Der Postkolonialismus hat sich auch in Deutschland als dominante Großerzählung etabliert, die sich teils direkt, teils indirekt in Sprach- und Quotenregelungen, umstrittenen Restitutionen, Umbenennung von Straßen und Plätzen manifestiert. Der ausgebrannten Linken hat er einen politischen und ideologischen Adrenalinschub verschafft. Der Vordenker der Dekolonialisierung, der Psychiater und Publizist Frantz Fanon, der 1925 auf der französischen Antilleninsel Martinique als Nachkomme schwarzer Sklaven geboren wurde und 1961 mit erst 36 Jahren an Leukämie starb, erfährt eine Wiederentdeckung als Tatzeuge, Analytiker, Theoretiker und Symbol.
Sein 100. Geburtstag im Juli war für den Nautilus-Verlag Anlaß, in Buchform ein „Porträt“ von ihm zu veröffentlichen, eine Synthese aus Werk-, Lebens- und Rezeptionsgeschichte. Die Autorin Alice Cherki, Jahrgang 1936, lernte Fanon als sehr junge Frau in Algerien kennen, wo beide während des Unabhängigkeitskrieges gegen die französische Kolonialmacht in der Psychiatrie tätig waren.
Das Buch ist erstmals vor 25 Jahren in Frankreich und 2002 in Deutschland erschienen. Was vorliegt, ist eine aktualisierte Neuausgabe, wobei die Aktualisierung in einem Nachwort der Autorin aus dem Jahr 2010 und einem „diskriminierungskritischen Lektorat“ besteht. Neuere Entwicklungen und Ereignisse wie der kurze „Arabische Frühling“ vor 15 Jahren oder die „Black Lives Matter“-Bewegung, die gleichfalls mit der Kolonialvergangenheit zusammenhingen, bleiben also außen vor.
Dennoch lohnt sich die Lektüre. Die Gedankenwelt Fanons wird von der Autorin sachlich, mit Sympathie, aber auch mit reflexiver Distanz referiert. Das kann gerade für rechte und konservative Leser, die von den Originaltexten Fanons leicht in einen Kampf- und Abwehrmodus versetzt werden, nützlich sein.

Fanon hielt die Umkehr der Unterwerfung für notwendig
Nach Fanon haben die kolonisierten Völker durch die Landnahme der europäischen Mächte eine Entfremdung erfahren, die über jene des europäischen Industrieproletariats weit hinausgeht. Ihr gesamtes soziales und kulturelles Bezugssystem wurde beschädigt, zerstört und durch das der Kolonialmacht überformt. Der Kolonisierte fühlt sich erniedrigt. Nach außen akzeptiert er zwar seine Unterwerfung, ohne deshalb von seiner Minderwertigkeit, die ihm seitens der Kolonialmacht auf unterschiedliche Weise zu verstehen gegeben wird, überzeugt zu sein. Die „westlichen Werte“, die ihm als vorbildlich offeriert werden, sind ein Ausdruck der Übermacht, der er ausgeliefert ist.
Seine Ohnmacht löst bei ihm Scham aus und führt zu einer nachgerade körperlichen Verkrampfung. Seine Anspannung kann sich lediglich in „Muskelbewegungen, Muskelentladungen“ entäußern, wie sie in rituellen Tänzen üblich sind. Die koloniale Gewalt, die „keinen Raum für das nicht-entwertete Wort öffnet“, ruft eine Gegengewalt hervor, die bei passender Gelegenheit explodiert, den Kolonisierten von seinen Minderwertigkeitskomplexen befreit und ihrerseits auf Eroberung der Macht aus ist.
Fanon, so Cherki, habe Freud zwar nicht zitiert, er betone aber „auf seine Weise, daß derjenige, der die Macht, die Reichtümer und die Frauen besitzt, nicht von alleine zurücktritt. Er muß erst zu Tode kommen, damit die Gesellschaft der Brüder zustande kommen kann, die Freud als demokratische Gesellschaft bezeichnet.“ Insofern könne man mit Fanon von „befreiender Gewalt“ sprechen. Die Umkehrung der Unterdrückung sei eine „notwendige Phase“ der Dekolonisation und der Neuerschaffung der Nation.
Die ist mit Erlangung der Unabhängigkeit keineswegs beendet. Cherki schreibt: „Jedes Kind nimmt mit der Muttermilch den Lärm der Welt und auch ihr Schweigen auf. Es schöpft daraus seine eigenen Vorstellungen, seine fiktiven Konstruktionen, die psychischen Spuren, (…) Werkzeuge seiner möglichen Entwicklung.“ Die koloniale Demütigung ist ein Erbe, das über Generationen weitergegeben wird. Ein Umstand, der sich nicht in ein marxistisches Erklärungsmuster einfügt. Fanon betrachtete denn auch das europäische Proletariat nicht als Verbündeten im antikolonialen Befreiungskampf, sondern als Teil der privilegierten weißen Welt.
