Aufholjagd

Unser Land ist im vergangenen Jahrzehnt, so rechnet der Bundesverband Deutscher Banken auf der Basis der Pro-Kopf-Einkommen vor, im europäischen Wohlstandsranking weit zurückgefallen. Erreichte man im Vergleich der heute 15 EU-Mitglieder 1992 noch den dritten Platz hinter Luxemburg und Österreich, so verteidigte man 2003 mit Mühe gerade mal Rang elf. Italien ist uns dicht auf den Fersen, lediglich Spanien, Griechenland und Portugal können derzeit noch auf Abstand gehalten werden. In dem betrachteten Zeitraum ist das Bruttoinlandsprodukt EU-weit um 23,5 Prozent gestiegen, in Deutschland waren es gerade einmal 13,6 Prozent. Hätte unser Land der Europäischen Union nicht angehört, wäre ihr sogar statistisch ein um 3,4 Prozent höheres Wachstum zu bescheinigen gewesen. Mehr und mehr sind wir unseren Partnern eine Last geworden, ohne daß man uns darüber die Solidarität aufgekündigt hätte. Nicht zuletzt dies sollten wir bedenken, bevor wir uns über die Höhe der deutschen Nettozahlungen in die Kassen der Gemeinschaft mokieren. Sie lassen sich nämlich auch als ein kleines Dankeschön, als eine symbolische Entschädigung für durch unser Verschulden entgangenes Wachstum interpretieren. So alarmierend diese Zahlen auch sind und so spürbar die durch sie abgebildete Wohlstandsstagnation unterdessen für breite Bevölkerungsschichten längst sein dürfte: Die Öffentlichkeit scheint weiterhin keine Konsequenzen ziehen zu wollen und erhöht den Reformdruck nicht. Dies ist vermutlich auf drei Phänomene zurückzuführen. Zum einen ist unsere Gesellschaft in den vergangenen zehn Jahren erkennbar gealtert. Viel mehr Menschen haben den Zenit ihres Konsumentenlebens deutlich überschritten und könnten mit einer Ausweitung ihrer Ausgabenspielräume gar nichts anfangen, da ihre Bedürfnisse im großen und ganzen befriedigt sind. Sie nehmen das bloß bescheidene Wachstum daher subjektiv nicht als Problem wahr. Die Migranten zum anderen stammen mehrheitlich aus Volkswirtschaften, deren Leistungsfähigkeit immer noch weitaus kleiner als jene der deutschen ist. Sie nehmen verständlicherweise nur den Sprung nach vorn wahr, den sie und ihre Familien geschafft haben, und interessieren sich nicht so sehr für das, was für sie noch zusätzlich möglich gewesen wäre, wenn Deutschland mit der EU-Entwicklung Schritt gehalten hätte. Die Öffentlichkeit schließlich – und dies ist der Hauptgrund für das unterentwickelte Problembewußtsein – starrt gebannt auf die Entwicklung der Erwerbslosenzahlen und interessiert sich für Wachstum nur am Rande. In panischer Furcht um den eigenen Arbeitsplatz wollen die meisten die Chance, ein neues Wirtschaftswunder zu entfesseln, nicht ergreifen, bloß weil dieses mit einem weiteren Abbau redundanter Beschäftigung einhergehen würde. Ohne die Bereitschaft der Massen, von ihrem eigenen Los im Interesse des großen Ganzen zu abstrahieren, wird sich die Aufholjagd im Wohlstandsranking nicht eröffnen lassen.

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