Erster Weltkrieg

Durchbruch im Westen

Am 23. März 1918 herrschte in den militärischen Stäben der Briten Panik. Der Chef des Empire-Generalstabs, General Henry Hughes Wilson, hielt in seinem Tagebuch auf französisch fest: „Le bon dieu est boche“ (Der liebe Gott ist ein Deutschenschwein).

Der am 21. März begonnene deutsche Großangriff gegen den Südflügel der britischen Armee in Frankreich hatte in drei Tagen geschafft, was Briten und Franzosen in den vorangegangenen drei Jahren auch in monatelangen Materialschlachten nicht gelungen war: auf einer Breite von gut 70 Kilometern die Front zu durchbrechen, bis zu 20 Kilometer weit vorzudringen, die 5. britische Armee nahezu zu vernichten und die gesamte British Expeditionary Force (BEF) auf dem Festland in höchste Gefahr zu bringen.

Anders als der Zweite Weltkrieg, in dem auf drei Jahre deutscher Expansion ebenso viele Jahre deutscher Rückzüge folgten, die deutsche Niederlage aber ab 1943 absehbar war, war der Erste Weltkrieg ein Krieg, in dem die endgültige Entscheidung über lange Zeit in der Schwebe hing und sich deutsche Erfolge und schwere Krisen immer wieder ablösten.

Briten und Franzosen setzten ab 1916 auf eine Zermürbungsstrategie, um das Reich und seine Verbündeten (Österreich-Ungarn, Osmanisches Reich, Bulgarien) niederzuwerfen, nachdem die Deutschen alle direkten Angriffe erfolgreich abgewehrt hatten. Eine Seeblockade schnürte die „Mittelmächte“ von allen überseeischen Zufuhren einschließlich Lebensmitteln ab. Alliierte Offensiven an der Westfront sollten durch monatelange Materialschlachten Deutschlands Armeen langsam zermahlen und zermürben.

Es brauchte Zeit, um aus der US-Berufsarmee ein Massenheer aufzubauen

Doch der 1916 installierten 3. OHL (Oberste Heeresleitung) unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff gelang es nicht nur, alle Angriffe der Westgegner erfolgreich abzuwehren, sondern zugleich im Osten die Niederwerfung Rumäniens und die Niederlage Rußlands zu bewirken, auch wenn der völlige Zusammenbruch des russischen Widerstands vor allem eine Folge der Oktoberrevolution von 1917 war.

Ab Dezember 1917 gab es im Osten für die Mittelmächte keinen ernstzunehmenden Feind mehr. Der Friede von Brest-Litowsk vom 3. März 1918 mit der kommunistischen Regierung beendete formal den Krieg mit Rußland. Allerdings erforderten „rote“ Revolutionsversuche im von Rußland freigegebenen Baltikum, in Finnland und der Ukraine die Präsenz und auch den weiteren militärischen Vormarsch deutscher und österreichisch-ungarischer Verbände, auch zur Sicherung der Lebensmittelversorgung (JF 10/18).

Anfang 1918 hatte sich die militärische Lage der beiden Kaiserreiche deutlich entspannt, zumal sie gemeinsam im Oktober 1917 den Italienern eine schwere Niederlage hatten zufügen können (JF 43/17). Die Ernährungslage blieb hingegen weiterhin kritisch. Der Kriegseintritt der USA am 6. April 1917 verbesserte für Briten und Franzosen den Zugang zu den Ressourcen der stärksten Industriemacht der Welt, aber zunächst nicht ihre Lage an der Landfront. Es brauchte Zeit, um aus der kleinen US-Berufsarmee heraus ein Massenheer aufzubauen. Im Frühjahr 1918 stand erst eine einzige amerikanische Division an der Front in Frankreich, erst ab dem Frühsommer sollte die Zahl der amerikanischen Verbände deutlich, dann aber immer schneller zu wachsen beginnen.

Kurzzeitig gab es sogar eine deutsche Überlegenheit

Nachdem zahlreiche deutsche Verbände aus dem Osten und aus Italien dorthin verlegt worden waren, existierte im Frühjahr 1918 für eine begrenzte Zeit an der Westfront eine leichte deutsche Überlegenheit gegenüber Briten, Franzosen und Belgiern. Mitte März 1918 standen dort 180 alliierte Divisionen 192 deutschen gegenüber. In Rußland und Rumänien verblieben noch 54 deutsche Divisionen. Diese waren aber kaum zur Verwendung an der Westfront geeignet, hatten sie doch fast alle Soldaten unter 35 Jahren ebenso wie ihre besten Pferde an die nach Westen verlegten Verbände abgeben müssen.

