„Öl ist nicht der Grund“

Herr Professor Nordhaus, in Deutschland wird allgemein der amerikanische Hunger nach Öl als Grund für den von den USA vorbereiteten Angriff auf den Irak angenommen. Sie gelten als einer der international renomiertesten Wirtschaftswissenschaftler – ist die „Blut für Öl“-These wirklich plausibel? Nordhaus: Nein, ich halte diese simple monokausale Erklärung mit Verlaub für einen letzten Ausläufer marxistisch-leninistischen Denkens in Europa. Und diese Schule hatte in meinen Augen nie eine gute Geschichtstheorie. Öl ist in diesem Konflikt natürlich keineswegs irrelevant, doch der Irak fördert derzeit nur 2,5 Millionen Faß am Tag, und in nächster Zukunft sind auch nicht mehr als 3 Millionen Faß möglich. Das ist nicht genug, um aus wirtschaftlicher Sicht einen Krieg zu rechtfertigen. Das Öl ist das Hauptexportgut des Irak, es bleibt ihm nichts anderes übrig, als es auszuführen. Der Westen bekommt das Öl also auf jeden Fall. Da es also ökonomisch unvernünftig ist, darum einen Krieg zu führen, ist es von seiten der Kritiker unvernünftig, anzunehmen, dies sei der Grund für den Krieg. Wäre es so, dann hätte man in Washington seine Hausaufgaben nicht gemacht. Da muß man sich schon nach anderen Gründen umsehen. Nämlich? Nordhaus: Wahrscheinlich haben wir es mit einem komplizierten Bündel an Gründen zu tun, das fünf oder sechs Beweggründe umfaßt. Doch ich bin Wirtschaftswissenschaftler, das aber ist eine Aufgabe für politische Analysten. Ihre Kollegen von der politikwissenschaftlichen Profession, wie Chalmers Johnson, Immanuel Wallerstein oder Noam Chomsky nennen als Meta-Begründung einen sich entfesselnden amerikanischen Imperialismus. Nordhaus: Imperialismus ist ein Begriff der sich auf eine Situation von vor etwa einhundert Jahren bezieht. Ich halte seine Verwendung in der aktuellen Debatte nicht für sinnvoll. Angeblich kursieren in Washington Pläne, die Ölfelder des Irak nach einem siegreichen Feldzug unter US-Verwaltung zu stellen. Nordhaus: Da das irakische Öl nur einen Teil der Kosten für den Wiederaufbau des Landes wird decken können, funktioniert diese Rechnung nicht. Das stimmt, was die simple Öl-Theorie angeht, die den Faktor Öl darauf reduziert, die USA wollten sich schlicht bereichern. Doch belegt die von Washington angestrebte langfristige Herrschaft über den strategischen Rohstoff Öl als Grundlage für die globale Rolle der USA, nicht die Imperialismus-Theorie? Nordhaus: Es liegt natürlich in der Tat im Interesse der USA, für sie günstige politische Verhältnisse in der Golfregion zu schaffen. Man wünscht sich dort natürlich offenere, demokratischere Regime, als das eines Saddam Hussein. Aber nur die allerwenigsten Amerikaner denken ernsthaft an ein Protektorat in Übersee. Offiziell ist von einer Besatzungszeit die Rede, diese soll zwar nur 18 Monate dauern, aber es ist doch wohl klar, daß das keine redliche Zahl ist? Nordhaus: Nein, mit mindestens fünf Jahren sollten wir rechnen. Darüber sollten wir uns im klaren sein, nicht daß dem Kongreß die Besatzung nach eineinhalb Jahren plötzlich zu teuer erscheint und er die Gelder sperrt. Sie haben eine Studie über die wirtschaftlichen Folgen eines weiteren Irak-Krieges erstellt. Dort stellen Sie fest, daß die Auswirkungen diesmal anderer Art sein werden, als die Amerikaner das bisher von Kriegen gewöhnt sind. Nordhaus: Wir sind gewöhnt, daß Kriege die Konjunktur ankurbeln und Vollbeschäftigung bringen, so war das nicht nur im Ersten und Zweiten Weltkrieg, sondern auch im Falle des Korea- und des Vietnam-Krieges. Doch die Art von Krieg, die Amerika sich nun erneut anschickt am Persischen Golf zu führen, ist zu klein, das heißt, die Aufwendungen für die militärischen Mittel sind im Vergleich zum Umfang der Wirtschaft zu gering, als daß die Wirtschaft durch die gebrauchten Rüstungsgüter einen Anreiz erfahren könnte. Also nur Kosten und Verunsicherung, aber