Historisch abgehängt

Das ostdeutsche Kulturerbe wird hierzulande immer schamhafter abgewehrt: In amtlichen Urkunden von jenseits von Oder und Neiße Geborenen werden die Namen ihrer Geburtsorte in ihrer späteren polnischen oder russischen Schreibweise aufgeführt (zuletzt JF 34/09), ein Tradieren von Geschichte, Sprache und Kultur in Wissenschaft und Unterricht wird häufig unterlassen. Dazu paßt, daß zunehmend Publikationen auch in historischen Betrachtungen die Ostprovinzen unberücksichtigt lassen, was zu interessanten Stilblüten führt.

So ist den Autoren gar nicht peinlich, eine deutsche Literaturgeschichte zu verfassen, in der wegen ihrer ostdeutschen Wurzeln Kant, Herder, Eichendorff oder Hauptmann keine Erwähnung finden (JF 30/09) oder einen „historischen Reiseführer“ über die „Ostseeküste 1933–1945“ anzubieten, deren östlichster Ort Swinemünde ist (Martin Kaule, Ch. Links, Berlin 2009). Auch der Bertelsmann-Buchclub ist dieser Unsitte gefolgt: Im Bildband „Deutschland in alten Ansichten“ werden 94 historische Stadtansichten präsentiert, die die „Schönheit und den kulturellen Reichtum Deutschlands“ beschreiben sollen. Anders als in ähnlichen „Alten Ansichten“ – oft als Treueprämie für Buchclub-Kunden verbreitet –, fehlen allerdings Stettin, Breslau, Danzig oder Königsberg, obwohl Stiche und Bilder von Künstlern vom 15. bis zum 19. Jahrhundert präsentiert werden, die damals „das Land durchquert haben“. Herausgeber Dirk Palm hält eine andere Form aber für „schlicht nicht machbar“, da Deutschlands Grenze in der Geschichte immer „zu amorph“ gewesen sei: „Zudem haben wir das Buch für ein deutsches Publikum von heute geschaffen.“

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