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Bücher nach dem Nutzwert kaufen

Nicht erst in den letzten Jahren gibt die ungenügende finanzielle Versorgung der meisten deutschen Bibliotheken Anlaß zur Sorge. Als öffentliche Einrichtungen stehen sie im Hinblick auf mögliche Einsparpotentiale von Ländern und Gemeinden besonders auf dem Prüfstand. Die Folgen sind bekannt: Stadt- und Stadtteilbibliotheken werden geschlossen oder müssen ihre Serviceleistungen (Öffnungszeiten, Bestände) so stark einschränken, daß sie für viele Nutzer unattraktiv werden. Doch auch die Ausstattung der großen Staats- und Landesbibliotheken läßt immer mehr zu wünschen übrig. Die harten Einschnitte, die zunächst in besonderem Maße die Stadt- und Bezirksbibliotheken betrafen, führten dazu, daß sich schnell Folgeprobleme auch bei den Staats-, Universitäts- und Landesbibliotheken zeigten. Durch die rapide gesunkenen Möglichkeiten der erstgenannten Einrichtungen, Neuerscheinungen anzukaufen, mußten letztere insbesondere im letzten Jahrzehnt einen gewaltigen Zustrom an Studierenden, Wissenschaftlern und interessierten Laien verkraften. Dies führte wiederum zu längeren Wartezeiten für gefragte Titel, so daß eine zügige Aufarbeitung von bestimmten Themenkomplexen wesentlich erschwert wurde. Weitaus gravierender ist jedoch, daß die größeren Bibliotheken der stark gestiegenen Zahl von Nutzern kaum noch den erforderlichen Arbeitsraum bieten können: So müssen sich zum Beispiel Besucher der Staatsbibliothek Berlin darauf einrichten, in den Nachmittagsstunden den Lesesaal im Gebäudekomplex an der Potsdamer Straße überhaupt nicht mehr betreten zu können, da dieser nicht für die heutigen Nutzerzahlen geplant und errichtet wurde. Können die zahlreichen Besucher häufig kaum noch allein mit der Literatur einzelner Häuser befriedigt werden, so steigt die Anzahl der sogenannten Fernleihen an. Früher dienten diese dazu, seltene, weit vom Bestellungsort entfernte und oft peripher gelegene Bibliotheken um die Zurverfügungstellung weniger Schriften zu bitten. Heute werden auf diesem Wege selbst gängige Titel der letzten Jahre bestellt, da mittlerweile auch in großstädtischen Einrichtungen aufgrund knapper Mittel so manches Buch im Bestand fehlt. Allein der Kostenaufwand, der dem Auftraggeber aus solchen Anforderungen entsteht, läßt die Gesamtzahl der Fernleihen auf einem hohen Niveau stagnieren. Dabei sind nicht nur die Kosten der Fernleihe selbst in Rechnung zu stellen, sondern auch der zusätzliche Zeitaufwand, der Bibliotheksangestellten durch die Ausweitung solcher „Zusatzleistungen“ entsteht. Die noch vor wenigen Jahren stark umworbene Bildung von Bibliotheksverbünden hat inzwischen bereits ihren Zenit überschritten: Wer meint, auch innerhalb eines wenige Kilometer umfassenden Umfeldes mit Verbundausweisen sparen zu können, wird meist enttäuscht. Sie sind eher die Ausnahme als die Regel, und so muß der Nutzer mehrerer Bibliotheken fast immer die fälligen Jahresgebühren für jede einzelne Einrichtung auch getrennt voneinander entrichten. Aus Rückständen sind große Lücken geworden Der Grund: Viele Gemeinden fordern von den Bibliotheken, zumindest einen Teil der Kosten aus eigenen Mitteln zu tragen. Dabei darf keine kleinere Bibliothek einer größeren nachstehen, welche zentraler gelegen ist und daher zuerst besucht wird, zumal dann die Aufteilung der eingenommenen Gelder zu zusätzlichen Problemen führen würde. Fusionen wie jene der Sächsischen Universitäts- und Landesbibliothek sind daher eher selten, zumal sie im Regelfall mit einer weiteren Verkürzung der Arbeitszeiten des ohnehin nicht gerade üppig bezahlten Bibliothekspersonals einhergehen. Am stärksten sind die Etatkürzungen auf dem Gebiet der Fachzeitschriften zu spüren. Nur noch wenige Bibliotheken können sich erlauben, ein größeres Spektrum von Periodika zu führen. Doch auch im klassischen Buchbereich sind bloße Rückstände inzwischen zu größeren Lücken angewachsen. In vielen Fällen mußten sich selbst Landesbibliotheken vom Ankauf ganzer Themengebiete verabschieden, von denen nur noch ein geringer Anteil oftmals überalterter „Standardliteratur“ verblieben ist. Nahezu zwangsläufig zieht das Fehlen eines Spezialgebietes auch die Bedienung von weiteren Schwerpunkten, die in einem Zusammenhang zum Ursprungsthema stehen, nach sich. Folge: einmal entstandene Lücken werden größer. Zudem lassen sich immer Gründe dafür finden, weitere Gebiete aus dem Bestand zu nehmen, wenn die Beschaffung von Titeln aus naheliegenden Komplexen noch über einen kurzen Zeitraum fortgesetzt wird. Das immer wieder von diensteifrigen Bibliothekssprechern ins Gespräch gebrachte „Abwägungsprinzip“, das heißt Literatur unmittelbar nach dem Nutzwert zu kaufen, erweist sich ebenso als wenig geeignetes Mittel: Einerseits ist dies bei der Fülle der Literaturproduktion zumindest bei Einzeltiteln grundsätzlich unmöglich. Andererseits stellt sich die Frage, inwieweit Mitarbeiter, die auf dem entsprechenden Fachgebiet keine besondere Schulung erfahren haben, überhaupt in der Lage sind, Bücher nach einer selbst für Wissenschaftler nicht immer einfach zu entscheidenden Sachfrage zu beurteilen. Der anfängliche Spareffekt schlägt ins Gegenteil um Die spätere Beschaffung bzw. der Nachkauf per Antiquariat rentieren sich nur in vergleichsweise wenigen Fällen. Bei inzwischen vergriffener Literatur lohnen mögliche Einsparungen durch die zusätzlichen Kosten der umfangreichen Recherchen nicht. Der anfängliche „Spareffekt“ schlägt daher häufig in das Gegenteil um. Der Abstieg der meisten Bibliotheken in ein Mittelmaß ist sicherlich keine unwesentliche Ursache dafür, daß auch die deutsche Wissenschaft immer mehr im Mittelmaß versinkt. Ein Ausweg aus dieser Misere kann mittelfristig nur darin bestehen, neben der stärkeren Schärfung des Eigenprofils zum Beispiel durch den Ankauf von Spezialsammlungen und Nachlässen die Kontakte untereinander stärker zu verzahnen und zu koordinieren, in höherem Maße Absprachen bei der Anschaffung von Literatur zu treffen und die Kosten des gegenseitigen Austausches zu reduzieren. Foto: Stadtbücherei Berlin-Charlottenburg: Die Ausstattung läßt immer mehr zu wünschen übrig

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