„Das ist religiöser Populismus“

Pastor Rüß, am vergangenen Sonntag ist der erste Ökumenische Kirchentag zu Ende gegangen. Die interkonfessionelle Veranstaltung hatte den Anspruch, alle Christen zusammenzubringen, doch hat man offenbar durch einen aufdringlichen, zeitgeistigen Anstrich vielen Christen den Besuch vergällt. Rüß: Ich begrüße es, daß die Kirchen den Weg zu einem gemeinsamen Kirchentag gefunden haben, doch haben Sie mit Ihrer Kritik leider recht, und schlimmer noch, mit der milieuhafte Ausrichtung geht leider zudem eine gewisse politische Färbung einher, die sich aus dem Glauben nicht im geringsten begründen läßt. Droht der Normalbürger angesichts kindergartenartiger Veranstaltungen von Gesichtbemalen bis Selbsterfahrungstasten nicht zu Recht auf den Gedanken zu kommen, Glaube sei offenbar etwas Infantiles? Rüß: Ich verstehe, daß das naive Rumgehopse, Ringelpiez mit Anfassen und das „Wir haben uns alle lieb – piep!“ erwachsene Menschen eher abschrecken. „Infantil“ ist in der Tat das richtige Wort für viele Veranstaltungen auf dem Kirchentag. Aber man muß auch berücksichtigen, daß er aufgrund seines Ereignis-Charakters vor allem Jugendliche anzieht – der Altersdurchschnitt im regulären Gemeindegottesdienst ist doch wesentlich höher. Was aber zwischen all den tanzenden und hopsenden Menschen in der Medienberichterstattung verborgen bleibt, ist, daß man sich auf dem Kirchentag durchaus auch sein Programm mit dem Besuch ernsthafter, erwachsener und kultivierter Veranstaltungen füllen kann. Und ganz allgemein bleibt natürlich eine solche Großveranstaltung mit fast 400.000 Gläubigen auf jeden Fall ein eindrucksvolles Erlebnis. Irritierend ist auch die Wahl der Themen dort. Das Interesse an Gott scheint nicht allzu groß zu sein, statt dessen geht es vor allem um die Auseinandersetzung mit weltlichen Themen: Glaube und Krieg, Glaube und soziale Gerechtigkeit, Glaube und Zukunft etc. Rüß: Das ist völlig richtig, im Vordergrund stand, wie die Medien berichteten, mitnichten die Frage nach dem Glauben selbst, also die Tagesordnung des Christlichen: Glaube, Sünde, Nächstenliebe, Erlösung etc. Immer wieder wird behauptet, die Fragen unserer Zeit seien etwa die nach dem Umbau unserer Sozialsysteme, mehr sozialer Gerechtigkeit etc. Doch ich glaube, die Fragen unserer Zeit sind ganz andere, sind die grundsätzlichen Fragen, die sich Menschen stellen: die Frage nach Sinn, nach Glauben und Glaubenserfahrung, die Frage des Lebens nach dem Tod, die Orientierungskrise, die Angst vor dem Nichts etc. Diese Dinge beschäftigen die Menschen in viel höherem Maße, als wir das öffentlich zugeben wollen. Wenn die Kirche sich um diese Grundfragen, die ihre ureigenen sind, kümmern würde, hätte sie mehr als genug zu tun. Also eine unpolitische Kirche? Rüß: Nein, aber keine tagespolitische Kirche. Daß sich die Kirche in grundsätzlichen politischen Fragen – denken Sie an die Abtreibung oder die Genforschung – nicht heraushalten soll, ist selbstverständlich, aber wenn sie sich zum politischen Akteur macht, gibt sie ihren Status als Kirche auf. Es ist nicht unsere Aufgabe, Stellung zur Agenda 2010 zu nehmen. Für einen Kommentar dazu hat Präses Kock, der offenbar nicht an sich halten konnte, gar kein Mandat. Die Tatsache, daß jemand Pastor oder Präses der EKD ist, verleiht ihm noch nicht höhere politische Einsichten. Warum widmet sich die Kirche lieber externen Themen und Einflüssen, statt sich mit dem Glauben selbst zu beschäftigen? Rüß: Die