Der Maueröffner

Für einen Wimpernschlag stand Günter Schabowski im Zentrum der Weltpolitik, und das auf eine für den Kunststaat DDR symptomatische Weise: aus Versehen. Unter dem Druck der Massenflucht und Demonstrationen hatte die DDR-Führung hastig eine Reiseregelung zurechtgezimmert. Am 9. November 1989 auf einer internationalen Pressekonferenz nach der Gültigkeit und dem Zeitpunkt des Inkrafttretens befragt, mußte Schabowski, damals Mitglied des SED-Politbüros, improvisieren: „Ab sofort und auch in Berlin!“ Was folgte, ist bekannt. Kein Zufall war es aber, daß ausgerechnet Schabowski der Adressat der Journalistenfragen war. Selbst gelernter Journalist, galt er unter den Politibüromitgliedern als der intelligenteste. Er war gewitzt, schlagfertig, rhetorisch versiert. Er gehörte zu den „halben“ Verschwörern, die seit dem Sommer 1989 spät und planlos den Sturz Erich Honeckers einleiteten. Schabowskis Biographie macht die DDR von innen heraus verständlich. 1929 im pommerschen Anklam als Sohn eines Klempners geboren, legte er an einem Berliner Realgymnasium das Abitur ab. Nebenher war er Jungschaftsführer. Als sein „Schlüsselerlebnis“ der Nachkriegszeit hat er die Bekanntschaft mit jungen russischen Offizieren bezeichnet, die fließend Deutsch sprachen und ihm den Marxismus-Leninismus nahebrachten. 1950 trat er in die SED ein. Er machte Karriere im Parteiapparat und im Pressewesen. Von 1978 bis 1985 war er Chefredakteur des Neuen Deutschland. Einen Reformer hat damals niemand in ihm vermutet. Gänzlich unbeliebt wurde er durch den Satz, mit dem er den allgemeinen Unmut über die Preiserhöhung für den Trabant kommentierte: Schließlich bekäme man zum Auto die vier Räder und das Lenkrad gratis! Nach 1989 erwies sich Schabowski als einziger aus der alten SED-Führungsriege fähig zur Selbstreflexion. Seine Berichte über den inneren Machtzirkel der SED haben die Banalität dieser selbsternannten „Sieger der Geschichte“ veranschaulicht. Er bekannte: „Natürlich bedrückt es mich am meisten, daß ich ein verantwortlicher Vertreter eines Systems war, unter dem Menschen gelitten haben (…). Ihre Einstellung war die richtige. Meine Einstellung war die falsche.“ Mit solchen Äußerungen, und nicht zuletzt mit seinen Auftritten bei der CDU, hat er sich unter seinen ehemaligen Parteigängern verhaßt gemacht, gilt als „Verräter“. 1990 war er aus der PDS/SED ausgeschlossen worden. 1997 wurde er wegen der Todesschüsse an der Mauer zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Nachdem der Bundesgerichtshof die Revision verworfen hatte, trat er im Dezember 1999 seine Haft an, nach zwei Jahren wurde er begnadigt. Zu denen, die sich vehement für den Gnadenakt eingesetzt hatten, gehörte der CSU-Politiker Peter Gauweiler. Der erkannte die Wahrhaftigkeit Schbowskis, der nicht abschwor, weil er im neuen Deutschland seinen Vorteil suchte, sondern weil er sich im alten geirrt hatte.

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