Inszenierung des Ichs

Nicht alle Narzißten sind Künstler, aber in jedem Künstler steckt auch ein Narzißt. So gibt es kaum einen namhaften Bildenden Künstler, der sich nicht selbst porträtiert hat. Viele berühmte Maler – Dürer, Rubens, Delacroix, van Gogh, Matisse, Picasso, um nur einige zu nennen – haben Bildnisse von sich selbst gefertigt. Besonders Rembrandt war in dieser Hinsicht außergewöhnlich fleißig; erhalten sind von ihm fast fünfzig Selbstporträts. Dabei mögen die Motive, aus denen heraus Künstler sich selbst malen oder zeichnen, so grundverschieden sein wie die späteren kunsttheoretischen Ausdeutungen. Ungeachtet aller Interpretationen bleiben Selbstporträts jedoch auch immer Akte der Selbstentäußerung und Selbstinszenierung. Als die Londoner National Gallery vor fünf Jahren eine vielgelobte Ausstellung mit Rembrandts Selbstbildnissen präsentierte, erklärte die Wochenzeitung Die Zeit den starken Publikumsandrang gerade mit der „gegen alle zeitgeschichtlichen Bezüge in Form gebrachte, deshalb nachvollziehbare Selbstentfaltung eines Künstlers“. In der Inszenierung des eigenen Ichs ist der Zeichner Horst Janssen mit Rembrandt verwandt. So oft wie wahrscheinlich kein ein anderer Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts hat sich der 1929 in Hamburg geborene Janssen selbst porträtiert. Zwischen Mitte der sechziger Jahre, als ihm mit einer Werkschau in der Kestner-Gesellschaft Hannover der Durchbruch gelang, bis kurz vor seinem Tod 1995 sind weit über tausend völlig verschiedene Selbstbildnisse entstanden; sie nehmen eine zentrale, angesichts der ungeheuren Menge noch längst nicht in allen Facetten ausgeleuchtete Stellung in Janssens Werk ein. Am 14. November nun wäre Horst Janssen 75 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlaß zeigt die Hamburger Kunsthalle, in der es seit 1997 auch ein Janssen-Kabinett gibt, noch bis in den Januar hinein zwei Ausstellungen mit fünfzig druckgraphischen Selbstporträts sowie „Meisterzeichnungen“. Sie zeigen einen vulkanischen, von ungeheuren inneren Kräften getriebenen Künstler, der sich in der Auseinandersetzung sowohl mit dem „Anderen“ als auch mit dem „Selbst“ immer wieder neu erfand – und wohl auch erfinden mußte, um es mit sich selbst wenigstens halbwegs auszuhalten. Janssen-Ausstellungen „Meisterzeichnungen“ (bis 16. Januar 2005) und „Selbst“ (bis 30. Januar) in der Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall 2. Telefon: 040 / 428 131 200

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