Kirche leidet immer noch unter der Erfahrung der Nazi-Zeit, als sie es versäumte, gegen das Unrecht aufzustehen. Diesen Fehler meint sie heute mit verstärkter Offenheit gegenüber Politik wettmachen zu müssen. Tatsächlich aber führt dies nur zu einer Unterwerfung unter tagespolitische Fragen. Erleben wir denn eine missionarische Kirche? Mein Eindruck ist, daß der Auftrag Jesu, Menschen zum Glauben zu führen, zu missionieren, zu Jesu Jüngern zu machen, zurücktritt. Es gibt bereits erste Unternehmungen, in Deutschland Mission zu betreiben. Aber offenbar war selbst das kein großes Thema auf dem Kirchentag. Rüß: Und dabei stellt sich das Problem nicht mehr nur in den neuen Bundesländern. Norddeutschland ist heute schon – gleichgültig, ob Ost oder West – im Grunde Missionsgebiet. Wir sind längst keine Volkskirche mehr. Doch das Problem reicht sogar noch weiter, es findet nicht nur eine Entkirchlichung, sondern mittlerweile gar eine Entchristlichung Deutschlands statt: Das Neuheidentum nimmt im ganzen Land beträchtlich zu! Sie sprechen gar von Säkularisierung in der Kirche? Rüß: In der Tat haben wir es nicht nur mit Säkularisierung außerhalb, sondern auch innerhalb der Kirche zu tun. Viele Menschen haben den Eindruck, die Pastoren seien nicht fromm genug, trauen ihnen nicht mehr zu, Menschen zu sein, die andere zum Glauben führen können. Die Aufnahme ideologischer Ansätze wie feministischer Theologie oder des Sozialismus hatten in der Vergangenheit diesen Prozeß der inneren Säkularisierung beschleunigt. Noch heute haben wir es in der evangelischen Kirche mit einer starken Sozialdemokratisierung zu tun. Das klingt vielleicht harmlos, stellt aber eine massive Verweltlichung dar. Nicht zuletzt ist es die Hinwendung zu Zeitgeistthemen, die die Säkularisierung inzwischen perfekt macht. Natürlich stimmt es, daß wir die Menschen dort abholen müssen, wo sie sind, aber doch, um sie von dort wegzuführen und hinzuführen zu Glauben und Gott. Wenn ich sie dort aber belasse, hätte ich mir jede Mühe gleich sparen können. Was die Kirche stets wollen muß, ist das Fundament des Glaubens zu legen. Statt dessen wird der Glaube heute von der Kirche, so scheint es, mehr verwaltet. War der Kirchentag demzufolge genaugenommen eine weltliche Veranstaltung? Rüß: Das nicht, aber der Schwerpunkt war falsch gesetzt. Unser Volk weiß in Deutschland inzwischen von den Grundlagen des christlichen Glaubens nur noch so wenig, daß sich beide Kirchen zusammentun müßten, um diese Grundlagen wieder zu verankern. Allerdings muß auch der Einfluß der Medien bedacht werden. Zwischen öffentlicher Meinung und veröffentlichter Meinung besteht schließlich oftmals ein erheblicher Unterschied. Die Medien verstärken durch ihre Berichterstattung die Tendenz zur Verweltlichung noch künstlich. Wenn Kardinal Lehmann zwanzig Minuten predigt und dabei einen einzigen politischen Satz sagt, so können Sie sicher sein, daß es dieser Satz ist, der am Abend im Fernsehen gesendet wird. Beim Fernsehzuschauer entsteht der Eindruck, man hätte vor allem über Politik statt über Glauben gesprochen. Vielen galt der Auftritt des Dalai Lama als Höhepunkt des Kirchentages. Rüß: Wenn das der Höhepunkt war, ist das ein Armutszeugnis. Eine Religion, der das Oberhaupt einer anderen Religion ein Höhepunkt ist, leidet an einer deutlichen Identitätskrise und stellt damit die einzigartige Botschaft Jesu in Frage. Man hat den Eindruck, als hätte der Dalai Lama vielen Christen mehr zu sagen als die Kirche. Rüß: