Das irakische Desaster

Mehr als ein Jahr ist seit dem Angriff der USA und ihrer „willigen“ Verbündeten auf den Irak vergangen. Von einem Krieg zu sprechen, ist nicht korrekt. Es hat sich mehr um ein vollelektronisches Entenschießen gehandelt, dessen Ausgang zugunsten der hochgerüsteten USA von vornherein klar war . Den Frieden zu gewinnen, das scheint für die einzige Weltmacht indes zu schwer zu sein. Kamen während der offiziellen Kampfhandlungen an die hundert US-Militärangehörige ums Leben, sind es seither fünfmal soviel. Die Amerikaner und ihre Verbündeten sind nirgendwo im besetzten Irak mehr sicher. Von der US-Zivilverwaltung eingesetzte irakische Polizisten und Beamte, von den Widerstandskämpfern als Kollaborateure betrachtet, trifft es noch schlimmer. Der Widerstand flaut nicht ab, sondern legt jeden Tag eine weitere blutige Drehung zu. Die Ermordung amerikanischer Söldner in Falludscha markiert die Eskalation des Hasses. Die Schreckensbilder geschändeter und verstümmelter Leichen der eigenen Boys, wie man sie aus Vietnam und aus Somalia erinnert, haben in der amerikanischen Öffentlichkeit eine verstörende Wirkung. Daß sich seit den blutigen Unruhen vom vergangenen Wochenende in Nadschaf und in Bagdads Sadr-City neuerdings auch die bislang abwartenden Schiiten am Kampf gegen die Besatzungsmacht beteiligen, rückt die Hoffnung auf einen friedlichen Ausgang des irakischen Abenteuers in noch weitere Ferne. Washingtons Vizekönig Paul Bremer, der in Bagdad so auftritt wie vor hundert Jahren ein britischer High Commissioner in Indien, und seinem „Verwaltungsrat“ handverlesener irakischer Hiwis fliegen die Trümmer des Irak um die Ohren. Ruchlos (oder ahnungslos?) hat US-Präsident Bush die Büchse der Pandora geöffnet. Und jetzt haben er und seine Planer keinen Schimmer, wie sie den Deckel schnell wieder drauf bekommen. Es ist offensichtlich, daß die nach globaler Herrschaft strebenden USA den besiegten und besetzten Irak nicht (oder so nicht) unter ihre Kontrolle bringen können. Vielleicht würde es ihnen bes­ser gelingen, wenn sie den drei konträren Kulturen des Irak (den Schiiten, den Sunniten und den Kurden) zu einer jeweils eigenen Zukunft verhelfen würden, statt sich an der Schimäre einer multi­kulturellen „Musterdemokratie“ (im Na­hen Osten!) festzubeißen. Das Lügengespinst der vorgeschobenen Kriegsziele ist längst zerstoben. Kein Mensch glaubt noch daran, der Angriff auf den Irak sei wegen der „gigantischen Vorräte an Massenvernichtungswaffen“ begonnen worden, mit denen der Irak die USA und überhaupt „die zivilisierte Welt“ bedrohte. Oder wegen seines „bald“ vollendeten Atomprogramms oder wegen der „Unterstützung“ der al-Qaida. Nach einem Jahr vergeblicher Suche wissen auch die Dümmsten Bescheid: Die Massenvernichtungswaffen gab es nicht oder schon lange nicht mehr, genausowenig wie die Tonnen Nuklearmaterial aus Nigeria oder die Verbindung zu Osama bin Ladens Todeskommandos. Die wirklichen Kriegsgründe treten da­durch nur um so deutlicher hervor: Sie haben mit Öl und der regionalen und globalen Machtprojektion der USA zu tun. Der Irak verfügt über die zweitgrößten Erdölreserven der Welt, und er ist eine politisch und militärstrategisch wichtige Drehscheibe. Für jede raum­greifende Großmacht ist der Irak ein Staat von hohem Beutewert. Für das zumindest seit dem Ersten Weltkrieg konstante Ziel Washingtons des Aus­baus der Überle­genheit und des Erhalts der Ungleichheit zwischen den USA und allen anderen Mächten wäre die Etablierung eines gefügigen Systems im Irak ein nützlicher Fak­tor. Man braucht das den USA nicht unbedingt vorzuwerfen. (Auch in Deutschland gab es einmal eine Zeit, in der die Außen- und Sicherheitspolitik sich an den eigenen Interessen orientierte.) Beunruhigend ist für den „Rest der Welt“ allerdings, mit welcher Selbstgerechtigkeit die USA mit ihrem Angriff auf den Irak ihre hausgemachte Präventivkriegstheorie durchsetzten: Als Kriterium für eine Aggression reicht demnach aus, daß ein Land die Fähigkeit und die Absicht hat, Massenvernichtungswaffen herzustellen. Dabei hat heute so gut wie jedes Land die Fähigkeit, und die Absicht ist nur zu verständlich, wenn man sieht, wie die nuklearen Habenichtse von den großen und kleinen Nuklearmächten herumgeschubst werden. Und sie ist überall dort vorhanden, wo die USA eine Absicht sehen wollen. Vielleicht ist das irakische Dilemma wenigstens in dieser Hinsicht eine Lehre. Man denke nur an die unverhüllten Drohungen der amerikanischen Kraftmeier an die Adresse des Iran und Syriens, es könne ihnen sehr schnell das gleiche passieren wie dem Irak. Heute, angesichts des irakischen Desasters, hört man diese Drohungen nicht mehr so laut. Hätte sich die Besatzungsherrschaft im Irak als so leicht herausgestellt, wie manche US-Verantwortlichen das offenbar erwarteten, mit jubelnden Irakern am Straßenrand, wären die US-Truppen möglicherweise schon längst in den Iran einmarschiert. Man braucht den Zynismus des amerikanischen Philosophen Noam Chomsky nicht zu teilen, wenn man ihn zitiert: „Das Desaster der US-Besatzung ist schlecht für den Irak, aber hilfreich für den Rest der Welt.“

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