Gastbeitrag

Das Ende der nationalen Identität

Nein, lieber Thomas Schmid, so einfach ist die Welt nicht. Wenn Fremdenhaß ein ostdeutsches Problem ist, wie Sie auf Welt Online am 1. September behauptet haben, dann möchte ich gern wissen, warum der britische Premier David Cameron die „Menschenschwärme“ nicht ins Land lassen will, die seit Wochen in Calais campieren. Und ich würde genauso gern wissen, warum sich Dänemark abschottet, Norwegen Flüchtlinge, die kein Asyl bekommen können, nach 48 Stunden vor die Tür setzt, die Slowakei und Polen keine Muslime aufnehmen und die baltischen Republiken Fremde mit tiefer Skepsis betrachten.

Europa ist durch die ungebremste  Zuwanderung in eine tiefe Legitimationskrise geraten, auf die Staaten und die Völker noch unterschiedlich reagieren. Je kleiner das Land und je unsicherer die nationale Identität, desto abweisender sind die Reaktionen der Menschen. Und das ist ja auch legitim. Denn der Gedanke, daß Bürokraten in Brüssel Menschen nach Quoten auf Länder verteilen, ist zutiefst ahistorisch. Schließlich wollen die Menschen in Riga, Tallin, Warschau oder Budapest wissen, wie ihre Gesellschaften in zwanzig oder dreißig Jahren aussehen.

Viele Westdeutsche wollen Weltbürger sein

Zuwanderung ist die Kernkompetenz im Rahmen der nationalen Selbstbestimmung. Ihr Umfang entscheidet über Sprache, nationale Identität, kulturelle Prägung. Es ist der Fehler einer nur ökonomischen Betrachtungsweise: Sie will Arbeitskräfte, aber Menschen kommen. Und da haben besonders kleinere Völker traumatische Erfahrungen. Zuwanderung kann eben auch Verlust von Sprache und Kultur bedeuten, also das Ende der tradierten nationalen Identität, wie die Balten es fast erleiden mußten. Polen, Ungarn und Balten haben ihre nationale Identität seit 1989 nicht mit dem Ziel zurückgewonnen, sie nun in einem vereinigten Europa oder problematischer noch in einer globalen Wanderungsbewegung erneut zu verlieren. Also beharren sie stärker als andere Völker auf dieser hart umkämpften Identität.

Auch die Ostdeutschen sind unabhängige Deutsche erst wieder seit 1989, und sie befürchten – ob zu Recht oder zu Unrecht –, daß das Gewonnene verlorengeht, in einem Strom an humanitärer Zuwanderung. Die Westdeutschen sind weiter und atavistischer zugleich. Ihnen hat man seit 1968 systematisch das nationale Selbstwertgefühl ausgetrieben. Ein Volk, das Adolf Hitler hervorgebracht hat, hat keinen Anspruch auf einen Platz in der Völkerfamilie. Da uns das immer wieder eingeredet wurde, streben nun auch viele Deutsche danach in Europa und der Welt aufzugehen. Die Spuren sollen getilgt werden und statt den Deutschen sollen Menschen ihren Platz in diesem Land einnehmen.

Das gibt es nur in diesem Land; weder in Frankreich, Großbritannien oder Italien wird die nationale Identität so meinungsstark wie gründlich bekämpft. Die Westdeutschen wollen vieles sein – Weltbürger, Europäer, nur keine Deutschen. Doch während die alte Bundesrepublik von allem Nationalen wegstrebt, haben die Bürger der früheren DDR gerade die Nation wiederentdeckt. Der Stolz auf die Nation geht immer auch mit Übertreibungen, Ablehnung anderer und Angst vor Überfremdung einher, und da treffen sich die Ostdeutschen mit den Briten, denen die Einwanderung aus dem Commonwealth genug Probleme beschert hatte und die nun auch wieder auf ihrer „Britishness“ oder „Englishness“ bestehen.

Gehirnwäsche der 68er

Europa ist eben kein Schmelztiegel wie Amerika, sondern ein Kontinent vieler unterschiedlicher Nationen, Kulturen und Sprachen, und all die törichten Versuche vom europäischen Staat über den Euro bis zur Willkommenskultur stoßen in der ehemaligen DDR auf die tiefe Skepsis jener, die gerade erst Sachsen, Thüringen oder Brandenburg für sich zurückerobert haben. Was im Westen seit der Gehirnwäsche der 68er allenfalls Folklore von Fußballspielen ist, das ist im Osten das nationale Beharrungsvermögen in einer globalisierten Welt.