Die Popularität des Dalai Lama steht im Zusammenhang mit dem Phänomen des religiösen Individualismus, also der Tendenz, sich aus den verschiedenen Religionen und Ideologien das herauszusuchen, was einem paßt – das ganze gewürzt mit einer Prise Esoterik – und sich demzufolge von der Gemeinschaft der Gläubigen loszusagen. Und inzwischen entsteht leider der Eindruck, als könnten diese Anleihen bei anderen Religionen sogar mit kirchlicher Sanktionierung erfolgen. Das ist das Dilemma. Der Dalai Lama hat in Berlin als Ziel des Glaubens aller Religionen die Freude der Menschen genannt. Läßt sich wirklich so einfach seine Religion mit dem Christentum auf einen Nenner bringen? Rüß: Nein, das trifft nach dem Neuen Testament so nicht zu. Das Evangelium ist die freudige Botschaft für die Menschen in ihren Leidensprozessen und Leidenszwängen, einschließlich des Todes. Ein Blick in die Bergpredigt genügt, um festzustellen, daß die christliche Seligkeit etwas anderes ist: Selig, heißt es da zum Beispiel, „sind, die da Leid tragen, denn sie werden getröstet werden“. Der Dalai Lama hat seine Auffassung, aber wir Christen glauben etwas anderes. Das Versprechen von persönlichem Glück ist eine Form frömmelnder Demagogie. Die Menschen sehnen sich nach Glück, aber der Zustand des Glücks stellt doch mitnichten die Wirklichkeit des Menschen dar. Deshalb brauchen wir Trost. Wer aber das Glück als solches für erreichbar erklärt, versucht die Menschen zu verführen. Glück ist eine Gnade und keine Sache, auf die man ein Recht haben kann. Das ist religiöser Populismus. Mit der Einladung des Dalai Lama hat die Kirche demnach also Beihilfe zum Synkretismus geleistet? Rüß: Das könnte man so nennen, aber in der Tat schafft sie mit solchen Aktionen die Voraussetzungen für die Ausbreitung des Buddhismus. Eine Beliebigkeit wird möglich, die dem Synkretismus den Weg bahnt. Leider heißt es heute für viele Christen: „Hier stehe ich, ich kann auch anders!“ Und wer das kritisiert, setzt sich dem absurden Vorwurf aus, intolerant zu sein. Nicht anders als beim päpstlichen Verbot des gemeinsamen Abendmahls. Tenor: Wer ausschließen will, ziehe Grenzen zwischen den Menschen, und das sei nicht im Sinne Jesu Christi, sei also christusfern. Rüß: So kann man mit frommen Worten etwas nicht Evangelisches sagen. Jesus sagt dagegen ganz klar, wer nicht für mich, der ist gegen mich! Glaube muß vor den Menschen bekannt werden, deshalb muß man sich entscheiden, für Jesus und damit gegen alle anderen Religionen. Es ist wie beim Heiraten, wer für sich für seinen Ehegatten entschieden hat, hat sich gleichzeitig gegen alle anderen als mögliche Ehekandidaten entschieden. Gibt es demzufolge auch eine Kritik am gemeinsamen Abendmahl von evangelischer Seite? Rüß: Nicht nur am leichtfertig gemeinsamen Abendmahl, sondern schon am Umgang mit dem Abendmahl in den meisten evangelischen Kirche allgemein. Die meisten Gemeinden feiern das heilige Abendmahl nur einmal im Monat, obwohl es sich dabei einen wesentlichen Bestandteil des sonntäglichen Gottesdienstes handelt. Die evangelischen Kirchen müßten das heilige Abendmahl genaugenommen erst einmal neu für sich entdecken. Doch statt dessen experimentiert man mit dem Abendmahl und seinen Elementen. Da werden zum Beispiel Brezeln und Trauben statt Brot und Wein gereicht, und das Abendmahl wird nicht stiftungsgemäß gefeiert. Es ist nur zu verständlich, daß diese Experimente mit dem Sakrament viele Katholiken auf die Palme bringen. Oder