Auch an der Westfront konnten nur gut 70 Divisionen durch eine ausreichende Ausstattung mit jungen Mannschaften und kräftigeren Pferden „angriffsfähig“ gemacht werden. Panzer, wie sie Briten und Franzosen hatten, waren auf deutscher Seite nur in verschwindend geringer Zahl vorhanden. Ein deutscher Verzicht auf eine Offensive 1918 und ein Verharren in der Defensive waren dennoch keine Option. Es war klar, daß die Überlegenheit der Westmächte durch den Aufmarsch der US-Amerikaner ab Mitte 1918 wiederhergestellt sein und dann rasch ins Unermeßliche wachsen würde.

Frontverlauf 1918: Unternehmen „Michael“: Foto JF

Zudem wußte man aus bitterer Erfahrung, daß auch erfolgreiche Defensivschlachten für den Verteidiger eine sehr kräftezehrende Angelegenheit waren. Im Frühjahr 1918 herrschte nicht nur in der Truppe, sondern auch in der Heimat die grimmige Entschlossenheit, noch einmal die Probe zu wagen und die militärische Entscheidung des Krieges offensiv zu suchen und durchzufechten.

Nach einigen Diskussionen entschied sich die OHL im Januar für einen Angriff aus dem Raum St. Quentin. Ziel war es, die britische und die französische Armee zu trennen, an die Kanalküste im Raum der Sommemündung (Amiens) vorzurücken und gegen die BEF nach Nordwesten einzuschwenken, um sie auf die Kanalhäfen zurückzuwerfen und vom Kontinent zu vertreiben. Das Unternehmen erhielt den Namen des Nationalheiligen der Deutschen, „Michael“, zugleich übernahm Kaiser Wilhelm II. formal den Oberbefehl (im englischen Sprachraum spricht man deshalb von der „Kaiserschlacht“), faktisch lag er weiter bei der OHL, das heißt bei Ludendorff.

Taktische Innovationen führten zu tiefen Einbrüchen in die britische Front

Geführt wurde der am 21. März 1918 auf der Breite von 75 Kilometern begonnene Angriff von drei deutschen Armeen mit zunächst 43 Divisionen, 6.608 Artilleriegeschützen, 3.500 Minenwerfern und 1.070 Flugzeugen. Weitere 30 Divisionen standen als Reserve bereit. Örtlich besaßen die Deutschen so eine deutliche Überlegenheit, denn ihnen gegenüber standen lediglich 26 britische Divisionen.

Doch waren es vor allem deutsche Innovationen auf taktischer Ebene, die dazu führten, daß den Angreifern tiefe Einbrüche in die britische Front gelangen. Die Infanterie der Angriffsdivisionen war in einem neuen Angriffsverfahren, der Stoßtrupptaktik, geschult worden. Die Sturmkompanien sollten Widerstandsnester umgehen, an erkannten Schwachstellen schnell tief vorstoßen und den nachfolgenden Truppen das Niederkämpfen der dann isolierten Feindstützpunkte überlassen.

Statt des von den Alliierten bislang praktizierten tagelangen Trommelfeuers der Artillerie, das dem Verteidiger die Schwerpunkte des Angriffs verriet, hatten die Deutschen zudem ein Verfahren ersonnen, bei dem das langwierige Einschießen der Geschütze fortfiel. An dessen Stelle trat ein plötzlicher, relativ kurzer Feuerschlag von bislang noch nie gesehener Intensität, der dem Feind kaum Zeit zu Reaktionen vor dem Beginn des Infanterieangriffs ließ.

1,2 Millionen US-Soldaten glichen alle Verluste aus

Nach den deutschen Anfangserfolgen , die Briten und Franzosen in größte Bedrängnis brachten, konnten diese allerdings, wenn auch mit letzter Not, am Ende genug Reserven heranführen, um die deutschen Vorstöße zu verlangsamen und schließlich Ende März zum Stehen zu bringen (JF 13/98). Trotz eines Einbruchs von bis zu 65 Kilometer Tiefe auf 80 Kilometer Breite war „Michael“ damit als entscheidungssuchende, strategische Operation gescheitert. Ludendorff stellte sie offiziell am 5. April ein.

