Denkmal für die Verteidiger Bauskas mit dem Emblem der lettischen Armee, darunter der Ärmelschild, der von den Angehörigen der lettischen Waffen-SS getragen wurde Foto: Privat
Estland und Lettland

Die Kraft zur Selbstbehauptung

So angespannt das Verhältnis zwischen Deutschen und Balten sich auch entwickelt hat, an der Verehrung eines Deutschen auf baltischer Seite konnte nie ein Zweifel bestehen. Sein Name: Johann Gottfried Herder. Vor dem Dom in Riga liegt bis heute der Herder-Platz, und die Büste des Geistlichen und Philosophen steht unter alten Bäumen.

Die Ursache dieser Wertschätzung liegt in Herders Anerkennung der baltischen Tradition. Für ihn waren etwa die Lieder der Letten – die „Dainas“, von denen man mehr als 260.000 zählt – ein Ausdruck jenes „Volksgeistes“, der seiner Meinung nach das Wesen eines Volkes ausmachte: „So ist’s mit der Poesie der Völker und Zeiten auf unserm Erdrunde; in jeder Zeit und Sprache war sie der Inbegriff der Fehler und Vollkommenheiten einer Nation, ein Spiegel ihrer Gesinnungen, der Ausdruck des Höchsten, nach welchem sie strebte.“ Heute würde man nicht von „Volksgeist“, aber von „Identität“ sprechen, und zweifellos war Herder ein Identitärer avant la lettre.

Wenn das im Baltikum weder zu Irritationen noch zu irgendwelchen Aufrufen führt, das Denkmal des „Kultur-Rassisten“ zu schleifen, erklärt sich das aus einem Selbstverständnis, das davon ausgeht, daß eine Nation bei allem Wandel in ihrem Kern dieselbe bleibt.

Selbstbehauptung als natürliches Recht

Denkmal Herders in Riga Foto: Privat

Die Ausstellung Estlands zu seinem 100. Geburtstag als souveräner Staat trägt nicht umsonst den Titel „11.000 Jahre Estland“ und schildert die Geschichte von den Jägern und Sammlern im Ostseeraum der Altsteinzeit über das Eindringen der baltischen Stämme, die Entwicklung ihrer Gemeinwesen, die Unterwerfung, die Zeit des Ordensstaates und der Hanse, das – wörtlich – „nationale Erwachen“, den Kampf um die Unabhängigkeit, die Situation im Zweiten Weltkrieg, den Widerstand gegen die sowjetische Besatzungsmacht und die Befreiung in der „Singenden Revolution“.

Im Zentrum steht dabei das „Mysterium des Überdauerns“. Gemeint ist die Kraft, die es den Esten erlaubte, trotz ihrer geringen Zahl und trotz der zahlreichen Versuche, sie zu unterwerfen, sich selbst zu entfremden, zu germanisieren oder zu russifizieren, bis heute zu bestehen. Wenn man mit Esten, aber auch mit Letten oder Litauern spricht, stellt man rasch fest, daß sie die Selbstbehauptung ihrer Völker als deren natürliches Recht betrachten.

In der Regel wird diese Auffassung ruhig vorgetragen. Sie gewinnt aber rasch an Nachdruck und sogar Schärfe, wenn die Rede auf die Beziehungen zu Rußland kommt. Das hat nicht nur mit der zahlenmäßigen Stärke der Russen zu tun, die während der Sowjetzeit massiv im Baltikum angesiedelt wurden, sondern auch damit, welche Perspektive in bezug auf die Geschichte des „kurzen“ 20. Jahrhunderts – zwischen der Oktoberrevolution von 1917 und dem Kollaps des Ostblocks – gelten soll.

Rotes Terrorregime

Eine markante Erinnerung an den blutigen Verlauf dieser Zeit findet man heute noch in Gestalt des monumentalen Denkmals der Lettischen Roten Schützen, jener Soldaten, die ursprünglich in der Armee des Zaren dienten, dann aber auf die Seite der Bolschewiki übergingen. Nachdem sich Lettland 1918 von Rußland gelöst hatte und eine selbständige Republik ausgerufen worden war, suchten sie einen weiteren Umsturz herbeizuführen und das Gebiet der Sowjetmacht zu unterwerfen.

Ihrem Terrorregime fielen in wenigen Monaten fast 10.000 Menschen – vor allem Deutsche und Juden – zum Opfer. Es gibt Stimmen, die deshalb den Abriß des Schützen-Denkmals nahe der Altstadt Rigas fordern. Aber bisher war die Meinung vorherrschend, daß auch die Schützen in irgendeiner Weise zur Geschichte des Landes gehören.

Eine Toleranz, die die sogenannte Weltöffentlichkeit stillschweigend billigt. Anders als im Fall jener – auf private Initiativen errichteten – Denkmäler im Baltikum, die die Männer ehren, die in deutscher Uniform – als Angehörige von Wehrmacht oder Waffen-SS – gekämpft haben, um ihre Heimat von der Herrschaft Stalins zu befreien. Es gibt einige davon, und sie sind weder beschädigt noch beschmiert. Dasselbe gilt für die Gräber dieser Soldaten auf dem großen Brüderfriedhof am Stadtrand Rigas. Denn ihnen wird nicht nur guter Glaube zugebilligt, sondern auch, daß sie wie die Toten des Unabhängigkeitskampfes „Für Lettland“ gefallen sind.

Widerstandsbewegung der „Waldbrüder“

Denkmal der Lettischen Roten Schützen Foto: Privat

Damit gehören sie zu derselben Traditionslinie wie der antikommunistische Untergrund, der entstand, nachdem das Baltikum 1945 erneut unter sowjetische Kontrolle geriet. Die Existenz dieser Widerstandsbewegung ist im Westen praktisch unbekannt oder wird als problematisch betrachtet. Denn die Motive der sogenannten „Waldbrüder“ waren in erster Linie patriotische, um nicht zu sagen nationalistische.

Als ein durchaus typisches Beispiel kann Ülo Altermann gelten, der 1943 im Alter von 20 Jahren in die Estnische Legion der Waffen-SS eintrat und an der Ostfront kämpfte. Er setzte sich aber von der Truppe ab, als die deutschen Verbände das Baltikum zu räumen begannen. Altermann tauchte unter und schloß sich den „Waldbrüdern“ an.

Wahrscheinlich hat Altermann wie viele in den Reihen dieser Guerilla gehofft, daß nach dem deutschen Zusammenbruch ein Konflikt zwischen den USA und der Sowjetunion ausbrechen würde. Dann wollte er mit seinen Kameraden im Rücken der Roten Armee operieren. Dazu kam es aber nicht. Trotzdem setzten die Waldbrüder den Kampf noch jahrelang fort.

Erst als mit der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft im Baltikum fast jede Rückzugsmöglichkeit entfiel, wurden die Partisanen endgültig in die Defensive gedrängt. Die von Altermann geführte Gruppe konnte sich noch bis zum Frühjahr 1954 halten. Dann wurde sie vom NKWD zerschlagen, Altermann selbst kam bei einem Schußwechsel ums Leben.

Unter dem Gesichtspunkt der Wirksamkeit war der antikommunistische Widerstand im Baltikum sinnlos. Aber aus der Sicht einer Nation, die um das „Mysterium des Überdauerns“ weiß, hat er beigetragen, die Lebenskraft der Gemeinschaft zu erhalten.

Denkmal für die Verteidiger Bauskas mit dem Emblem der lettischen Armee, darunter der Ärmelschild, der von den Angehörigen der lettischen Waffen-SS getragen wurde Foto: Privat

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