Beleidigt wegen des Undanks

Als Kerem Çalışkan 2006 die Chefredaktion der Europa-Ausgabe der türkischen Tageszeitung Hürriyet übernahm, wurde er von vielen deutschen Medienkollegen als „weniger polarisierend“ begrüßt. Die Berichterstattung in den letzten Wochen zur Debatte über kriminelle Jugendliche und der Brandtragödie in Ludwigshafen hat dieses Prädikat wohl weniger verdient. So war es vor allem sein Blatt, das mit der Behauptung, die Türken seien Opfer eines ausländerfeindlichen Anschlags, die Stimmung unter seinem „weiteren Leserkreis“ von etwa 700.000 Landsleuten angeheizt hat. „Mein Gott, sie haben wieder gezündelt?“ war auch Çalışkans erster Gedanke, wie er im Interview mit Spiegel Online gesteht. Dem Vorwurf, daß seine in Mörfelden-Walldorf produzierte Hürriyet „nicht besonders integrationsfördernd“ sei, bestreitet der 58jährige Journalist nicht direkt. Medien wie Hürriyet, die sich auch als Lobby ihrer Landsleute verstehen, „tun ihr Bestes, damit in Deutschland erfolgreiche, gut ausgebildete, respektable Generationen von Türken aufwachsen“. Schuld an Defiziten sei vor allem die deutsche Politik, die mit ihrer Ausgrenzung gegenüber der Türkei weder das „größte Integrationsabenteuer des 20. Jahrhunderts“ der Türken in Deutschland honoriere noch gebührenden Dank gegenüber den historischen Leistungen der Einwanderer zum Ausdruck bringe. Çalışkan, der die Deutsche Schule in Istanbul besuchte, zählt zu diesen die „tatkräftige Unterstützung beim Aufbau des zerstörten Deutschlands nach 1960 sowie bei der Wiedervereinigung 1990“. Auch deshalb seien die Deutschtürken „zutiefst beleidigt“.

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