Weiße Rose
 

„Hitler muß fallen, damit Deutschland weiterlebt“

Die Schreckensjahre des Krieges und der NS-Verbrechen bilden die vorherrschende geschichtspolitische Folie einer ansonsten zunehmend ahistorischen Gesellschaft. Im Februar eines jeden Jahres gerät die „kollektive Erinnerung“ zum bitteren Trauerspiel, wenn sich in Dresden „rechte“, schwarz bebrillte Kohorten zu einem „Trauermarsch“ formieren, den selbsternannte, schwarzgewandete „Antifaschisten“ gewaltsam zu sprengen versuchen, was ihnen mit Duldung der Exekutive mittlerweile gelingt.

In den Regieanweisungen des grundgesetzlich gesicherten Spektakels gehört letzteres zur Darstellung überbordender „Zivilcourage“. Währenddessen versammelt sich in der wiedererstandenen Elbestadt die „Zivilgesellschaft“ im Bemühen, mit weißen Rosen in Händen dem Opfergedenken Würde zu verleihen.

Bedrückt von derlei Inszenierungen ist an den antinazistischen Widerstand der Weißen Rose vor nunmehr siebzig Jahren zu erinnern. Der Augenblick, in dem am Vormittag des 18. Februar 1943 Hans und Sophie Scholl Flugblätter in den Lichthof der Münchner Universität regnen ließen, gehört zu den dramatischsten und vergeblichsten Szenen der deutschen Geschichte.

Mißglückter Fluchtversuch

Wenige Tage später, am Montagmorgen des 22. Februar, standen Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst im Münchner Justizpalast vor Roland Freisler, dem aus Berlin eingeflogenen Präsidenten des „Volksgerichtshofes“. Sie wurden im Schnellverfahren zum Tode verurteilt und starben am selben Abend unter dem Fallbeil des Henkers im Gefängnis München-Stadelheim.

Alexander Schmorell, Mitverfasser des zweiten und des fünften Flugblatts („An alle Deutsche!“), hatte die Verhaftung der Geschwister beobachtet. Vergeblich wartete er am 19. Februar auf Willi Graf, um mit ihm zu fliehen. Sein Versuch, sich mit einem von seiner Freundin Lilo Ramdohr gefälschten Paß in einem Fremdarbeiterlager bei Innsbruck zu verstecken, schlug fehl.

Im Schneesturm in Vorarlberg scheiterte der Fluchtversuch in die Schweiz. Gehetzt kehrte er nach München zurück, wo Fahndungsplakate und Zeitungen zur Denunziation aufriefen. Er suchte Hilfe bei einer unverdächtigen Freundin, die, als er im Luftschutzkeller auftauchte, der Schrecken überkam und den Blockwart herbeiholte. Völlig erschöpft und resigniert ließ sich auch „Schurik“ widerstandslos verhaften.

„Blicke voll tiefer Sympathie und voller Mitleid“

Am 19. April 1943 stand Schmorell als Hauptangeklagter zusammen mit Kurt Huber und Willi Graf vor Freisler. Mitangeklagt waren Traute Lafrenz, Gisela Schertling und Katharina Schüddekopf aus der Münchner Gruppe, der Freiburger Mediziner Helmut Bauer, die Ulmer Gymnasiasten Heinrich Guter, Hans und Susanne Hirzel, Willi Grafs Saarbrückener Schulfreund Heinz Bollinger sowie Eugen Grimminger, ein Freund des Scholl-Vaters aus Stuttgart.

Zu den Angeklagten gehörte auch Falk Harnack, der Bruder des am 22. Dezember 1942 hingerichteten Arvid Harnack („Rote Kapelle“) Falk hatte für Ende Februar ein Treffen mit seinem Vetter Dietrich Bonhoeffer und über diesen zum militärischen Widerstand vermitteln wollen.

In seinen 1947 verfaßten Erinnerungen beschreibt er die Szene im Justizpalast: „Dann öffnete sich das Tor, und wir wurden gefesselt über den langen Korridor in den Schwurgerichtssaal geführt. Links und rechts standen Menschen, Kopf an Kopf. Viele Studenten der Münchener Universität, Arbeiter, Soldaten. Wir gingen an ihnen vorbei. Kein böses Wort traf uns – nur Blicke voll tiefer Sympathie und voller Mitleid.

„Ich denke an Euch alle“

Als erster betrat Schmorell den Saal, ihm folgte Prof. Huber, und dann kamen wir anderen. – An der Tür sah ich meine Mutter stehen. Ich konnte ihr, obwohl gefesselt, die Hände drücken und ihr, der man soeben ihren ältesten Sohn und ihre Schwiegertochter auf so grausame Weise ermordet hatte, sagen: ‘Ich denke an Euch alle.’“

Schmorell erwiderte Freisler, der ihn in gewohnter Manier mit wütenden Tiraden überschüttete, er habe seinen Eid auf Hitler nicht leisten wollen. Als angehender Arzt in einer Sanitätseinheit schieße er genausowenig auf Russen wie auf Deutsche. Als nächster war Professor Huber, Mentor der Scholls und Verfasser des sechsten Flugblatts, an der Reihe.

