Anzeige
Anzeige

Frank Trentmanns neues Buch: Blockierte Wahrnehmung

Frank Trentmanns neues Buch: Blockierte Wahrnehmung

Frank Trentmanns neues Buch: Blockierte Wahrnehmung

Ein Slogan bei der „Stadtbild“-Demonstration gegen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU): Im Buch „Die blockierte Republik“ plädiert Frank Trentmann dafür, Alterung und Migration zusammenzudenken. (Themenbild/Collage)
Ein Slogan bei der „Stadtbild“-Demonstration gegen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU): Im Buch „Die blockierte Republik“ plädiert Frank Trentmann dafür, Alterung und Migration zusammenzudenken. (Themenbild/Collage)
Ein Slogan bei der „Stadtbild“-Demonstration gegen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU): Im Buch „Die blockierte Republik“ plädiert Frank Trentmann dafür, Alterung und Migration zusammenzudenken. Foto: picture alliance/dpa | Annette Riedl
Frank Trentmanns neues Buch
 

Blockierte Wahrnehmung

Ein Historiker will in seinem vielgelobten Buch „Die blockierte Republik“ den Ausweg aus der Krise Deutschlands skizzieren. Seine Lösung? Das Gleiche wie immer, nur intensiver. Eine Abrechnung von Thorsten Hinz.
Anzeige

Der Buchtitel „Die blockierte Republik“ klingt nach einer weiteren Folge der vor mehr als dreißig Jahren begonnenen Unterhaltungsserie „Durch Deutschland muß ein Ruck gehen“. Zur Dramaturgie und zur Erwartungshaltung der Zuschauer gehört es, daß der Ruck sowieso niemals stattfindet. Der Historiker Frank Trentmann, Inhaber einer Professur an der University of London, will die Lethargie und den Fatalismus, das Gefühl des unausweichlichen Niedergangs, durchbrechen.

Ja, es gebe eine Krise, schreibt er in der Einleitung, sogar eine globale „Polykrise“, die in Deutschland ein paar zusätzliche Besonderheiten aufweise, die zur Blockade, genauer: zur Selbstblockade führten. Als „entscheidenden Mehrwert“ seines Buches kündigt er „eine Art Doppelschritt“ an: Einen Schritt zurück in die Vergangenheit, um aktuelle Probleme in die „größeren historischen Bögen einzuordnen“, und um dann „mit dem historischen Wissen im Hinterkopf nach vorne zu blicken und die Chancen für Veränderungen aufzuzeigen“. 

Das Konzept ist weniger originell als der Autor meint. Meinhard Miegel zum Beispiel hat in seinen zahlreichen Büchern wie „Die deformierte Gesellschaft“, „Epochenwende: Gewinnt der Westen die Zukunft?“ oder „Hybris. Die überforderte Gesellschaft“ ganz ähnlich argumentiert.

Doch weil der Umschlagtext ein wirklich „großartiges Buch“ voller Weitblick und historischer Tiefe ankündigt und auf weitere Lehrtätigkeiten Trentmanns in Princeton und Helsinki hinweist, und weil der Autor in seiner Danksagung eine Gastprofessur an der Universität Chicago hinzufügt und inspirierende Gespräche mit Koryphäen wie Timothy Garton Ash und Christopher Clark erwähnt, steht der Leser unwillkürlich stramm vor soviel geballter Referenz und Kompetenz und erwartet einen brillanten Essay – eine Synthese aus einem Anti-Spengler und Anti-Sarrazin. 

Den Islamismus erwähnt Trentmann mit keinem Wort

Neben der Einführung gliedert das Buch sich in fünf Kapitel. In „Demokratie auf dem Prüfstand“ verortet Trentmann die parlamentarische Demokratie „am Scheideweg“. Er erwähnt Colin Crouchs „Postdemokratie“, ohne den Faden jedoch aufzunehmen. Statt den Funktionsverlust und Attrappencharakter der staatlichen Institutionen und Prozeduren zu analysieren, wettert er gegen die AfD und – in geringerer Lautstärke – gegen die Bewegung von Sahra Wagenknecht.

Die wachsende Staatsskepsis im Osten interpretiert er als Nachwirkung der Benachteiligungen nach der Wiedervereinigung. Den Gedanken, daß sich für die Ostdeutschen das schon einmal erlebte Scheitern eines Staates wiederholt, verbietet sich der Autor. 

Im zweiten Kapitel würdigt er die quantitativ und qualitativ weltweit einmalige Erinnerungskultur in Deutschland. Während andere Länder ihre Helden und Siege feiern, stehen im „Land der Täter“ die „Opfer seiner Verbrechen“, namentlich die Holocaust-Opfer, im Mittelpunkt. Allerdings steht diese Übung vor einer schweren Belastungsprobe durch den Postkolonialismus und den neuen Antisemitismus. Wobei der Autor unter den Tisch fallen läßt, daß der aggressive Judenhaß heute ein importierter ist.

