Tatsachensinn

Die Einnahmen der Sechs- bis Zwölfjährigen sind, so hat das in München ansässige Institut für Jugendforschung herausgefunden, seit Herbst 2003 um 29 Prozent gesunken. Im Durchschnitt stehen ihnen jährlich 254 Euro zur freien Verfügung. Die Hälfte davon beziehen sie aus regulärem Taschengeld, der Rest fließt ihnen in der Form von Sonderzuwendungen, etwa anläßlich von Zeugnissen oder für Kinobesuche, zu. Das Institut sieht die Kinder in besonderem Maße von der „allgemeinen Sparwelle“ betroffen. Nicht zuletzt bei den Geldgeschenken zu Weihnachten hätten sie massive Einbußen zu erleiden. Hart treffe es auch hier vor allem die „neuen Bundesländer“. Die Kinder tragen so die Kosten der Freiheit mit, die ihre Eltern auch für sie errangen. Den Gürtel enger schnallen müssen aber nicht nur die unmittelbar Betroffenen, die oftmals zudem erleben, daß ihre Eltern und die öffentliche Hand auch in anderen Bereichen wie der Bekleidung, der Ernährung, der medizinischen Betreuung und der Ausstattung von Schulen und Kindergärten bestrebt sind, bei ihnen Sparpotentiale zu erschließen. Schaden nehmen auch jene Gewerbe, die um die derzeit noch 1,44 Milliarden Euro konkurrieren, die Sechs- bis Zwölfjährige im Jahr in eigener Regie ausgeben dürfen. Bestimmte Segmente der Süßwarenindustrie, der Hersteller und Händler von Unterhaltungselektronik sowie der Comic- und Zeitschriftenbranche werden nur überleben, wenn sie sich in ihren Angeboten allmählich auf die zukunftsträchtigere und finanziell zumeist gut ausgestattete Zielgruppe der Greise neu ausrichten. Die gesellschaftliche Umsteuerung der Armut von den Alten auf die Kinder hat aber auch ihre guten Seiten: Sie trägt zur frühzeitigen Disziplinierung junger Menschen bei, die später als Erwachsene schließlich besondere Be­lastungen und durchaus nennenswerte Entbehrungen werden akzeptieren müssen, damit der Generationenvertrag mit Leben erfüllt bleibt. Kinder, die vermehrte Anstrengungen in die Akquise von Geldgeschenken der Großeltern investieren, lernen auf sozusagen spielerische Weise die Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft kennen. Die kleine und immer exklusiver werdende Schicht der wirklich Vermögenden einmal ausgeklammert, ist es zudem erzieherisch sinnvoll, auf eine Verringerung des Lebensstandards von Kindern heute hinzuwirken, damit ihnen morgen die böse Überraschung erspart bleibt, diesen durch Arbeit unter den Bedingungen einer befreiten Marktwirtschaft gar nicht steigern zu können. Wer von Anfang an das Gefühl hat, nicht auf der Sonnenseite des Lebens geboren zu sein, läßt sich nicht so leicht aus dem Gleichgewicht innerer Zufriedenheit bringen, wenn er diese frühe Einschätzung im Laufe der Jahre bestätigt findet. Genau dieser Tatsachensinn aber ist es, den unsere Gesellschaft benötigt, um vor den großen Herausforderungen der schon recht nahen Zukunft bestehen zu können.

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