denken Sie daran, wie viele protestantische Gemeinden mit den Resten des Abendmahles umgehen, etwa wird der Wein in den Ausguß gekippt. Wenn man die katholische Kirche ernst nehmen will, muß man auch den Papst und die Dogmen der Kirche ernst nehmen. Sich einfach darüber hinwegzusetzen, schadet der Ökumene mehr, als daß es ihr hilft, auch wenn man sich darüber ärgert. Wurde beim gemeinsamen Abendmahl also ein Sakrament für eine kirchenpolitische Provokation mißbraucht? Rüß: Zumindest hat man offensichtlich mehr den Aspekt der Kommunikation als die Kommunion im Blick gehabt. Das heilige Abendmahl wird damit in der Tat zum Instrument einer „Seid umschlungen, Millionen“-Politik, statt zum Weg einer Gemeinschaft mit Christus. Für die Katholiken gilt: Abendmahl-Gemeinschaft setzt Glaubensgemeinschaft voraus. An diesen kontroversen Glaubensfragen muß intensiver gearbeitet werden. Hat man sich denn den vielen Widersprüchen in der Kirche wirklich gestellt, oder war man darauf bedacht, bis auf den medienwirksamen Abendmahl-Streit echte Konflikte zu vertuschen? Rüß: Insofern nein, als prekäre Fragen durchaus auch thematisiert worden sind, insofern ja, als sie nicht im Vordergrund gestanden haben. Die katholische Anti-Abtreibungsvereinigung „Aktion Leben“ wurde gezwungen, den Kirchentag zu verlassen, nachdem bereits zuvor abtreibungskritische Transparente überklebt worden waren. Rüß: Ähnliches mußte die Selbständige Evangelische Kirche (SELK) erfahren, die den lettischen Erzbischof auf den Kirchetag einladen wollte und dies nicht tun konnte, weil der Erzbischof sich gegen die Frauenordination ausspricht und diese Meinung offensichtlich nicht auf dem Kirchentag erwünscht war. Diese Bevormundung ist ebenso wie der Fall „Aktion Leben“ ein Skandal! Es gibt erstaunlicherweise einen Pluralismus, bis hin zur Offenheit gegenüber politischen Ideologien und fremden Religionen, macht aber jemand eine starke Bekenntnisaussage, so erlebt man ungeahnte Intoleranz. Das ist Politik. Also ist der friedliche weltoffene Kirchentag, der uns vier Tage lang in allen Medien präsentiert wurde, ein Propagandabild? Rüß: Das von den Medien vermittelte Bild entspricht eben nicht der Wirklichkeit. Der Kirchentag hat seine Stärken und Schwächen, viele Chancen der Übermittlung zentraler Glaubensaussagen wurden aber nicht genutzt. Trotzdem sollte man dem Kirchentag in Zukunft nicht fernbleiben, vielmehr sollten konservative Protestanten und Katholiken gemeinsam auftreten, um ihre Kritik einzubringen, damit besseres entsteht. Pastor Ulrich Rüß ist Vorsitzender der Konferenz bekennender Gemeinschaften, dem Dachverband konservativer Protestanten in der EKD, der sich für einen Protestantismus entsprechend den Worten des Evageliums, als Auftrag Jesu, statt einer aktualisierten Auslegung der Heiligen Schrift einsetzt. Pastor Rüß, geboren 1943 in Braunschweig, stammt aus der nordelbischen „Kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis“ und ist seit 1970 im Kirchendienst. Heute betreut er die Gemeinde St. Johannes in Hamburg-Eppendorf. Foto:Zentraler Gottesdienst des ersten Ökumenischen Kirchentages am 29. Mai auf dem Berliner Gendarmenmarkt: „Es gibt eine erstaunliche Offenheit gegenüber politischen Ideologien und fremden Religionen – Motto: ‚Hier stehe ich, ich kann auch anders‘ -, macht aber jemand eine starke Bekenntnisaussage, so erlebt man eine ungeahnte Intoleranz.“ weitere Interview-Partner der JF

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