Die in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember 1959 geschändete Synagoge in Köln Foto: dpa-Bildarchiv
Kölner Hakenkreuzschmierereien

Modell für alle „Aufstände der Anständigen“

Der 24. Dezember 1959 war ein Donnerstag. Das heißt, daß bis zum Montag der folgenden Woche praktisch keine Zeitung erschien. Aber in den Radio- und den (wenigen) Fernsehsendungen gab es nur ein Thema: Die Schändung der Kölner Synagoge durch Hakenkreuzschmierereien. Die Schuldigen waren nach kurzer Zeit von der Polizei festgenommen worden. Was den nordrhein-westfälischen Innenminister Josef Hermann Dufhues nicht hinderte, eine Belohnung von 10.000 DM für die Ergreifung auszusetzen.

In den drei Pressekonferenzen, gab er den Ton vor, der praktisch alle Stellungnahmen durchzog: Der Anschlag auf das 1938 niedergebrannte und gerade erst wiedererrichtete jüdische Gotteshaus war mehr als eine isolierte Einzeltat, der alte braune Ungeist nicht tot. Der Nazismus erhob wieder sein Haupt. Jetzt galt es, den Anfängen zu wehren. Dufhues nutzte die Tatsache, daß die Täter Mitglieder der Deutschen Reichspartei waren, um deren Verbot zu fordern. Der Bundestag trat zu einer Sondersitzung zusammen.

Die SPD-Opposition erreichte die Verabschiedung eines Gesetzes gegen „Volksverhetzung“. Heinz Galinski, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Berlin, wies auf Versäumnisse bei der Bekämpfung des Rechtsradikalismus in der Nachkriegszeit hin: „Die Synagogenschändung in Köln stellt eine Kette unliebsamer Ereignisse in der Bundesrepublik dar. Die Warnungen, die von unserer Seite in letzter Zeit erhoben wurden, sind immer wieder verniedlicht worden.“

Umfangreiche Reaktionen

Die DDR triumphierte angesichts der offenkundigen „Refaschisierung“ Westdeutschlands und brachte jüdische Schriftsteller wie Stefan Heym, Arnold Zweig und Stephan Hermlin dazu, ein gegen den westdeutschen Antisemitismus gerichtetes Memorandum des „Nationalrates der Nationalen Front des Demokratischen Deutschland“ zu unterzeichnen, das man den Siegermächten zuschickte.

Was die Sache noch verschlimmerte, war, daß die Hakenkreuze in Köln als Teil einer „antisemitischen Welle“ betrachtet wurden. Die Zeit dokumentierte bis zum Februar 1960 mehr als 600 vergleichbare Vorfälle. Zwar wurden auch in Paris, New York, Melbourne und Buenos Aires vermehrt Sgraffiti mit NS-Symbolen und judenfeindlichen Parolen entdeckt.

Aber nur die Bundesrepublik belastete der – im Ausland gerne aufgegriffene – Verdacht, daß sich im Grunde nichts geändert habe, daß sie eigentlich ein „Nazi-Staat“ sei. Was wiederum die Anstrengungen verstärkte, das Gegenteil zu beweisen. Es gab zahllose beschämte, betroffene oder entsetzten Stellungnahmen von Regierungen und Parlamenten, Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und Vereinigungen.

Die Reaktionen reichten vom Entschluß des Mannheimer Nationaltheaters, Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ abzusetzen über Protestdemonstrationen von Schülern und Studenten gegen die rechte Gefahr bis zur Diskussion, ob der Geschichtsunterricht zum Thema „Drittes Reich“ verstärkt und ein einheitlichen Lehrbuch an allen Schulen – trotz Kultushoheit der Länder – eingeführt werden sollte.

Politische Absichten

Presse und Rundfunk debattierten, was gegen die demnächst bevorstehenden Verjährung von Verbrechen der NS-Zeit zu tun sei, die Notwendigkeit endlich die Säuberung von Beamten- und Richterschaft nachzuholen und nun doch den „umstrittenen“ Vertriebenenminister Theodor Oberländer aus dem Bundeskabinett zu entfernen.

Allerdings gab es auch Stimmen, die vor der moralischen und politischen Ausbeutung der Kölner Synagogenschändung warnten. In der einflußreichen evangelischen Wochenzeitungen Sonntagsblatt und Christ und Welt hatte man den Eindruck, daß die eigentlich abgeschlossene Entnazifizierung „durch irgendwelche Hintertüren aufs neue angefangen werden“ solle, und die Kölner „Hakenkreuze für manch einen nicht ungelegen gekommen“ seien, daß jedenfalls der Verweis auf die millionenfachen Opfer des Rassenhasses „manchmal … zum Vorwand für durchaus unsentimentale politische Absichten“ genommen würde.

