Wie aus dem Nichts treten die ersten Symptome von Tourette-Patienten auf, meist schon in jungen Jahren: manisches Zwinkern, plötzliches Zucken – die Ticks. Oft sind diese auffälligen Zwangsbewegungen von unfreiwilligen Lauten begleitet, die Betroffene machen. Das kann ein Zischen, ein Schreien, ja sogar ein Tierlaut sein. Doch manchmal ist es auch die sogenannte Koprolalie, also der unaufhaltsame Impuls, Obszönitäten von sich zu geben. Genau der hat dem Tourette-Syndrom in den vergangenen Jahrzehnten zu einer tragikomischen Berühmtheit verholfen.
„Patient Null“ war, popkulturell gesprochen, der Brite John Davidson, der als 16jähriger von der BBC für einen Dokumentarfilm durch seinen Alltag begleitet wurde – was seinem merkwürdigen Leiden zu jäher Aufmerksamkeit verhalf. „John’s Not Mad“ von 1989 ließ das Vereinigte Königreich wissen, dass der fluchende junge Mann, der manchmal unvermittelt um sich schlug und den unangenehmen Druck verspürte, seine Mitmenschen anzuspucken, nicht nur irgendein Asozialer war, der irgendwann in der Klapsmühle enden würde, sondern dass er in Wahrheit aufmerksam, freundlich und ehrgeizig war – nur eben auch krank.
„Erdbeereis!“ ist noch harmlos
Nach wie vor sind die letzten Ursachen von Tourette nicht bekannt. Es handelt sich um ein Syndrom, sprich: eine Ansammlung von Symptomen, die immer wieder zusammen auftreten. Nur die Äußerungen der Krankheit können deshalb bekämpft werden – mittels Neuroleptika, also Medikamenten, die sonst zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt werden –, nicht aber deren Ursache. Tourette-Patienten müssen daher ein Leben lang mit ihrer Krankheit umgehen lernen, was manchen schwerer fällt als anderen. John Davidson beispielsweise brachte es zum Botschafter seines sonderbaren Gebrechens, tourte durch ganz Großbritannien und bekam 2019 für seine Arbeit sogar einen Orden von Queen Elizabeth II. verliehen – die er während der Zeremonie versehentlich mit „Fuck the Queen!“ ansprach.
Doch für die meisten Tourette-Patienten bedeutet ihre Krankheit ein Martyrium, sind ihre Ticks doch auch ein Stresstest für die Gemeinschaft, in der sie leben. Wie reagieren, wenn jemand auf der Straße oder an der Supermarktkasse andauernd „Erdbeereis!“ oder Schlimmeres ruft? Wie erklären, dass die Anfälle keiner bösen Absicht entspringen, auch wenn oft grobe Flüche mit im Spiel sind? Die Reaktion des Umfelds zeigt, wie viel Verständnis eine Gesellschaft für Exzentrik und Individualität aufbringen kann.
Tourette als gesellschaftlicher Stresstest
Und so verwundert es wenig, dass auch in der Ende 2025 erschienenen Verfilmung des Lebens von John Davidson mit dem Titel „I swear“ – in deutschen Kinos „Verflucht normal“ –, der von Robert Aramayo gespielte Protagonist für seine besonderen Umstände eine Abfuhr nach der anderen kassiert: Mitschüler verpassen ihm eine Abreibung auf dem Schulhof, der Vater zieht aus, die Arbeitslosigkeit folgt. Kaum eine Krankheit lotet so sehr wie Tourette aus, wie tolerant eine Gesellschaft auch jenseits offizieller Beteuerungen in Wirklichkeit ist.
Unter diesem Blickwinkel betrachtet gehen die Ticks auch vermeintlich Gesunde etwas an, deren Lebenswandel von außen als Exzentrik missverstanden – und sanktioniert – werden kann. Tourette-Patienten wirken so wie Rammböcke gegen den Konformitätsdruck, dem auch alle anderen ausgesetzt sind. Ihre Krankheit verurteilt sie dazu, anzuecken; Soziales und Medizin verschmelzen in den Ticks miteinander.
Tourette – 1885 vom französischen Neurologen und Namensgeber Georges Gilles de la Tourette, wie Freud ein Schüler des berühmten Pariser Nervenarztes Jean-Martin Charcots, entdeckt –, diese Störung mit „ihrem merkwürdigen, koboldhaften Humor und ihrer Neigung zu ausgefallenen und befremdlichen Spielereien“, wie der Londoner Neurologe Oliver Sacks 1985 in seinem Bestseller „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ schrieb, kann Menschen aber auch zusammenbringen.
„Gewitter im Kopf“, ein tragischer Fall
Der 2019 ins Leben gerufene Youtube-Kanal „Gewitter im Kopf – Leben mit Tourette“ der beiden Bonner Jan Zimmermann und Tim Lehmann wurde binnen kürzester Zeit zu einem der beliebtesten deutschen Videoformate. In ihren Beiträgen berichteten die beiden Freunde aus dem Leben des an Tourette leidenden Zimmermann: „Tourette in der Tanzschule“, „Tourette auf der Reeperbahn“ oder auch „Tourette im Schwimmbad“.
Die Zuschauer durften über die unfreiwillige Komik der Krankheit lachen, lernten aber auch, welche Tücken das Syndrom – dem Zimmermann in seinem Fall den Namen „Gisela“ gab, um einen Unterschied zwischen sich und der Krankheit zu machen – für Betroffene in ihrem Alltag bereithält. 2022 unterzog sich der Youtuber schließlich einer Gehirnoperation, um die Ticks einzudämmen.
Zunächst stellte sich tatsächlich Besserung ein, Zimmermann dachte daran, ein einigermaßen unbeschwertes Leben aufzunehmen, verabschiedete sich kurzzeitig von Social Media. Doch im November vergangenen Jahres verstarb der 27jährige dann völlig unerwartet an einem epileptischen Anfall. Die Betroffenheit reichte damals weit über Youtube hinaus, der Fall ging einmal quer durch die Medien. Wie John Davidson war es „Gewitter im Kopf“ geglückt, Bewusstsein für eine schwierige Krankheit zu schaffen, die Lachen und Weinen, Glück und Unglück, Freiheit und Frust vereint.