keine zusätzlichen Einnahmen? Nordhaus: In der Tat spielen die psychologischen Faktoren die größere Rolle. Die Frage ist, werden die Verbraucher ängstlich reagieren, wird die Börse von Verunsicherung geprägt sein, etc. Bereits 1990 haben wir gesehen, wie nachdrücklich sich die Unsicherheit der damaligen Krise am Golf auf diese Faktoren ausgewirkt hat – und hatten es Anfang 1991 auch prompt mit einer erheblichen Rezession zu tun. Die Psychologie wiederum hängt mit dem Verlauf des Krieges zusammen. Nordhaus: Ja, wird es erneut – wie schon 1991 – lediglich zu einem „Hundert-Stunden-Krieg“ kommen, und sollten die irakischen Ölquellen den US-Truppen auch noch unversehrt in die Hände fallen, dann werden die Menschen wirtschaftlich entspannter reagieren, und es wäre sogar ein kleiner Aufschwung in den USA möglich. Kommt es aber zu zähen, verlustreichen Kämpfen, während derer allgemein schwere Zerstörungen angerichtet werden und schließlich der Ölpreis steigt, dann setzt eine Rezession ein. Es kann dann schon ernst werden. Wie ernst? Nordhaus: Ernst, wenn es auch nicht zu einer wirklichen nationalen Krise kommen wird. Allerdings, wenn der Krieg eskaliert, Israel in die Auseinandersetzung hineingezogen wird und sich die Kontrahenten mit ABC-Waffen auf den Leib rücken, dann ist natürlich auch eine nationale Krise nicht ausgeschlossen. Aber das ist dann nicht mehr der Krieg, über den wir hier sprechen. Neben dem unwägbaren Faktor der Destabilisierung stellen die unkalkulierbaren Kosten – wegen der unrealistischen Aussagen über die Besatzung – ein Problem für die wirtschaftliche Lage der Vereinigten Staaten dar. Nordhaus: Nach jüngsten Untersuchungen der American Academy belaufen sich die Kosten für die Unternehmung im günstigsten Fall auf 100 Milliarden Dollar. Davon entfiele die Hälfte auf den Feldzug selbst, die andere Hälfte auf die Besatzung. Im ungünstigsten Falle belaufen sich die Kosten alleine für den Feldzug auf 150 Milliarden Dollar und machen dabei aber weniger als zehn Prozent der gesamten Kosten von 1,9 Billionen Dollar aus. Diese setzen sich aus den drei Posten Besatzung und Wiederaufbau, Auswirkung des Konflikts auf den Ölpreis und Auswirkung auf die Weltwirtschaft zusammen. Wie rechtfertigt die Bush-Administration diese wirtschaftlichen Gefahren vor dem Volk – die Behauptung, der Irak bedrohe die USA mehr als Nordkorea, glaubt doch auch in den USA niemand? Nordhaus: Kriegführende Nationen unterschätzen – das lehrt ein Blick in die Geschichte – zunächst stets die Kosten für einen Krieg. Außerdem rechtfertigen Politiker doch die Kosten eines Krieges mit Notwendigkeiten, die sich aus dem Argument der nationalen Sicherheit ergeben. Damit ist es dann auch möglich, die Kosten undurchschaubar zu machen – die wahren Kosten verschwinden in Geheimakten mit dem Aufdruck „Streng vertraulich“. Und zu guter Letzt spielt die Psychologie eine große Rolle: Leute, die sich in einer Schicksalsfrage der Nation Sorgen um zu viel ausgegebene Dollars machen, kommen leicht in den Geruch, nicht patriotisch genug zu sein. Im übrigen hat die Bush-Administration jede Diskussion um die Kosten beiseite gewischt und zwar mit den Argument, diese sei derzeit sowieso rein hypothetisch, da man noch gar nicht wirklich entschieden hätte, Krieg zu führen. Wenn dann allerdings der Krieg beschlossen wird, ist es natürlich zu spät für solche grundsätzlichen Überlegungen. Prof. Dr. William D. Nordhaus zählt zu den renommiertesten Wirtschaftswissenschaftlern der USA. Von 1977 bis 1979 gehörte er zum Kreis der Wirtschaftsberater Präsident Carters. Er ist Mitglied verschiedener Wirtschaftsinsti-tutionen und Co-Autor von „Economics“, dem weltweit wichtigsten Lehrbuch für Ökonomie. Nordhaus lehrt an der Universität Yale/Connecticut. Geboren wurde er 1941 in Albuquerque in Neu Mexiko. weitere Interview-Partner der JF

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