„Der Tschador ist ein Dorn im Auge des Imperialismus“
Für die Führer der Black-Panther-Bewegung in den USA wurde Fanons berühmtestes Buch „Die Verdammten dieser Erde“ zum Grundlagentext, den sie auch gegen die in Entstehung begriffene schwarze Bourgeoisie wendeten, die in ihren Augen ein Kollaborateur der weißen Unterdrücker war.
Der kritisch-distanzierte Leser kann Fanons Texte heute auch als implizite Warnung vor den Folgen der Masseneinwanderung aus der Dritten Welt verstehen. Die aus voraufgeklärten Kulturen nach Europa mitgebrachten archaischen Verhaltensweisen werden durch die intergenerationell weitergegebenen Kränkungen, die dem Kolonialismus entsprungen sind, ideologisch und moralisch aufgeladen. Die „befreiende Gewalt“ wird in die einstigen Mutterländer hineingetragen, um dort vollendet zu werden. Migrantische Akteure werden von der Linken ermuntert, die Staatsmacht nicht als friedensstiftende Ordnungs-, sondern als feindliche Fremdmacht, als Nachfolger der Kolonialbehörden in den Ländern ihrer Vorfahren zu betrachten.
Im Aufsatz „Algerien legt den Schleier ab“ stellte Fanon fest, daß der Beibehalt der traditionellen Schleier ein Protest gegen den Assimilierungsdruck der Kolonialmacht ist. Als junge algerische Frauen dennoch den Schleier ablegten, machten sie sich in der arabischen Gemeinschaft zu Außenseitern, während sie in den Augen der französischen Behörden als – wie man heute sagen würde – Beispiele gelungener Integration in das westliche Wertesystem galten. In Wahrheit handelte es sich um ein Täuschungsmanöver, um eine Kriegslist. Von der Polizei jetzt als unverdächtig und sogar mit Wohlwollen wahrgenommen, konnten sie für die algerische Befreiungsbewegung unauffällig Waffen transportieren und Nachrichten überbringen.
Cherki zitiert aus einem Brief Fanons an den iranischen schiitischen Soziologen und Historiker Ali Schariati, in dem er schreibt, der Islam besitze mehr als jede andere soziale und ideologische Macht antikolonialistisches Potential „und eine antiwestliche Natur“. Er wünschte, daß die Intellektuellen „des muslimischen Ostens“ sich auf diese Kraft besinnen. Schariati machte Fanon im Iran bekannt. Während der islamischen Revolution fand Fanons Name sich auf Plakaten wieder, auf denen zu lesen stand: „Der Tschador ist ein Dorn im Auge des Imperialismus.“ Die metaphorische Formel bietet eine Teilerklärung für die merkwürdige Symbiose aus Islam und Linken, für die in Frankreich das Wort „Islamogauchisme“ existiert.
Cherkis Biographie ist ein nützliches Begleitbuch zu Fanon
Merkwürdig ist die Symbiose deshalb, weil der voraufgeklärte Islam dem emanzipatorischen Anspruch, den die Linke nach wie vor hochhält, klar widerspricht. Diese hängt nach wie vor der Illusion an, den Tiger reiten und die Zuwanderer in ihrem Sinne als revolutionäre Masse benutzen zu können. Sie scheut sich, die in Fanons Texten enthaltene, aktuelle Brisanz anzuerkennen. Liberale Kritiker wiederum konzentrieren sich in der Kopftuchfrage vor allem auf subjektive Faktoren wie Frauenrechte und individuelle Entscheidungsfreiheit und vernachlässigen die gesellschafts- und machtpolitische Dimension.
Für die Deutschen bieten sich manche Texte Fanons als eine ganz spezielle Quelle der Selbsterkenntnis und weiterführender Spekulationen an. Sind sie nicht ebenfalls Kolonisierte, deren historische und kulturelle Bezugssysteme zerstört und überformt wurden? Befinden sie sich seit dem Dritten Reich etwa nicht in einer verinnerlichten Schuldkolonie? Im Unterschied zu den ehemals Kolonisierten in Afrika, Asien und Amerika haben sie neben der Scham auch das Gefühl der Schuld, der ererbten Dauerschuld gegenüber dem Rest der Welt, verinnerlicht. Daher können sie die befreiende Gewalt gegen ihr Mißbehagen nur nach innen, gegen sich selbst richten, was statt zur Selbstbefreiung zur Selbstauslöschung führen muß.
Man braucht die Intentionen Fanons nicht zu teilen, um aus der Lektüre seiner Texte Gewinn zu ziehen. Das „Porträt“ von Alice Cherki ist ein nützliches Begleitbuch.






