Superwahljahr
Fahne der Landvolkbewegung bei einer Bauerndemo in Berlin (Archivbild) Foto: vo
Fahne der Landvolkbewegung bei einer Bauerndemo in Berlin (Archivbild) Foto: vo

Proteste der Bauern
 

Unter schwarzen Fahnen

Es gibt eine wachsende Unruhe in der politisch-medialen Klasse angesichts der Verwendung von Symbolen, die als „gefährlich“ betrachtet werden. Wobei „gefährlich“ heute ein Synonym für „rechts“, „nationalistisch“ und mithin „verfassungsfeindlich“ ist. Während in den letzten Jahrzehnten der Eindruck herrschte, daß die Fahndung nach der letzten Rune und verdächtig weißen Schnürsenkeln die Aufgabe von unausgelasteten Teilen des Sicherheitsapparates oder von Menschen mit Blockwartmentalität sei, scheint die gestiegene Nervosität ob der „Spaltung“ nun dahin zu führen, daß man den potentiellen Feind der „offenen Gesellschaft“ schon an Hand seiner Embleme identifizieren und unschädlich machen will.

Dementsprechend prompt und heftig fielen die Reaktionen angesichts der alten Reichsfarben aus, und nun ist die sogenannte „Landvolkfahne“ ins Visier geraten. Nachdem sie zum wiederholten Mal bei einer Bauerndemonstration gezeigt wurde, läuft in den Sozialen Medien eine Kampagne gegen das „antisemitische Symbol“ (Der Tagesspiegel), das man „Nicht gut!“ (Renate Künast) findet.

Der Kampf um die Landvolkfahne von Neumünster, Szene aus der Verfilmung von Hans Falladas Roman Bauern, Bonzen und Bomben auf dem Umschlag einer Taschenbuchausgabe des Jahres 1993 Foto: Weißmann
Der Kampf um die Landvolkfahne von Neumünster, Szene aus der Verfilmung von Hans Falladas Roman Bauern, Bonzen und Bomben auf dem Umschlag einer Taschenbuchausgabe des Jahres 1993 Foto: Weißmann

Der Einschätzung hat sich auch die amtierende Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) angeschlossen, die die schwarze Fahne mit Pflug und Schwert für „hochproblematisch“ hält, da sie das „Symbol einer gewaltbereiten völkisch-nationalistischen Bewegung“ gewesen sei. Sie bezieht sich damit auf die Proteste, die ab 1928 in Schleswig-Holstein, aber auch in anderen Teilen Norddeutschlands, von großen Teilen der Bauernschaft getragen wurden. Eine präzise Vorstellung, um was es sich genau handelte, besitzt die Frau Minister aber nicht. Das unterscheidet sie von einem anderen, mittlerweile verstorbenen, hochrangigen Mitglied ihrer Partei: Gerhard Stoltenberg, langjähriger Ministerpräsident Schleswig-Holsteins und Bundesminister in mehreren Kabinetten.

Weimarer Parteien standen Bauern mit Unverständnis gegenüber

Von seiner Ausbildung war Stoltenberg Historiker und hatte eine Habilitationsschrift vorgelegt, die sich mit dem Landvolk befaßte. Seine sorgfältige Analyse zeigte, daß die wirtschaftliche Not – die die Bauern schon vor dem Beginn der Weltwirtschaftskrise traf – die Hauptursache für die Entstehung der Bewegung war. Anders als heute suggeriert wird, handelte es sich zu keinem Zeitpunkt um eine feste Organisation. Kennzeichnend war nach Stoltenberg der „Charakter des Spontanen, Unberechenbaren, schwer Faßbaren“, während „klare politische Ziele völlig fehlten“. Allerdings gab es unter den Bauern einen verbreiteten Affekt gegen die Republik.

Der hatte auch mit einer eher sentimentalen Anhänglichkeit an die alte Zeit zu tun, aber mehr mit der Art und Weise, in der man von den Parteien behandelt wurde. Das galt vor allem für die Liberalen, die als Städter auf den „dummen Bauern“ herabsahen und sonst nur der Meinung waren, daß die Landwirtschaft ineffizient sei; worin ihnen die Sozialdemokraten beipflichteten, aber auch den Hinweis nicht vergaßen, daß der Abstieg des Bauern auf den Status des Arbeiters nach historischer Gesetzmäßigkeit erfolge; eine Überzeugung, die die Kommunisten selbstverständlich teilten, die dem Landwirt nichts zu bieten hatten, als die Aufforderung, sich in das proletarische Millionenheer einzureihen.

