Die persönlichste Persönlichkeit

Die Figur Wilhelm II., der am 27. Januar 144 Jahre alt geworden wäre, nimmt sich seltsam in der Reihe der Gestalten aus, nach denen ein ganzes Zeitalter seinen Namen hat: Das Friderizianische Zeitalter, die Napoleonische Epoche, die Wilhelminische Ära. So sonderbar es ist – der letzte Hohenzoller hat tatsächlich einer ganzen Epoche seinen Namen gegeben, was man sonst von keinem europäischen Monarchen des letzten Jahrhunderts sagen kann. Aber spricht das wirklich für die Geschichtsmächtigkeit Wilhelm II., mit dem die 800jährige Geschichte seines Geschlechts zu Ende gegangen ist? Man kann sich helfen, indem man sagt, das Wort „wilhelminisch“ werde ja fast immer abwertend gebraucht. Selbst in der Kunstgeschichte meint dieser Begriff eine Zeit des Verfalls. Ein „wilhelminischer“ Bau, etwa der Berliner Dom Julius Raschdorffs, steht für die Nachgeborenen für die hilflose Epoche zwischen den klassischen Stilen und dem aufkommenden Neuen Bauen, das in den International Style mündet; „wilhelminische“ Kunst mit ihren beiden Hauptvertretern Anton von Werner und Reinhold Begas will den Neobarock nun auch in der bildenden Kunst etablieren, obwohl sich doch die Moderne in der Malerei wie der Skulptur längst Bahn gebrochen hat; „wilhelminische“ Literatur, etwa die Ernst von Wildenbruchs, der selber ein illegitimer Hohenzollernsproß war, und „Phili“ Eulenburgs mit seinen Rosenliedern nahm niemand in einer Zeit ernst, die längst im Zeichen des Aufbruchs von Gerhart Hauptmann und Thomas Mann stand. Alles was bedeutend war zwischen 1888 und 1918 mußte sich von der Gestalt „Seiner Majestät“ absetzen, weil die Abkürzung SM, etwa in Heinrich Manns „Untertan“, schon genügte, den Monarchen lächerlich zu machen. Wenn Dietrich Heßling im „Untertan“ Wilhelm II. die „persönlichste Persönlichkeit“ nennt, so trifft das sowohl den wildgewordenen Kleinbürger als auch den Kaiser, der Untertanen voraussetzt und hervorbringt. Und dennoch bleibt die Figur Wilhelm II. in seiner Zeit und für seine Nachwelt beherrschend, wobei man gar nicht einmal die annähernd einhundert Bücher ins Feld führen muß, die sich inzwischen mit seiner Figur beschäftigt haben. Er war ja außerordentlich populär, der meistfotografierte Zeitgenosse, weit über alle Berühmtheiten des Tages hinweg, Schauspieler, Feldherren, Erfinder oder Wissenschaftler. Von jeder seiner Reisen, und er reiste viel, weshalb er mit meist gutmütigem, teils ironischem Spott ein „Reisekaiser“ genannt wurde – in sein geliebtes Korfu oder entlang der skandinavischen Küste, wohin er Jahr für Jahr „Nordlandreisen“ machte -, erschienen Tausende von Photographien in allen deutschen und bald auch europäischen Zeitungen. Diese Popularität war eine Macht, mit der die Politik rechnen mußte, denn man stellte sich nicht gern gegen einen so gewinnenden Herrscher. Als Wilhelm II. Bismarck entließ, wurde das von der öffentlichen Meinung weithin für richtig gehalten, schon weil er seine Jugend gegen den uralten Kanzler ausspielte, der mit dem Gedanken eines Staatsstreiches gespielt hatte, um den rebellischen Reichstag in seine Schranken zu weisen. Wilhelm aber wollte die Abgeordneten versöhnen, für sich gewinnen, er wollte nicht gegen sein Volk regieren. Das wird in vielen Büchern zu wenig gesehen, die nur vom Ende her denken. Aber der „junge Herr“ – er war beim Tode seines Vaters 29 Jahre alt – hatte oft die Stimmung des Volkes für sich, und darauf mußten seine Reichskanzler von Caprivi bis Bethmann-Hollweg Rücksicht nehmen. Er war wirklich ein „Fabeltier unserer Zeit“, wie der Engländer Daniel J. Chamier seine Monographie über Wilhelm II. genannt hat, die selbst im Dritten Reich ein Bestseller wurde. Über den Kaiser sind mehr Biographien geschrieben worden als über Bismarck, Churchill und Lenin; nur Hitler hat ihn übertroffen. Als Wilhelm II. nach dem Ersten Weltkrieg 1918 abdankt, sieht das Deutsche Reich bis auf zu verschmerzende Gebietsverluste im Westen und im Osten im großen und ganzen so aus wie zuvor, nur daß aus dem Kaiserreich eine Republik geworden war. Als Hitler 1945 aber nach dem Zweiten Weltkrieg die „Tür hinter sich ins Schloß wirft“, wie er bei seinem Machtantritt gesagt hatte, ist das der tiefste Bruch in der deutschen Geschichte – ein Viertel des deutschen Siedlungsgebietes verloren, die deutsche Ostgrenze auf die Zeit der Ostkolonisation zurückgestutzt, selbst die Idee eines „Reiches“ für alle Zeiten verdorben. Dieser hergelaufene Schulabbrecher, dessen Familie jahrhundertelang im Waldviertel saß, hat Europa dauerhaft geprägt. Das ist wirklich nachdenkenswert, spricht es doch