Den Islamismus erwähnt er mit keinem Wort. Seine Behauptung, die Vertreibung von zwölf Millionen Deutscher nehme in der Erinnerungskultur „eine zentrale Rolle“ ein, ist abwegig. Die massenpsychologischen Folgen der verordneten kollektiven Negativfixierung des nationalen Kollektivs werden gar nicht erst erörtert.

Deutschlands Klimapolitik geht dem Autor nicht weit genug

Im dritten Kapitel „Alt und bunt“ will er „Alterung und Migration zusammendenken“, was ihm gründlich mißlingt. Für den absehbaren Kollaps der Sozialsysteme macht er die „Anspruchshaltung der Mittelschicht“ verantwortlich, also ausgerechnet jene, die wertschöpfend tätig sind. Für die Migration nutzt er emotional aufgeladenes Propaganda-Vokabular, spricht von „Willkommenskultur“ und „Schutzsuchenden“. Die Moralisierung erspart ihm, sich mit der Qualität der Massenzuwanderung aus vormodernen Kulturkreisen auseinanderzusetzen.

Spätestens seit Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ und Rolf-Peter Sieferles „Migrationsproblem“ ist es ein Gemeinplatz, daß offene Grenzen und ein funktionierender Sozialstaat sich gegenseitig ausschließen. Trentmann hingegen vermag in der „Fixierung auf die Landesgrenze“ nur „nationalstaatliche Nostalgie“ zu erkennen, wo doch der Nationalstaat immer mehr Kompetenzen an supranationale Instanzen abgibt, ganz als wäre das angesichts des Zustandes von Uno, EU oder Europäischer Zentralbank eine hoffnungsvolle Lösung. Den Staat als Einheit von Staatsgewalt. Staatsvolk, Staatsgebiet hat er aufgegeben.

Im vierten Kapitel, „Stillstand und Neustart“, konstatiert er die Erlahmung der deutschen Innovationskraft. Beispiel sei die Klimapolitik zu zögerlich. Ein Hauptgrund für die Stagnation sei die Schuldenbremse. Überhaupt verdanke der vergleichsweise niedrige deutsche Schuldenstand sich der Großzügigkeit der Verbündeten, die der jungen Bonner Republik einen Großteil der Vor- und Nachkriegsschulden erlassen und ihr mit dem Marshallplan auf die Beine geholfen hatten. Nur entstammte ein Großteil der Vorkriegsschulden den Versailler Reparationsforderungen. Auch hatte Frankreich doppelt und Großbritannien fast zweieinhalb mal soviel Mittel aus dem Marshall-Plan erhalten.

„Blockierte Republik“ zeigt die Grenzen des Diskurses

Trentmann fordert eine neue „inspirierende Vorstellung von der Zukunft“. Doch woher sie nehmen? Seine Bemerkung, die Währungsreform von 1948, die „Umstellung von Reichsmark auf D-Mark (…) einen guten Teil der Schulden (ausradiert)“, wirkt wie eine Empfehlung für einen neuen Währungsschnitt und einen Great Reset à la Klaus Schwab. 

Das Schlußkapitel widmet sich der „Welt im Wandel“ und der Auflösung der nach Ende des Kalten Krieges entstandenen Weltordnung. Das Unterkapitel „Gefahr aus dem Osten” erklärt den Ukraine-Krieg nach dem gewohnten Schema. Da „Deutschland ein sehr großes und reiches Land“ sei, könne es noch viel mehr für die Ukraine tun. Die Kriegsskepsis in den östlichen Bundesländern erklärt er mit einer „schönfärberischen Ostalgie“. Weder von  geopolitischen Zusammenhängen noch von innerdeutschen Befindlichkeiten hat der Autor eine Ahnung.

Der angekündigte Doppelschritt beschränkt sich auf die wiederholte Versicherung, daß es in früheren Zeiten häufig noch schlimmer war als heute und daß selbst die melancholisch erinnerte alte Bundesrepublik nicht perfekt war. Hinzu kommen Anekdoten von der Art, daß der Deutsche Friedrich Liszt es war, der in den 1820er Jahren die Amerikaner auf den Gedanken einer Zollpolitik brachte, mit der Donald Trump heute den Rest der Welt traktiert. Das ist hübsch zu lesen, doch lassen sich aus solchen Banalitäten keine zukunftsfähigen Erkenntnisse schöpfen.

Warum dann überhaupt noch eine Rezension zu diesem Buch? Weil es in seiner Voreingenommenheit, Faktenferne und Beschränkheit die diskursiven Grenzen der Bundesrepublik exemplarisch aufzeigt. Weil es den Fatalismus, die Lethargie, den Niedergang des Landes ganz gegen die Absicht seines Autors bestätigt. Weil es so unverblümt jene Haltung ausdrückt und repräsentiert, die überwunden werden muß, wenn das Land überhaupt noch eine Zukunft gewinnen will.

Aus der JF-Ausgabe 48/25.

Ein Slogan bei der „Stadtbild“-Demonstration gegen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU): Im Buch „Die blockierte Republik“ plädiert Frank Trentmann dafür, Alterung und Migration zusammenzudenken. Foto: picture alliance/dpa | Annette Riedl
Anzeige
Anzeige

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
aktuelles