Joachim Kuhs

 

Sklaven in Weiß

Akademiker, deren Ausbildung und Weiterbildung das Helfersyndrom erzeugen, werden nach der Approbation Ärzte genannt. Krankenkassen und Krankenhäuser haben das Helfersyndrom jahrzehntelang schamlos ausgenutzt. Jetzt sind sie verblüfft über die Reaktion der Ausgebeuteten. Die Ärzte verwenden das Instrument des Warnstreiks, um auf ihre Situation hinzuweisen: geringste Gehälter in Westeuropa für die Klinikärzte, dafür aber die höchste Arbeitszeit. Die Belastung der niedergelassenen Ärzte in Deutschland durch bürokratischen Terror, der ihnen die nötige Zeit für die Patienten stiehlt, verursacht eine Arbeitszeit von fünfzig bis sechzig Stunden pro Woche. Die Spargesetze der letzten fünfzehn Jahre haben die Ärzte gebeutelt und deren Arbeitsbedingungen verschlechtert. 14 Euro pro Stunde für einen Assistenzarzt in der Klinik sind beschämend. Etwa vierzig Euro gibt es für einen niedergelassenen Arzt. Der hat allerdings davon die Miete für die Praxis und deren gesamte Ausstattung sowie die angestellten Mitarbeiter zu bezahlen. Derartige Voraussetzungen locken den Ärzte-Nachwuchs nicht in die Klinik und die Praxis vor Ort. Ärzte können nur qualitativ hochwertige Helfer der Patienten sein, wenn sie ausgeruht und ihrer Ausbildung entsprechend arbeiten dürfen. Wenn ihr Aufstand nichts bewirkt, werden die Träger des Helfersyndroms Deutschland verlassen und im europäischen Ausland Arbeit suchen – und finden.

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