Der Freikorpsführer Hermann Ehrhardt (l.) umringt von seinen Männern Foto: picture alliance / akg-images | akg-images
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50. Todestag Hermann Ehrhardt
 

Vom Offizier zum „Consul“

Er war einer der bekanntesten Freikorpsführer der Weimarer Republik: der vor 50 Jahren verstorbene Korvettenkapitän Hermann Ehrhardt. Die nach ihm benannte Marine-Brigade sollte in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg erst den demokratischen Staat gegen innere Feinde verteidigen, um dann selbst ihr Gegner zu werden. Doch schon davor hatte der Sohn aus einer Pastorenfamilie ein bewegtes Leben.

Der 1881 geborene Ehrhardt fiel bereits während seiner Schulzeit auf. So mußte er das Gymnasium verlassen, nachdem der Primaner seinen Klassenlehrer schlug, weil er sich von diesem in seiner Ehre verletzt fühlte. Daraufhin trat er 1899 als Seekadett in die Kaiserliche Marine ein.

Fünf Jahre später führte ihn sein Weg als Leutnant zur See in die damalige Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Dort war er an der Niederschlagung des Herero-Aufstands beteiligt. Im Ersten Weltkrieg brachte es Ehrhardt bis zum Korvettenkapitän, der sich schon kurz nach Kriegsende als entschlossener Feind der kommunistisch-sozialistischen Novemberrevolution zeigte.

Ehrhardt wollte die Republik stürzen

Die im Februar 1919 aufgestellte II. Marine-Brigade Wilhelmshaven nahm zum 1. März den Namen ihres Anführers Ehrhardt an. In diesem Jahr kämpfte die Einheit an verschiedenen Fronten in Deutschland gegen kommunistische Aufstände, darunter auch gegen die Münchner Räterepublik. Ihr Weg führte die Freikorpskämpfer bis nach Schlesien in die Gefechte gegen polnische Aufstände.

Als im März 1920 der Kapp-Lüttwitz-Putsch in Berlin ausbrach, sah Ehrhardt die Chance gekommen, die verhaßte Novemberrevolution rückgängig zu machen. Mit seinen Männern beteiligte er sich am Umsturzversuch. Doch die Massen verweigerten den Putschisten die Gefolgschaft und ein Generalstreik lies das Vorhaben in sich zusammenfallen.

Die Marine-Brigade wurde zum 31. Mai 1920 aufgelöst und ihr Namensgeber floh nach München, wo er von der Strafverfolgung wegen der Putschteilnahme verschont blieb. Seine Männer dichteten derweil das sogenannte Lied der Brigade Ehrhardt, in dem sie ihre Verachtung gegenüber der Republik und der linken Arbeiterschaft ausdrückten. Im Refrain heißt es: „Hakenkreuz am Stahlhelm, schwarz-weiß-rotes Band, die Brigade Ehrhardt, werden wir genannt.“

Ehrhardt wurde der „Consul“

Soldaten der Brigade Ehrhardt hissen die Flagge der kaiserlichen Marine während des Kapp-Putsches in Berlin Foto: picture alliance / akg-images | akg-images

Im Text brüstete sich das Freikorps in martialischen Worten mit seinen Kämpfen gegen die Kommunisten: „Die Brigade Ehrhardt schlägt alles kurz und klein, wehe dir, wehe dir, du Arbeiterschwein.“

In den folgenden Jahren etablierte Ehrhardt den Geheimbund „Organisation Consul“ (OC), wobei er selbst als zentrale Figur dieser „Consul“ war. Er unterhielt dafür seinen eigenen Stab und war über die Aktionen seiner Mitstreiter im Bilde. Auf das Konto der OC gingen auch politische Morde. Die prominentesten Opfer waren der ehemalige Finanzminister Matthias Erzberger und Außenminister Walther Rathenau. Der Plan war, durch diese Gewalttaten den Staat zu destabilisieren, damit sich die neu erstehenden Freikorps der demokratischen Regierung als Retter anbieten könnten.

