Genaues weiß man nicht

In der jüngsten Gemeinschaftsdiagnose prognostizieren führende Wirtschaftsforschungsinstitute für Deutschland, daß die Wirtschaftsleistung im laufenden Jahr weiter zurückgeht. Zusammengerauft haben sie sich auf minus sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Aber noch bei ihrer letzten Beratung kurz vor der Veröffentlichung waren sie darüber uneinig gewesen, ob sie ihrem Publikum minus vier oder minus fünf Prozent vorsetzen sollten. Andere Institutionen (Bundesregierung, EU-Kommission, DIHK, HWWI, DIW und IWF) haben den Rückgang auf 2,25 bis 5,6 Prozent veranschlagt. Und was schon für die deutsche Wirtschaft schwierig genug ist, gilt erst recht für die globale. Vorsichtig schreiben die Institute, ihrer Ansicht nach werde die Abwärtsbewegung „wohl erst im Winterhalbjahr 2009/2010“ auslaufen; allerdings „dürfte“ die sich anschließende konjunkturelle Belebung „zunächst nur wenig Dynamik“ entfalten.

Nicht anders die Äußerungen zur künftigen Lage am Arbeitsmarkt, zur Preisentwicklung, zum Export, zum Welthandel sowie anderem. Und zu den staatlichen Monsterprogrammen für die Konjunkturankurbelung schreiben die Institute: „Alles in allem sind Schätzungen der Auswirkungen der Konjunkturprogramme mit großer Unsicherheit behaftet. … Um eine solche Schätzung vornehmen zu können, müssen Annahmen über die zeitliche Verteilung der Ausgaben des Konjunkturprogramms getroffen werden. Da diese Annahmen die Resultate stark beeinflussen, können schon leichte Verzögerungen bei der Durchführung des Programms zu stark unterschiedlichen Ergebnissen führen, was die Unsicherheit bezüglich der Einschätzung der Auswirkungen von Konjunkturprogrammen noch einmal erhöht.“

Aber bei aller Vorsicht nennen die Institute eben doch Zahlen, um wie viele Prozent wichtige Größen voraussichtlich zurückgehen oder zunehmen werden. Doch darauf  verlassen kann man sich natürlich nicht, denn: „Aus der ungewöhnlich starken Abwärtsdynamik der Weltkonjunktur, der hohen Ungewißheit über die tatsächliche Situation des Finanzsektors und den Folgewirkungen der massiven wirtschaftspolitischen Interventionen ergeben sich Risiken für die Prognose.“

Alles ist mit so vielen Wenn und Aber garniert, daß es ehrlicherweise heißen müßte: Nichts Genaues weiß man nicht. Eben darum hat das DIW Berlin in seiner Frühjahrsanalyse Mitte April auf die Präsentation einer Wachstumsprognose für das Jahr 2010 verzichtet und zusammenfassend bekannt: „Die Makroökonomik befindet sich in einem Erklärungsnotstand, so daß Prognosen in der heutigen Zeit nur mit größter Vorsicht zu interpretieren sind.“

Was also machen Prognosen dann für einen Sinn? Vielleicht den, daß man sich gern Täuschungen hingibt? Daß man lieber mit einer (vielleicht) falschen Zahl operiert als mit überhaupt keiner? Daß sich mit Prognosen Politik machen läßt? Daß einige Menschen durch Fehlprognosen, an die sie nicht glauben, gewinnen, was andere, die an sie glauben, durch sie verlieren? Doch kann man auch sagen: Die einen befragen halt Wahrsager nach der Zukunft, die anderen Nationalökonomen.

Freilich dürfte der Unterschied im Vertrauen zu Wahrsagern und zur Prognosefähigkeit von Nationalökonomen als Folge der gegenwärtigen Krise zusammengeschmolzen sein. Denn die überwiegende Mehrheit der Ökonomenzunft, soweit sie sich mit Finanzpolitik, Wirtschaftspolitik und Makroökonomie beschäftigt, hat die Krisengefahr nicht erkannt, also die größte Krise seit 1929 nicht kommen sehen oder nicht vor ihr gewarnt. Völliges Versagen wird ihnen vorgeworfen, und sie tun es auch selbst. Manche streuen Asche auf ihr Haupt. Zu ihnen gehören die Ökonomen Peter Bofinger, Clemens Fuest und Dennis Snower.  Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft Snower wird mit dem Bekenntnis zitiert: „Was wir in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren gemacht haben, ist durch die Krise komplett über den Haufen geworfen worden.“ Auch die meisten Finanz- und Wirtschaftsjournalisten waren blind für die Gefahr.

„Warum die Ökonomen versagt haben“, hat der Wirtschaftswissenschaftler Joachim Starbatty in der FAZ mit zwei Gründen erklärt. Der eine: „Ökonomen nehmen immer weniger wahr, was um sie herum vorgeht. Sie reduzieren ökonomische Realität auf statistische Zeitreihen. Diese können uns helfen zu erklären, was passiert ist, nicht aber zu erkennen, was sich zusammenbraut.“ Der zweite Grund liegt für Starbatty im Erbe des Ökonomen John Maynard Keynes: „Stimulierung des gesamtwirtschaftlichen Nachfrage durch Staatsdefizite und Billiggeldpolitik der Zentralbanken.“ Und der US-Ökonom Robert Shiller erklärt das Versagen mit einem unheilvollen Hang zum Dogmatismus und dem Herdentrieb in seiner Zunft: „Menschen in Expertengruppen sorgen sich ständig um ihre persönliche Bedeutung und ihren Einfluß. Sie haben den Eindruck, wenn sie zu weit vom Konsens abrücken, werden sie in keine ernsthafte Position gelangen.“

Immerhin gibt es ein paar Ökonomen, die seit Jahren den Zusammenbruch des Finanzsystems vorhergesagt haben. Aber sie waren Außenseiter, galten als Störenfriede, auf sie hören mochte niemand. Gesehen werden konnte die Gefahr also durchaus, damit hätte auch ein rechtzeitiges Gegensteuern erfolgen können – wenn dieses denn gewollt gewesen wäre. Das war es aber nicht.

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