Allerdings machte die KPD dann doch einen späten, allzu späten Versuch, die wachsende Radikalisierung des Landvolks zu nutzen. Da war ihr feindlicher Zwilling, die NSDAP, schneller, der es tatsächlich gelang, das auszunutzen, was Stoltenberg die „politische Heimatlosigkeit“ der Bauern nannte.

Vorstellungen vom Bauernkrieg spielten eine Rolle

Man hat von Seiten der Nationalsozialisten auch die Landvolkfahne okkupiert. Allerdings geschah das so halbherzig wie im Fall des kaiserlichen Schwarz-Weiß-Rot. Denn im einen wie im anderen Fall ging es darum, eine Klientel durch Täuschung zu gewinnen. Im Fall der schwarzen Fahne konnte man jedenfalls daran erinnern, daß sie zu einem Zeitpunkt Symbol der rebellischen Bauern geworden war, als sich Hitler und Goebbels noch wortreich von deren Bewegung und ihrer Neigung zur „Gewalt gegen Sachen“ distanziert hatten. Denn die Gestaltung mit Pflug und Schwert ging auf einen jener nationalrevolutionären Aktivisten zurück, die als erste versuchten, aus der Rebellion des Landvolks eine Kraft zu formen, die das ganze „System“ stürzen sollte.

Sammelbild der 1920er Jahre mit einem Motiv nach Lovis Corinths Gemälde Florian Geyer Foto: Weißmann
Sammelbild der 1920er Jahre mit einem Motiv nach Lovis Corinths Gemälde Florian Geyer Foto: Weißmann

Der Rückgriff auf die schwarze Fahne war dabei kein origineller Einfall. Mit schwarzen Fahnen hatte man nach dem Ersten Weltkrieg schon gegen den Versailler Vertrag und die Ruhrbesetzung protestiert. Aber stärker noch wirkte der Mythos der „Fahne von 1525“. Die Vorstellung einer schwarzen Fahne des „Großen Bauernkriegs“ war zwar historisch falsch, aber im kollektiven Bildgedächtnis der Deutschen tief verankert.

Das hatte nicht zuletzt mit der Popularität des Bauernführers Florian Geyer und seiner „Schwarzen Schar“ zu tun. Das Lied „Wir sind des Geyers Schwarzer Haufen“ sang man in allen Gruppen der Jugendbewegung, auch denen der Linken. Die Zeichnungen und Gemälde von Lovis Corinth oder Franz Müller-Münster, die Florian Geyer mit einer schwarzen Fahne darstellten, gab es in zahllosen Reproduktionen.

Symbole haben ihren eigenen Kontext

Dabei hat Corinths Bild besonders ausdrucksstark die Idee letzter Kampfbereitschaft zum Ausdruck gebracht, die seit je eine Rolle spielt, wenn schwarze Fahnen aufgezogen werden. Das gilt für das „Banner der Rache“ des Islam genauso wie für den Jolly Roger der Piraten oder die Fahne der Anarchie oder für die Zeichen der „Schwarzen Bünde“, die sich der Kontrolle des NS-Regimes entzogen, oder für die letzten Aufständischen in Ungarn 1956, die mit schwarzen Fahnen signalisierten, daß sie jede Kapitulation verweigerten. In Deutschland hißten nach dem Zweiten Weltkrieg Arbeiter schwarze Fahnen auf den Werken, die zur Demontage durch die Siegermächte bestimmt waren, dann über den Fördertürmen der Zechen, die stillgelegt werden sollten. Schwarze Fahnen führten Bauern bei ihren Demonstrationen seit den 1960er Jahren mit, manchmal zeigten sie auch Pflug und Schwert.

Vignette aus einer Landvolk-Zeitschrift, 1930 Foto: Weißmann
Vignette aus einer Landvolk-Zeitschrift, 1930 Foto: Weißmann

Vielleicht genügen diese Hinweise, um auf einen zentralen Sachverhalt zurückzukommen: Symbole sind immer in ihrem Kontext zu verstehen. Nur weil jemand ein Zeichen benutzt, das schon von anderen aus anderem Anlaß benutzt wurde, heißt das nicht automatisch, daß er sich die Überzeugungen und Interpretationen dieser anderen zu eigen macht.

Hätten Symbole dagegen eine absolute Bedeutung, dann könnte man auch fragen, wieso noch schwarz-rot-gold geflaggt wird, obwohl weiland ein paar Leute darin die „ario-germanischen“ Farben sahen und die ersten Nationalsozialisten mit diesem Banner marschierten, oder warum ein rotes Tuch nicht nur über der Parteizentrale der SED-Nachfolgerin, sondern auch über dem Willy-Brandt-Haus weht, obwohl in diesem Zeichen fast hundert Millionen Menschen getötet wurden.

Fahne der Landvolkbewegung bei einer Bauerndemo in Berlin (Archivbild) Foto: vo
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