Doch das Kalkül ging nicht auf und der Staat ging gegen die OC vor. Als Ehrhardt sich dem Zugriff durch seine Flucht nach Ungarn entzog, zerfiel die Organisation kurz darauf. Als der „Consul“ im November 1922 nach Deutschland zurückkehrte, wurde er verhaftet. Jedoch gelang ihm im folgenden Sommer erneut die Flucht; dieses Mal in die Schweiz.

Ehrhardts Ansehen im rechten Lager sank

Als er im September 1923 zurückkehrte, begann die Phase, die den weiteren Lebensweg Ehrhardts maßgeblich weiter bestimmen sollte. Als Adolf Hitler und der ehemalige Generalquartiermeister Erich von Ludendorff Truppen für ihren Putsch und den geplanten „Marsch auf Berlin“ sammelten, stellte sich Ehrhardt gegen sie. Als der Zeitpunkt zum Losschlagen am 9. November gekommen war, war Ehrhardt entschlossen, mit seinen ihm ergebenen Einheiten gegen die Nationalsozialisten zu marschieren.

Dabei hatte Ehrhardt zuvor Aufbauhilfe bei der Gründung der Sturmabteilung (SA) geleistet. Nach anfänglicher Abneigung überstellte er mehrere seiner Männer an die Partei, damit diese sie die Organisation mit aufbauten. Doch schon nach zwei Monaten ging Ehrhardt auf Distanz zu den Nationalsozialisten und zog seine Männer aus der SA zurück.

Der November-Putsch brach bereits nach wenigen Stunden vor der Münchner Feldherrenhalle im Kugelhagel der Polizei zusammen. Das Ansehen und der Einfluß Ehrhardts innerhalb des rechtsradikalen Milieu Bayerns hatte jedoch aufgrund seiner Positionierung schweren Schaden genommen.

Zeitweise unterhielt er Kontakte zum linken Flügel der NSDAP und dessen Vertreter Otto Strasser. Ehrhardt bemühte sich auch noch darum, von der Partei enttäuschte Nationalsozialisten und Kommunisten zu sammeln, doch solche Versuche blieben letztlich erfolglos.

Ehrhardt floh vor der SS

Wenige Tage vor der sogenannten Machtergreifung am 30. Januar 1933 trat Ehrhardt noch in die NSDAP ein. Doch deren Führer vergaßen nicht, wer sich zehn Jahre zuvor gegen sie gestellt hatte. So geriet das Leben des ehemaligen Marineoffiziers im Sommer 1934 in Gefahr, als beim „Röhm-Putsch“ in einer „Nacht der langen Messer“ innerparteiliche, rechte und konservative Gegner des NS-Regimes ermordet wurden.

Ehrhardt konnte sich dem Zugriff der SS entziehen, indem er sich in den Wäldern seines Gutes im Westhavelland versteckte. Er floh erneut in die Schweiz und siedelte schließlich 1936 nach Österreich über, wo er in Brunn am Wald zwischenzeitlich ein herrschaftliches Gut betrieb.

Hitler-Putsch war der Wendepunkt

Ab 1937 lebte der mittlerweile verheiratete Ehrhardt, der mit seiner Frau zwei Kinder hatte, als Landwirt. Überraschenderweise ließen ihn die Nationalsozialisten nach dem „Anschluß“ Österreichs 1938 unbehelligt. Er trat bis zu seinem Tod am 27. September 1971 weder politisch noch militärisch wieder in Erscheinung.

Rückblickend war seine Gegnerschaft zum Hitler-Putsch 1923 der Wendepunkt in Ehrhardts Leben. Von einem der zentralen Agitatoren der republikfeindlichen Rechten wurde er immer mehr zu einer Randfigur des politischen Geschehens. Daß er der Rache der Nationalsozialisten entkam und als Privatmann das hohe Alter von 89 Jahren erreichte, ist mit Blick auf die Biographien anderer Freikorpsmänner, die sich der Partei anschlossen, beachtenswert.

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