Im katholischen Rheinischen Merkur war sogar von „Hakenkreuzhysterie“ die Rede. Man könne zwar darüber reden, ob es Versäumnisse im Kampf gegen die „ideologische NS-Restauration“ gebe, dürfe aber auch nicht verschweige, daß „in der offiziellen musterdemokratischen Unterweisung das Dritte Reich übermäßig kriminalisiert“ würde, man jedenfalls den Bolschewismus notorisch milder behandele und zuletzt noch der „offizielle Anti-Antisemitismus“ zu erwartbaren Abstoßungsreaktionen führe.

Der Spiegel fragte angesichts der harten Urteile gegen „Hakenkreuzmaler“ (bis zu 17 Monate Gefängnis), „ob sich alle Richter unter dem Eindruck einer offiziellen anti-antisemitischen Hysterie ihre Unabhängigkeit auch von politischen Tagesströmungen und ihr klares Urteil bewahrt“ hätten.

Spuren in die DDR

Immerhin schien die allgemeine Erregung nach sechs Wochen abzuklingen. Als eine Art Schlußpunkt wollte die Regierung das am 17. Februar veröffentlichte Weißbuch „Die antisemitischen und nazistischen Vorfälle in der Zeit vom 25. Dez. 1959 bis zum 28. Jan. 1960“ betrachtet sehen. Es kam zu dem Schluß, daß es keine Anhaltspunkte dafür gebe, „daß nennenswerte Teile der Bevölkerung der Bundesrepublik antisemitische Gefühle“ hegten oder tatsächlich ein organisierter Neonazismus von Bedeutung existiere.

Diese Feststellungen wurden von links zwar kritisiert, aber letztlich doch hingenommen. Unwilliger reagierte man dagegen auf die früh von Konrad Adenauer selbst ins Spiel gebrachte Möglichkeit, daß man es nicht nur bei der Kölner Schmiererei, sondern auch bei vergleichbaren Vorgängen mit Inszenierungen östlicher Geheimdienste zu tun hatte. Das wurde – und wird bis heute – regelmäßig als Schutzbehauptung abgetan, obwohl seit dem Zusammenbruch des Sowjetblocks die Menge der Indizien und Beweise für solche Manipulationen immer weiter gewachsen ist.

In seinem Buch „Die Deutschland-Akte“ hat Michael Wolffsohn schon 1995 darauf hingewiesen, daß die DDR-Führung „Antisemitismus regelrecht produziert“ habe. Die HVA baute neonazistische Organisationen auf, infiltrierte bestehende, um sie weiter zu radikalisieren, oder stiftete Einzeltäter zu Aktionen wie in Köln an.

Modell für künftige Anstands-Aufstände

Und unlängst ergänzte Hubertus Knabe diese Feststellungen mit Hinweisen darauf, daß das Amt Gehlen die Bundesregierung relativ früh auf den möglichen Hintergrund des Anschlags von Köln hingewiesen habe und der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz in einer umfangreichen Analyse zu dem Schluß kam, daß die DDR im Rahmen ihrer Zersetzungsstrategien daran arbeitete, den Antisemitismus in der Bundesrepublik zu fördern, „selbst auf die Gefahr hin, daß einige Juden darunter leiden müssen“.

Außerdem habe Walter Ulbricht bei einer Sitzung des Zentralkomitees der SED am 23. Januar 1959 mitgeteilt, man wolle „durch Aktionskommandos jüdische Kultstätten in der Bundesrepublik mit nazistischen Emblemen … beschmieren“, um eine internationale Kampagne in Gang zu setzen, deren letztes Ziel die moralische Ächtung und Isolation der Bonner Republik sein würde.

Man kann den Ablauf der Ereignisse vor sechzig Jahren als Fußnote in der Geschichte des Kalten Krieges betrachten. Man kann darin aber auch ein Modell für jeden „Aufstand der Anständigen“ sehen, der seitdem abgelaufen ist: Es gibt ein mehr oder weniger schändliches Ereignis, dessen Hintergrund mehr oder weniger eindeutig zu klären ist, das zu eskalierender Empörung führt, die dann von interessierten Kreisen ausgenutzt wird, um unterschiedslos gegen alles zu schlagen, was irgendwie „rechts“ ist.

Zu betonen bleibt dabei, daß es 1960 noch einzelne gab, die die Mechanismen durchschauten, und Institutionen – gesellschaftliche wie staatliche –, die sie unterstützten. Davon kann heute allerdings keine Rede mehr sein.

Die in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember 1959 geschändete Synagoge in Köln Foto: dpa-Bildarchiv

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