Traditionen und Werte mindern Kriminalität

Die Vermittlung von Werten kann Kriminalität entscheidend vorbeugen, so das Ergebnis einer Studie im Auftrag des Weißen Ringes. Die Soziologen Dieter Hermann und Dieter Dölling führten in Heidelberg und Freiburg eine repräsentative Bevölkerungsbefragung durch, in der sie den Einfluß von Werten, Lebensstilen und Milieus auf kriminelles Verhalten, Opferwerdung und Kriminalitätsfurcht untersuchten. Das Ergebnis dieser empirischen Analyse zeigt, daß traditionelle Werte einen „delinquenzreduzierenden Effekt“ haben, also Verbrechen vorbeugen, während moderne materialistische Werte einen kriminogenen Effekt mit sich bringen, also Kriminalität nicht nur nicht verhindern, sondern noch befördern. Im Hinblick auf die Prävention von Straftaten bedeutet dies, daß die Verhinderung krimineller Handlungen durch eine Beeinflussung der Wertorientierungen der potentiellen Delinquenten möglich ist. Für die Autoren zeigt dieses Ergebnis die Wichtigkeit der gesamtgesellschaftlichen Kultur und die Bedeutsamkeit wertevermittelnder Institutionen. Materialisten und Hedonisten sind kriminalitätsgefährdet Da Wertorientierungen relativ stabile und zentrale Grundhaltungen sind, die nur langfristig verändert werden können, sind vor allem Familien, Bildungseinrichtungen, Medien, Kirchen, Justiz und Politik gefragt, um der Wertevermittlung einen größeren Stellenwert in unserer Gesellschaft zu verschaffen. Die Studie erkennt zwar an, daß in pluralistischen und weltanschaulich neutralen Gesellschaften wie der unseren das Problem der Wertevermittlung ein eher untergeordnetes, ja manchmal sogar lästig erscheinendes Thema ist, aber durch den gesellschaftlichen Entstrukturisierungs- und Individualisierungsprozeß entstünden Ordnungs- und Sinnverluste, die sich negativ auf die Kriminalitätsbelastung auswirken. Somit steht für die Autoren fest, daß dem Problem der Wertorientierung in unserer Gesellschaft allein schon aus kriminalpräventiven Gesichtspunkten ein erheblich größerer Stellenwert eingeräumt werden muß. In ihrer Zielgruppenanalyse charakterisieren Dölling und Hermann Personengruppierungen mit besonders hoher Delinquenzbelastung durch Werte, Lebensstile und Milieus. Durch eine Differenzierung in sogenannte Wertemilieus kann Kriminalität dann besser prognostiziert werden. Einen relativ hohen Anteil an delinquenten Personen, die zudem überdurchschnittlich häufig Straftaten begehen, weisen vor allem folgende drei Wertemilieus auf: Junge Personen aus dem sogenannten oppositionellen Milieu, also Menschen, die religiöse Werte und gesellschaftliche Normen mißbilligen, einen freizeitorientierten passiven Lebensstil praktizieren und leistungsorientiertes Verhalten ablehnen. Es sind Singles, die wenig Zeit mit familiären Aktivitäten verbringen, denen soziales und altruistisches Engagement meist fremd ist, die aber über eine überdurchschnittlich hohe Schulbildung verfügen. Ihr Lebenskonzept ist dagegen eher ungeplant. Die zweite Gruppe bilden junge Personen aus dem hedonistisch-materialistischen Milieu. Bei ihnen herrschen subkulturelle Werte wie Cleverness und Härte vor, wobei diese an materialistische Werte wie Erfolg und egoistische Bedürfnisbefriedigung auf hohem Konsumniveau gekoppelt sind. Ihr Lebensstil wird geprägt durch ein hedonistisches Verhalten, sie lehnen Sparsamkeit, Einfachheit und Bescheidenheit ab und wollen das Leben in vollen Zügen genießen, weshalb auch die eigenen Wünsche und Bedürfnisse an erster Stelle stehen. Sie sind Singles mit überdurchschnittlicher Schulbildung, die wenig Zeit mit familiären Aktivitäten verbringen und relativ selten sozial oder altruistisch disponiert sind. Bei der dritten Gruppierung handelt es sich um junge Männer im avantgardistischen Milieu, die sich deutlich von den beiden vorhergegangenen Milieus unterscheiden. Zwar lehnen sie auch eine konservative und konformistische Haltung ab, sind aber sozial und altruistisch eingestellt. Wichtige Ziele in ihrem Leben sind Toleranz, politisches Engagement und Eigenverantwortung. Ihr Lebensstil ist auf die Freizeit ausgerichtet, die aber aktiv gestaltet sein soll. Es wird viel Zeit außerhalb der Familie verbracht, wobei nur wenige eine konventionelle Familienbeziehung aufbauen. Von diesen drei Gruppierungen haben sie zudem die höchste Schul- und Berufsausbildung. Normbekräftigung und Abschreckung als Prävention Diese kriminalsoziologische Analyse soll die Charakterisierung von Personen ermöglichen, die für Präventionsmaßnahmen besonders geeignet erscheinen. Geht es nun um die Reduzierung von Kriminalität, so gibt es dafür zwei gängige Konzepte: Normbekräftigung und Abschreckung. Die Studie weist für alle Milieus mit hoher Delinquenzaktivität einen Zusammenhang zwischen Normakzeptanz und Bereitschaft zu kriminellem Handeln nach. Besonders stark ist diese Assoziation unter den jungen Personen im „materialistischen Milieu“ und unter jungen Männern im „avantgardistischen Milieu“. Das heißt, daß in denjenigen Wertemilieus mit der höchsten Kriminalitätsbelastung der Zusammenhang von vermittelten Werten und Bereitschaft zu kriminellem Handeln am deutlichsten nachzuweisen ist. Dölling und Hermann vertreten die Auffassung, daß gerade hier die Vermittlung von Normen zur Kriminalitätsprävention möglich und nötig ist. Nach ihrem Urteil liefern die Ergebnisse der Studie keinen Hinweis, daß eine abschreckende Prävention effizient ist. Vielmehr scheint eine gesellschaftlich integrierende und normstabilisierende Prävention nutzbringender zu sein. Foto: Les Policiers (Julien Michel, 2001): Ablehnung von Sparsamkeit, Einfachheit und Bescheidenheit Dieter Hermann / Dieter Dölling: Kriminalprävention und Wertorientierung in komplexen Gesellschaften – Analysen von Werten, Lebensstilen und Milieus auf Delinquenz, Viktimisierung und Kriminalitätsfurcht. 112 Seiten, 9 Euro

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