wahrscheinlich dafür, daß dieser unheilvolle Mann in Gegensatz zu Wilhelm II. für eine ganze Epoche steht. War Wilhelm II., rückblickend gesehen, mehr als ein Medienkaiser? Bei Hitler kann man die Frage nicht stellen, die bei Wilhelm II. auf der Hand liegt: Hat die Zeit den Mann geprägt oder ist er von seiner Zeit geprägt worden? Jahrzehntelang ist die Rolle Wilhelms II. im Herrschaftsgefüge des Deutschen Reiches eher gering eingeschätzt worden, da man trotz seiner exzentrischen, oft skandalösen Reden allzu deutlich sah, wie gering sein Einfluß tatsächlich war. Mit dem grotesk-monumentalen Werk des britischen Historikers John C. G. Röhl, das bei den bisher erschienenen ersten beiden Bänden schon auf 1437 Seiten angekommen ist, hat sich die Aufmerksamkeit wieder auf den Monarchen verschoben. Aber ist er wirklich das Bewegungszentrum der Politik seiner Epoche gewesen und trägt er also die Hauptschuld an den Spannungen, die in den Ersten Weltkrieg mündeten? George F. Kennon hat diesen Krieg in seinem berühmten Wort die „Urkatastrophe“ des Jahrhunderts genannt, was Mommsen richtig wiedergibt, während der Klappentext das Wort irrtümlicherweise Golo Mann zuspricht. Wolfgang Mommsen neigt dazu, die „preußisch-deutschen Machteliten“ für zumindest so verantwortlich zu halten wie den Kaiser, und er führt gute Belege dafür an, daß diese Eliten den Kaiser oft nur benutzten, um etwas durchzusetzen, was mit dem schwer faßbaren Begriff „Weltpolitik“ genannt wird. Im ersten Jahrzehnt waren das die „Ostelbier“, mit denen der Kronprinz einst im selben Garderegiment gedient hatte und deren Interesse an der Aufrechterhaltung der Schutzzollpolitik Bismarcks lag. In den späteren Jahren drängte sich eben jene nebulöse „Weltpolitik“ in den Vordergrund, nun bestimmte die neue Handelswelt auf schwer begreifliche Weise den Kurs der Politik, die nicht mehr in das Heer, sondern in die Marine investierte und die nur zum Teil noch aristokratischer Provenienz war. Sicherlich war die „Flotte“ das Lieblingsprojekt des Kaisers, und die maritime Hochrüstung, die zu dem verderblichen Wettlauf mit Großbritannien führte, wurde von Wilhelm II. kräftig gefördert. Aber gerade sie war doch ungeheuer populär, und zwar groteskerweise nicht nur an der Küste, sondern auch im Binnenland und sogar in Süddeutschand. Die Kinder trugen plötzlich in München wie Stuttgart Marineblusen und Matrosenmützen, und die Photographien um 1910 zeigen diese Marinebegeisterung in allen Schichten. Der Kaiser war ein Treibender, aber auch ein Getriebener. Sein Versagen ist auch das der bürgerliche Welt, wie der Ausbruch des Ersten Weltkrieges überdeutlich zeigte, als „der Geist vom August“ das ganze Volk trunken machte, so daß Wilhelms Worte vom Balkon des Schlosses einen ungeheuren Widerhall im Volk fanden: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“. Aber das kann den Kaiser nicht exkulpieren. Wilhelm II. wurde mit den Jahren und Jahrzehnten kein anderer, selbst im hohen Alter nicht. Nach dem deutschen Sieg über Frankreich im Juni 1940 rief er seine Entourage in Doorn zusammen. Freiherr von Sell, Sigurd von Ilsemann und die anderen. Seine Rückkehr nach Deutschland stehe ja nun bevor, der siegreiche Hitler, dem er ein unsägliches Glückwunschtelegramm schickte, werde ihm wieder seinen Thron zurückgeben. Wo solle er dann seine Residenz nehmen, in Potsdam oder in Berlin? Man entschied sich für das Berliner Schloß. Nach ein paar Tagen wurde dem Kaiser bewußt, daß eine wichtige Frage unentschieden geblieben war. Wie solle er die Rückreise nach Deutschland antreten, mit der Eisenbahn, mit dem Flugzeug oder mit dem Wagen? Der Kaiser entschied sich für das Auto, weil er Holland so verlassen wollte, wie er es 1918 betreten hatte. Ein Flügeladjutant erhielt den Auftrag, in der Zentrale von Mercedes anzurufen, um in Erfahrung zu bringen, wie schnell man ihm sechs oder acht Wagen zur Verfügung stellen könne, damit seine Kavalkade standesgemäß in seine Hauptstadt einziehen könne. Der Kaiser war alt geworden, 82 Jahre, aber er war bis zum letzten Tag nicht weise geworden. Wolfgang J. Mommsen: War der Kaiser an allem schuld? Wilhelm II. und die preußisch-deutschen Machteliten. Propyläen Verlag, Berlin 2002, gebunden, 296 Seiten, 25 Euro Dr. Wolf Jobst Siedler ist Verleger und Publizist. Er war Feuilleton-Chef des Berliner „Tagesspiegel“ (1955-1963), danach Leiter des Propyläen-Verlages und von 1967 bis 1979 Vorsitzender des Direktoriums der Verlagsgruppe Ullstein. 1983 gründete er den Wolf Jobst Siedler Verlag, der inzwischen zur Bertelsmann-Gruppe gehört.

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