Freizeitversagen

Superminister Wolfgang Clement hat angeregt, daß die in Deutschland Beschäftigten fleißiger sein sollen. Die Wochenarbeitszeit ist zu kurz, die Zahl der Urlaubstage zu hoch. Den Arbeitnehmern werden viel zu viele gesetzliche Feiertage gegönnt. Dies kann nicht so bleiben, wenn wir im internationalen Standortwettbewerb um den glaubwürdigsten Sozialabbau bestehen wollen. Dennoch ist Kritik an den Vorschlägen des möglichen Kanzler-Nachfolgers laut geworden. Sie paßten, so der Tenor, nicht in eine Lage, in der es doch zunächst darum gehen sollte, die Arbeitslosigkeit zu senken – und nicht darum, die Arbeitsleistung zu erhöhen. Clements Argumentation ist tatsächlich leicht zu entkräften. Sie basiert nämlich nur auf der überraschenden Feststellung, daß im nächsten Jahr einige Feiertage auf Wochenenden fallen und deshalb ein um bis zu 0,5 Prozent höheres Wirtschaftswachstum angenommen werden darf. Wenn mehr gearbeitet wird, steigt also offenbar die Wirtschaftsleistung. Man muß demnach bloß die Freizeitansprüche der Menschen nach unten korrigieren, und schon rast die Konjunkturmaschine los, es entstehen neue Arbeitsplätze, und steigende Steuereinnahmen helfen sogar dem Staat aus seiner Haushaltsnot, so daß er die Steuerreform vielleicht mit links gegenfinanzieren kann. Das Hauptproblem dabei ist, daß die vom Minister konstatierten Zusammenhänge vermutlich nicht existieren. Es könnte zum Beispiel statt dessen sehr gut sein, daß wenn mehr gearbeitet wird, auch mehr entlassen wird und es daher gar nicht zu mehr Wachstum kommt. Oder daß die Gründe für die Krise gar nicht bei den Arbeitnehmern und ihrer Faulheit, sondern ganz woanders liegen. Ein weiteres Problem ist, daß dem Minister, wenn er denn tatsächlich die Weltformel gefunden haben sollte, die Hände weitestgehend gebunden blieben, um seinen Einsichten Taten folgen zu lassen. In die Vertragsbeziehungen auf dem Arbeitsmarkt ist der Staat nur am Rand involviert. Bei der Abschaffung der in der Regel christlichen Feiertage würden die Kirchen sicherlich mitsprechen wollen. Man muß daher zugeben, daß der Vorstoß Clements nicht ganz ausgereift erscheint. Dennoch ist er nachvollziehbar und berechtigt. Wir stellen in diesen Monaten nämlich enttäuscht fest, daß die Menschen ihre Freizeit nicht mehr sinnvoll zu nutzen verstehen. Sie sitzen auf ihrem Geld, statt es für Konsumausgaben zu verwenden. Sie meinen, ihren Leistungsbeitrag für Wachstum und Beschäftigung darauf beschränken zu dürfen, daß sie arbeiten und ansonsten ihren privaten Geizallüren nachgehen. Damit untergraben sie allerdings nicht allein ihr individuelles Glück, das sie im Konsum finden, sondern zugleich die Aussicht, irgendwann einmal mehr verdienen zu können: Wer keine Kaufkraft entwickelt, kann sich auf sie auch nicht in Lohnverhandlungen berufen. So viel Unvernunft ist unverzeihlich und muß bestraft werden: Wer in der Freizeit versagt, soll wenigstens mehr arbeiten.

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