Achtgroschenjungs

Erinnert sich noch jemand an die „Affäre Plame“ Anfang dieses Jahres in Washington? Der US-Auslandsgeheimdienst CIA hatte amerikanische Top-Journalisten für ein übles Spiel der Regierung Bush instrumentalisiert. Um einen unbequemen Kritiker des Irak-Krieges zu beschädigen, wurden besagte Journalisten, jeder einzeln für sich, darüber „aufgeklärt“, daß die Frau des Kritikers, eben Valery Plame, eine CIA-Agentin war. Wie Haie stürzten sich die derart „Informierten“, darunter die berühmtesten „Schmutzaufwühler“ der Nation, auf den ihnen hingehaltenen Köder, sie kamen sich mit ihren „exklusiven Enthüllungen“ gegenseitig in die Quere, die Wellen gingen hoch – doch blamiert waren am Ende nur die Journalisten. Die jetzige Affäre in Deutschland um den Bundesnachrichtendienst (BND) ist mit der Affäre Plame durchaus vergleichbar, besonders in Hinblick auf das abzusehende Resultat. Auch bei uns werden am Ende bestimmte Journalisten, ja, wahrscheinlich sogar der gesamte Journalistenstand, recht blamiert dastehen, während beim BND selbst allenfalls Herr Schmidbauer in die Frühpension gehen muß. Der Schuß wird gewissermaßen voll nach hinten losgehen. Was den BND betrifft, so wollte er mit seinen Journalisten-Kontakten ja keineswegs eine Staatsintrige à la Plame spinnen, sondern er wollte „undichte Stellen“ in seinem eigenen Beritt aufdecken, d.h. ungetreue Mitarbeiter enttarnen, die bestimmte Journalisten dauernd mit Indiskretionen aus dem Inneren des Dienstes versorgten. So beauftragte er einige schon seit längerem für ihn „arbeitende“ Journalisten, recte: Achtgroschenjungs, ihre Journalistenkollegen auszuhorchen und das Gehörte umgehend an den Dienst weiterzugeben. Und die Achtgroschenjungs reagierten pünktlich und strichen dafür auch ihre Groschen ein. Natürlich handelten die BND-Beamten statutenwidrig, vielleicht gesetzeswidrig, denn dem BND als Auslandsdienst ist es offiziell verboten, nach innen „Aktivitäten“ zu entfalten. Man darf sich maßvoll über diesen Verstoß aufregen. Aber die Pressefreiheit gefährdet, wie dem BND jetzt von vielen Seiten vorgehalten wird, hat er gerade nicht. Er hat den von ihm bezahlten Journalisten ja keinen Maulkorb umgehängt, sondern hat sie im Gegenteil zum Recherchieren und Ausplaudern und Aufschreiben üppigst ermuntert. Wer die Pressefreiheit gefährdete, das war nicht der BND, sondern das waren die Journalisten. Sie, die Journalisten, haben dieses kostbare, überall so seltene Gut namens Pressefreiheit regelrecht beschmutzt und in dubioseste Beleuchtung gebracht. Der Schaden, den sie angerichtet haben, ist nicht leicht wieder gutzumachen, und es ist, wie gesagt, ein Schaden an der eigenen Zunft. Journalisten stehen bekanntlich schon seit längerem (neben Kneipenwirten, Politikern und Gewerkschaftsfunktionären) am unteren Ende der Ansehens- und Beliebtheitsskala. Vorfälle wie die laufende „BND-Affäre“ werden das düstere Bild noch düsterer machen. Realisiert man in den einschlägigen Büros eigentlich noch, daß Journalistsein besondere moralische Verantwortung mit sich bringt? Ob ein KFZ-Mechaniker ein Lump ist oder nicht, interessiert faktisch niemanden; ob ein Journalist ein Lump ist oder nicht, interessiert jeden. Und immer mehr Menschen neigen der Meinung zu, daß Journalisten durch die Bank Lumpen seien, trübselige Figuren, frech, aber auch wieder schleimerisch, bestechlich, mit Geldscheinen winkend oder Geldscheine entgegennehmend, wenn es gilt, an Geheimnisse heranzukommen, die zudem bei Lichte betrachtet meistens gar keine sind, sondern nur wichtigtuerisch dazu aufgeblasen werden. Das Standesbewußtsein der Journalisten selbst ist diffus und widersprüchlich. Manche von ihnen halten sich allen Ernstes für eine vor allen anderen ausgezeichnete Spezies, sind davon überzeugt, daß „das Medium die Botschaft“ sei, und finden folglich überhaupt nichts dabei, Ereignisse zu simulieren, beispielsweise indem sie randalierenden Jugendlichen Geld zustecken, damit sie die Hände zum Hitlergruß recken und Sieg Heil brüllen. Sie sind arrogant bis größenwahnsinnig. „Man soll sich vor uns zu Tode fürchten“, deklarierte einst Henri Nannen. Hinwiederum trifft man auch immer wieder Journalisten, die nur allzu gern „auf die andere Seite der Barrikade“ wechseln würden, sich nach einem gut bezahlten Regierungsamt sehnen und fast alles tun, um ein solches zu ergattern. Geistig und institutionell unabhängige Journalisten muß man heute schon mit der Lupe suchen. Die meisten sind entweder offene Parteiarbeiter, oder sie haben sich von einem politisch oder sonstwie Mächtigen in dessen Hofstaat einreihen lassen, dürfen ihn auf seinen Reisen begleiten, sind seine exklusiven Interviewpartner – und tun sich auch noch etwas darauf zugute. Soziologen sprechen immer öfter von den Medienvertretern als der „vierten Gewalt“ im demokratischen Staat, neben Legislative, Exekutive und Judikative. Manche prophezeien sogar, daß diese „vierte Gewalt“ bald zur ersten aufsteigen werde. Angesichts der „BND-Affäre“ und der Rolle, die – nicht unprominente – Journalisten darin spielen, muß man sich wieder einmal seufzend fragen: Wenn so eine Grundgewalt unserer Demokratie aussieht, wie mag es dann wohl mit dieser Demokratie im ganzen bestellt sein?

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