Nach Verlesen der Anklage legte in geheuchelter Entrüstung der Pflichtverteidiger sein Amt nieder. Der von Huber als Entlastungszeuge benannte Historiker Karl Alexander von Müller (1919 einer der Münchner Entdecker von Hitlers Redetalent) ließ sich mit einer angeblichen Dienstreise entschuldigen.

Todesurteile standen von vornherein fest

Die drei Todesurteile gegen Huber, Graf und Schmorell standen von vornherein fest. Die anderen kamen mit Strafen von zehn Jahren Zuchthaus bis zu sechs Monaten davon. Die vor wenigen Wochen verstorbene Susanne Hirzel würdigte im Rückblick die Rolle des Verteidigers Eble, der als NSDAP-Mitglied Freisler mit Mut und Geschick entgegengetretend, ihr und anderen Angeklagten das Leben gerettet habe. Grimminger entging der Todesstrafe. Seine bis dahin geschützte jüdische Frau wurde hingegen am selben Tag deportiert und in Auschwitz ermordet.

Harnack: „Unter anderem wurde mir vorgehalten, ich hätte defätistische Äußerungen getan, daß der Krieg für Deutschland verloren sei. Ich entgegnete Freisler, meine Äußerung sei gewesen: ‘Ich befürchte, daß Deutschland den Krieg verliert. (…) Die nationalsozialistische Propaganda erklärt: Nach dem Zusammenbruch kommt das Chaos. Diese Propagandarichtung halte ich für überaus gefährlich, denn’ – und jetzt mit erhobener Stimme – ‘Deutschland darf nicht untergehen.’ Durch diesen Salto stand ich plötzlich auf der nationalen Plattform …“ Harnack konnte zudem ein Führungszeugnis eines ihm bekannten Generals vorlegen. Er wurde freigesprochen.

Ob Harnacks patriotische Emphase nur Taktik entsprang, kann offenbleiben. „Deutschland zuliebe“ lautete der Titel eines 1982 bei dtv erschienenen Buches des amerikanischen Journalisten Richard Hanser. Das patriotische Angedenken war einst das Herzensanliegen der Schriftstellerin Ricarda Huch, die 1947 ein Buch über den deutschen Widerstand vorbereitete. Im Mittelpunkt sollte die „Weiße Rose“ stehen. Wurden in Günther Weisenborns Version („Der lautlose Aufstand“, erstmals 1953) die Akzente verschoben, so ist das patriotische Pathos selbst in der 1974 vom DKP-nahen Röderberg-Verlag gedruckten Ausgabe erkennbar.

Patriotische Beweggründe werden heute ausgeblendet

Zu erinnern ist an den „linkeren“ Hamburger Zweig der „Weißen Rose“, insbesondere an Hans Leipelt, der, obgleich als „Halbjude“ gefährdet, aber von seinem Münchner Chemieprofessor geschützt, nach der Hinrichtung Hubers für dessen Familie Hilfsaktionen organisierte. Im Oktober 1944 verurteilt, mußte er sein Leben am 29. Januar 1945 opfern. Die Hamburger Widerständler Margarete Mrosek und Curt Ledien wurden noch am 21. und 23. April 1945 gehenkt.

Die in „bündischen Umtrieben“ verwurzelte Vorgeschichte der „Weißen Rose“ wird oft ausgeblendet. Im Mittelpunkt des Gedenkens steht der vom renouveau catholique eines Carl Muth und Theodor Haecker geformte christlich-humanistische Widerstandsgeist. Unbequem ist historischen Nachlaßverwaltern die patriotische Sprachgewalt des sechsten Flugblatts: „Studentinnen! Studenten! Auf uns sieht das deutsche Volk! Von uns erwartet es, wie 1813 die Brechung des Napoleonischen, so 1943 die Brechung des nationalsozialistischen Terrors aus der Macht des Geistes. Beresina und Stalingrad flammen im Osten auf, die Toten von Stalingrad beschwören uns …“

Wo und wann wird je das denkwürdige Schlußwort Kurt Hubers zitiert, das mit einer Sentenz des Nationalerziehers Johann Gottlieb Fichte endete? Oder das von Christl Probst verfaßte „letzte“ Flugblatt, das Hans Scholl bei seiner Verhaftung leichtsinnigerweise bei sich trug und dem Freund zum Verhängnis wurde, wo es heißt: „Stalingrad! 200.000 deutsche Brüder wurden geopfert für das Prestige eines militärischen Hochstaplers. (…) Hitler und sein Regime muß fallen, damit Deutschland weiterlebt.“

JF 9/13

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