Auf „Michael“ folgten bis in den Juli 1918 hinein weitere deutsche Offensiven. Dem im April durchgeführten Unternehmen „Georgette“, ursprünglich als ein bloßer, „Michael“ begleitender Fangstoß gegen die Briten in Flandern vorgesehen, lag noch eine strategische Grundidee zugrunde.

Die folgenden, gegen die Franzosen gerichteten Offensiven sollten den Feind aber nur noch zermürben. Faktisch führten sie jedoch zu einer Überdehnung der deutschen Frontlinien und zur Auszehrung des deutschen Heeres durch den „Verbrauch“ seiner besten Truppen. Zwar waren die deutschen Verluste zwischen März und Juli etwas geringer als die der Alliierten (700.000 Tote, Vermißte und Verletzte gegen etwa 850.000). Rund 1,2 Millionen bis Ende Juli eingetroffene frische Amerikaner glichen die alliierten „Abgänge“ aber mehr als aus.

Die Frühjahrsoffensive 1918 hatte strategische Erfolgschancen

Vor einigen Jahren hat der österreichische Historiker Martin Müller in einer umfassenden historischen Studie allerdings überzeugend dargelegt, daß die Frühjahrsoffensive 1918 durchaus strategische Erfolgschancen besessen hatte. Wenn Ludendorff das ursprüngliche Ziel des Angriffs, die BEF entscheidend zu schlagen, konsequent genug verfolgt hätte, dann wäre womöglich ein Vernichtungssieg errungen worden.

Doch orientierte der General sich nach dem erfolgreichen Durchbruch zu sehr an den Möglichkeiten, an „weichen“ Stellen zu weiteren taktischen Erfolgen zu kommen, und verlor dabei das strategische Ziel aus den Augen. Von den besonders raschen Fortschritten des deutschen Südflügels ließ er sich dazu verführen, weiter als ursprünglich geplant nach Südwesten und damit gegen die Franzosen vorzustoßen. Dafür wurden hier zu viele Reserven eingesetzt, die dann in der Mitte und am Nordflügel fehlten.

Hätte Ludendorff diese Reserven dort rechtzeitig gegen die Briten konzentriert, so Müller, hätten die dortigen deutschen Angriffsarmeen deren letzte Auffangstellungen durchbrechen können. Die BEF wäre dann gezwungen gewesen, sich in die Kanalhäfen und nach England zurückzuziehen.

Es bestand die Chance eines Verständigungsfriedens

Doch muß Spekulation bleiben, ob eine solche schwere Niederlage Briten und Franzosen überhaupt dazu gebracht hätte, ihr bislang unmißverständlich und beharrlich verfolgtes Ziel, das vollständige Niederwerfen Deutschlands, aufzugeben und sich auf Verhandlungen über einen Verständigungsfrieden einzulassen. Fraglich ist auch, ob auf deutscher Seite die Voraussetzungen vorhanden waren, eine solche politische Chance zu nutzen.

Ein großer militärischer Sieg hätte nicht nur die auf Annexion Belgiens drängende Haltung der OHL verhärtet, sondern auch in der Heimat Forderungen nach einem „Siegfrieden“ verstärkt. Ein Friedensschluß wäre aber auch nach einem großen Sieg wohl nur bei einem Verzicht auf deutsche Annexionen im Westen erreichbar gewesen. Die zivile deutsche Reichsleitung hatte sich indes vor und während „Michael“ nie zu einer eindeutigen politischen Stellungnahme in dieser Frage entschließen können.

Das Unternehmen „Michael“ bot Deutschland jedenfalls nie eine Chance auf einen totalen Sieg und einen entsprechenden „Siegfrieden“. Aber es bot den Deutschen die letzte militärische Möglichkeit, sich im strategischen Erfolgsfall zumindest die politische Chance zu erkämpfen, einen Verständigungsfrieden zu akzeptablen Konditionen zu erlangen. Ob das Reich diese politische Chance genutzt hätte, ist eine andere Frage.

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JF 12/18

Die Oberste Heeresleitung im Frühjahr 1918 Foto: wikimedia

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