Lauter Lügen

Als US-Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz gegenüber dem Magazin Vanity Fair erklärte, die USA hätten sich bei ihrer Argumentation für einen Krieg gegen den Irak aus „bürokratischen Gründen“ auf Massenvernichtungswaffen konzentriert, weil dies ein Grund gewesen sei, „dem jeder zustimmen konnte“, dürfte ihm kaum bewußt gewesen sein, welche Lawine er mit dieser Äußerung lostreten würde. Inzwischen steht nicht mehr und nicht weniger als die Glaubwürdigkeit der Regierung Bush auf dem Prüfstand. Selbst in den USA wird die Kritik immer schärfer. So erklärte der US-Kongreßabgeordnete Dennis Kucinich, daß die Basis des Irak-Krieges „Betrug“ sei. Dessen Kollegin Jane Harman setzte noch einen drauf: „Dies könnte gut der größte Geheimdienst-Schwindel aller Zeiten sein.“ Harman weiß, wovon sie spricht. Einer ihrer Kronzeugen ist Ray McGovern, der fast drei Jahrzehnte lang für den US-Geheimdienst CIA gearbeitet hat, vier Jahre davon im Weißen Haus. Täglich leitete McGovern die Briefings für George Bush sen., damals noch Vizepräsident unter US-Präsident Ronald Reagan. McGovern spricht in bezug auf die Kriegspropaganda der jetzigen Regierung Bush von einer „systematischen Verdrehung von Tatsachen, um unsere Abgeordneten in einen Krieg hineinzusteuern“. Der Irak-Krieg sei ein „politisches und geheimdienstliches Fiasko von monumentalem Ausmaß“. Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: diese Stimmen sind in den USA (noch) Einzelstimmen. Die Mehrheit der US-Amerikaner interessiert diese Diskussion in keiner Weise. Ob nun noch Massenvernichtungswaffen im Irak gefunden werden oder nicht: der Krieg gegen Saddam Hussein ist im Bewußtsein der US-Amerikaner bereits „Geschichte“. Dies muß aber nicht so bleiben. Spätestens dann, wenn sich durch terroristische Aktionen islamistischer Fanatiker der Blutzoll angloamerikanischer Besatzungssoldaten im Irak mehr und mehr erhöht, wird die Diskussion, was die „US-Boys“ im Irak eigentlich zu suchen haben, mit aller Heftigkeit losbrechen. Konstatiert werden kann aber bereits jetzt, daß die Reaktionen auf die Einlassungen von Wolfowitz dokumentieren, wie angekratzt die Glaubwürdigkeit der derzeitigen US-Regierung ist. Der Spiegel verstieg sich sogar zu der Feststellung, daß „Lügen und Fälschungen“ seit ehedem ins außenpolitische Repertoire der USA gehörten. Eine derartige Feststellung wäre noch vor einem Jahr undenkbar gewesen. In der Tat vergeht kaum ein Tag, an dem nicht eine neue Unwahrheit der US-Kriegspropaganda aufgedeckt würde. Jüngstes Beispiel ist die wie in einem billigen Hollywood-Film inszenierte Rettung der US-Soldatin Jessica Lynch. Zur Erinnerung: Die 19jährige Armeeangestellte einer Nachschubeinheit war am 23. März dieses Jahres in irakische Gefangenschaft geraten, als der Konvoi ihrer 507. Instandhaltungskompanie in einen Hinterhalt geriet. Neun US-Soldaten wurden bei dem Angriff getötet. Als die Amerikaner herausfanden, daß Lynch in ein Krankenhaus in Nasirijah gebracht worden war, inszenierten US-Elitesoldaten am frühen Morgen des 2. April eine spektakuläre Rettungsoperation. Laut US Army war ein „wagemutiger“ Angriff auf ein Krankenhaus geführt worden, in dem es von Fedajin-Kämpfern, einer paramilitärischen Märtyrerbrigade Saddam Husseins, gewimmelt haben soll. Die US-Spezialkräfte hätten, so die offizielle Version, trotz mehrmaligen Feuerbeschusses die Soldatin herausgeholt. Von dieser hieß es, sie leide an Stich- und Schußverletzungen und sei während brutaler Verhöre mißhandelt worden. In den Vereinigten Staaten wurde die junge Soldatin zur Heldin. Obwohl sie immer noch in Behandlung ist und ihre Ärzte sagen, sie habe keine Erinnerung an das Geschehen und werde sich auch nie mehr daran erinnern können, hat sie schon verschiedene Angebote erhalten, ihre Geschichte zu einem Film zu verarbeiten, der ein Kassenschlager werden soll. Auch im Fall Lynch lautet der Befund: Alles Lüge. Die Unverfrorenheit, mit der die jetzige US-Regierung die Lüge zum Mittel ihrer Politik macht, hat Tradition. Spätestens das verdienstvolle Buch „Roosevelts Krieg“ des Publizisten Dirk Bavendamm, zeigt auf, daß es im Hinblick auf die Kriegspropaganda der USA einen roten Faden gibt, der sich durch alle Konflikte zieht, in denen die USA aktiv beteiligt waren. Dies gilt auch und gerade für die Art und Weise, wie Roosevelt den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg betrieben hat. Vieles deutet heute darauf hin, daß insbesondere der angeblich so überraschende Angriff der Japaner auf Pearl Harbor so überraschend gar nicht war. Die Beweise erhärten sich, daß der Angriff von Roosevelt bewußt in Kauf genommen wurde, um den Kriegseintritt der USA ermöglichen zu können. In diesem Krieg verfolgte Roosevelt vor allem ein Ziel: die definitive Zerstörung und Zerstückelung des Deutschen Reiches. Viele der „Kunstgriffe“, die Roosevelt anwendete, erinnern an das, was die Regierung Bush heute praktiziert. Für Roosevelt, so die These Bavendamms, diente der Zweite Weltkrieg als Durchbruchsschlacht zur Globalisierung unter amerikanischem Vorzeichen. Heute lautet die Frage: Welchen Zielen diente der Irak-Krieg?

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