit die Reform an der Demokratie vorbei eingeführt wurde. In Schleswig-Holstein wurde gar ein Volksentscheid gegen die Rechtschreibreform von der Landesregierung übergangen. Daher ruht auf der Ministerpräsidentenkonferenz jetzt große Hoffnung, die Sache wieder ins Lot zu bringen. Wenn nun die Ministerpräsidenten beschließen sollten, in irgendeiner Weise bei der neuen Rechtschreibung zu bleiben, so wird der Widerstand andauern. Würden jetzt einige Zeitungen und Verlage Zeichen setzen durch eine Rückkehr wie die FAZ, wäre das zwar sehr lobenswert, aber in der Vergangenheit waren viele wohl immer noch von dem Eindruck befangen, die Reform sei irgendwie trotz ihrer Mängel doch modern und schick. Zwar sind laut Emnid-Umfrage vom Juni 2004 etwa 65 Prozent der Deutschen gegen die Reform, aber dieser Umstand scheint die Politiker und Medienzaren seit jeher nicht weiter zu interessieren. Oder man redet sich ein, es handele sich eben um eine der vielen unpopulären Reformen, die aber trotzdem eisern durchgezogen werden müßten, weil das dumme Volk zu seinem Glück gezwungen werden muß. Das heißt, es gibt derzeit keine Debatte in weiteren Verlagshäusern darüber, der „FAZ“ zu folgen? Brosinsky: Bei vielen Journalisten und Lektoren herrscht Unzufriedenheit. Da die Medien das Thema lange Zeit – sicher auch mit Absicht – vernachlässigt haben, findet die Debatte in den Internetforen der Reformkritiker statt. Aber ich glaube, die Verlagshäuser wissen schon, wie die Stimmung ist: Die Mehrheit der Journalisten wünscht sich die Rückkehr zur bewährten Rechtschreibung. Das heißt, der Rechtschreibreform wird es nach Ihrer Einschätzung nicht gelingen die Schriftsprache wieder zu vereinheitlichen? Brosinsky: So ist es, der einzige Nutznießer sind die Wörterbuch-Verlage, die ständig neue Wörterbücher herausbringen können und die die Rechtschreibreform auf ihre Weise bereits hervorragend vermarkten, so als wäre Sprache eine Konsumgut, das man sich kaufen muß, um es benutzen zu können! Den Kampf gegen die neue Rechtschreibung haben stets nur wenige geführt. Zeitweilig sah es so aus, als sei da nichts mehr zu machen. Lehrt das Beispiel, daß sich Widerstand auch in der Minderheit lohnt? Brosinsky: Neben Bildungsinstitutionen, wie der DASD, engagierten sich verschiedene Vereine – an Zahl und jeweils an Mitgliedern allerdings in der Tat überschaubar – und „berühmte“ Einzelkämpfer, wie Friedrich Denk, Theodor Ickler, Rolf Gröschner und eine Anzahl Schriftsteller. Aber man denke auch an die vielen Petitionen an den Bundestag und die Landtage, an die Volksinitiativen in vielen Bundesländern und an die über dreißig Klageverfahren. Und man sollte auch nicht die vielen Leserbriefschreiber vergessen, auch wenn den meisten Zeitungen der Abdruck solcher Leserbriefe eher widerstrebte, weil sie den Fehler der Zeitungen bloßstellten, bei dem ganzen überhaupt mitzuspielen. Steter Tropfen höhlt den Stein – die Serie der Protestaktionen gegen die Reform ist nie abgerissen! Entscheidend ist, daß die Wahrheit sich am Ende eben doch durchsetzt: Damit meine ich, der größte Gegner der Rechtschreibreform war und ist die Rechtschreibreform selbst! Die Schweiz und Österreich haben die Reform mitvollzogen. Können wir überhaupt eigenmächtig beschließen, die Reform rückgängig zu machen? Brosinsky: Oft wird von einem Staatsvertrag zwischen der Schweiz, der Republik Österreich und der Bundesrepublik Deutschland über die Rechtschreibreform gesprochen. Das ist falsch, tatsächlich handelt es sich lediglich um eine Absichtserklärung, ohne jede völkerrechtliche Verbindlichkeit. Es ist also ohne weiteres möglich, daß die Bundesrepublik Deutschland, wenn sie sich zu einer Rücknahme der Reform entschließt, diese auch vollzieht. Im übrigen hat die Schweiz die Reform sowieso nicht vollständig übernommen, etwa was die Eindeutschung von Fremdwörtern angeht, wie Spaghetti ohne „h“. Und auch schon vor der Reform gab es Unterschiede in puncto Schriftdeutsch zwischen der Schweiz und Deutschland. Zum Beispiel haben die Eidgenossen das Eszett in den dreißiger Jahren offiziell abgeschafft. Allerdings gibt es auch in der Schweiz und in Österreich Widerstand gegen die Rechtschreibreform. Sollten wir in Deutschland endlich die Wende schaffen, dann wird das zweifellos das Signal für die anderen sein, den Unsinn ebenfalls zu beenden. Foto: Rechtschreibreformgegner Wulff und Stoiber: „Eine Reform der Reform würde das Wirrwarr nur noch vegrößern“ weitere Interview-Partner der JF

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