Schnitzel für Minderheiten

In der „FrischeMensa Otto-Behaghel-Straße“ des Studentenwerks Gießen kündete der Speisenplan vorige Woche „Schweineschnitzel mit Sauce Zingara, Rösti und einer Beilage“ an. Erst der Blick auf das Tablett dämpfte die gekeimte Hoffnung auf eine exotische kulinarische Exklusivität: „Doch nur Zigeunerschnitzel“, seufzte da ernüchtert manch hungriger, mit den lokalen lukullischen Chiffren unvertrauter Seminarist. Vielleicht hätte einem aber auch ein wenig Sprachgewandtheit weitergeholfen. Dann hätte man nämlich gewußt, daß „Zingara“ auf italienisch nichts anderes als Zigeunerin bedeutet. Um die angehenden Akademiker nicht mit eventuell politisch unkorrekten Ausdrücken zu konfrontieren, haben die Mensaköche nämlich lieber einen polyglotten Ausflug unternommen. „Sinti-und-Roma-Schnitzel“ – einer zeitweilig modischen Sprachregelung gehorchend – hätte wohl auch zu sperrig geklungen. Außerdem ist selbst bei Verbänden dieser ethnischen Minderheit umstritten, ob es trotz der oft angeführten negativen Konnotation des Wortes Zigeuner für „Gadscho“ (Nicht-Zigeuner) angebracht ist, Ausdrücke aus der eigenen Sprache, dem Romanes, zu benutzen. Das gleiche gilt dann ebenso für Gypsy (englisch), Gitano (spanisch) oder eben Zingaro (italienisch). Vielleicht haben sich die Verantwortlichen aber beim Bayerischen Rundfunk informiert. Dort führt das Wissenslexikon der „Kinderinsel“ gleich warnend ins Thema ein: „Das Wichtigste zuerst: Zigeuner ist ein Schimpfwort!“ Ähnlich tiefschürfend wird den Kleinen der Antiziganismus in Europa erklärt: „Ihr handwerkliches Geschick“ habe die „Einheimischen neidisch gemacht“.

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