Ich spreche hier nicht von den wenigen Verbrechern, die Molotowcocktails in die Hand nehmen, sondern von den Millionen, die im Fremden eine Bedrohung sehen. Schließlich haben sie sich gerade erst das Eigene zurückgeholt. Es gibt kein helles und kein dunkles Deutschland, es gibt ein Deutschland, das seine Erinnerungen auszulöschen versucht, und ein anderes, das sich an Mörike, Eichendorff und Rilke erinnert, obwohl es keines ihrer Gedichte kennt, ein Deutschland, das seine Identität bewahren will, ob auf der Schwäbischen Alb oder in Dresden, und es gibt ein Deutschland, das in der Weltgemeinschaft ankommen und in ihr aufgehen will.

Die Reibung zwischen diesen beiden Deutschlands bringt auch Gewalt und Fremdenhaß hervor, doch die haben eben tiefere Ursachen als die 40 Jahre DDR. Wie formulierte Goethe so treffend: „Zur Nation euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche, vergebens; Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.“

Die Nation liefert Halt

Wir sind immer noch nicht angekommen, und der freie Mensch allein findet wenig Halt. Die Nation liefert ihn, doch sie schließt viele aus, und Fremdenhaß ist eine ihrer Krankheiten. Mag sein, daß es im Westen mehr Menschen gibt, die ohne nationale Halterung leben können, doch im Tiefsten ist es eine keine Spaltung zwischen Ost und West, sondern zwischen Deutschland und dem Rest Europas.

Wo Briten, Dänen, Slowaken und Polen ihre Identität ausleben, haben die Westdeutschen immer ein schlechtes Gewissen. Nationale Geschichte endete in Auschwitz, ist uns beigebracht worden, und während England, Frankreich und die USA aus dem reichen Fundus ihrer vorindustriellen Traditionen und Symbole schöpfen können, sind diese bei uns entwertet.

Pageantry und Revolutionsmystik können immer erneut heraufgerufen werden, und es genügt, an die ruhmreichen Fahnen von Waterloo einen neuen Wimpel zu fügen, um den Falklandkrieg zu symbolisieren. Ob die Mall in Washington oder Mitterrands neuer Triumphbogen La Défense, sie knüpfen an die Ästhetik der Vergangenheit an, verlängern sie in die Gegenwart und entgehen so der Bilderlosigkeit des 3. Oktober 1990. Auch hier gilt, daß die Industriegesellschaft auf Fundamenten ruht, die sie nicht selbst schaffen kann, wenn sie einmal zerstört sind. Und da diese Traditionen in Deutschland abgerissen sind – keine Jagdstaffel darf nach Mölders, keine Kaserne nach Hindenburg oder Rommel benannt werden –, fehlen in der deutschen Gesellschaft die Anker des nationalen Zusammenhaltes.

Westdeutsche würden nicht anders reagieren

An deren Stelle ist in Westdeutschland der Wohlstand getreten, und solange er anhält, vermissen die Westdeutschen wenig. Allein viele Ostdeutsche spüren den Phantomschmerz mangels materiellen Erfolges und reiben sich an den neuen Ersatzideologien: Europa, Weltoffenheit und buntes Deutschland. Und manchmal wird auch aus den Trümmern der alten DDR Erinnerung gebastelt. Es war nicht alles schlecht …

Nun denke man aber nicht, die Westdeutschen würden anders reagieren, wenn die Wohlstandsbasis in Gefahr geriete. Auch sie haben keine psychologischen Halterungen. Ich mag mir nicht vorstellen, wie es in Deutschland aussehe, hätte das Land einen so langen schmerzhaften Abstieg wie England erlebt. Ohne die Stützen von Traditionen und historischen Institutionen würden sich auch die Westdeutschen alleingelassen fühlen, geworfen in eine globalisierte Welt ohne Halt in der Geschichte. Dann würden wir nicht über die Unterschiede zwischen West und Ost reden, sondern alleine über die zu den historisch glücklicheren Völkern. Die Ostdeutschen sind nicht fremdenfeindlicher, sondern einfach weniger belastbar.

JF 38/15

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Alexander Gauland ist Landes- und Fraktionsvorsitzender der Alternative für Deutschland (AfD) in Brandenburg.

Pegida-Demonstration in Dresden Foto: picture alliance/dpa

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