Massaker von Postelberg

„Wenn ich dich abknalle, kräht kein Hahn nach dir“

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Kaserne in Postelberg Foto: Wikimedia/Lysippos

„Als wir um halb fünf ankamen, war es schon hell und wir konnten die Gemordeten im Grab liegen sehen. Die Soldaten entsicherten ihre Maschinenpistolen, zogen einen Kreis um uns und trieben uns unter Fluchen und Kolbenstößen – da wir beim Anblick der Toten naturgemäß entsetzt zurückgetaumelt waren – ins Grab hinein. In diesem Augenblick hörte ich ganz deutlich wieder das furchtbare Jammern der vergewaltigten Mädchen, empfahl meine Seele Gott, durchbrach den Mördergürtel, indem ich einen von den Henkern über den Haufen rannte und lief davon.“

Mit diesen Worten beschrieb Egon Putz in einer Sonderausgabe des Heimatbriefes Saazerland, wie er in den frühen Morgenstunden des 27. Mai 1945 unter dramatischen und zugleich glücklichen Umständen den Todeskommandos der tschechischen Volksmiliz, der Narodni Vybor, entkam. Die Schreie der Sterbenden in der bereits mit Leichen gefüllten Hinrichtungsstätte noch in den Ohren, die von einer MG-Salve getroffene Hand blutend.

Putz hatte überlebt. Am Bahnsteig einer oberfränkischen Kleinstadt trifft er im März 1946 einen jungen Landsmann, Josef Pipping. Er muß dem erst 13 Jahre alten Jungen eine traurige Mitteilung machen. Seine Mutter ist bei dem Massaker im Postelberger Fasanengarten erschossen worden. Er weiß das, weil sich Bertha Pipping unter jenen hingerichteten dreißig Männern und Frauen befand, mit denen auch er hätte getötet werden sollen.

In Tschechien trifft man auf eine Mauer des Schweigens

Spricht man von den Massakern des sudetendeutschen Ortes Postelberg, so trifft man sowohl in Tschechien als auch in Deutschland oft auf eine Mauer des Schweigens. Über 800 Deutsche wahren hier nach dem Zweiten Weltkrieg ermordet, unzählige weitere Opfer gefoltert worden. Am 3. Juni wurde nun ein Denkmal eingeweiht, das den unschuldigen Opfer gewidmet ist.

Doch schon der auf einer Kupferplatte eingravierte Text bleibt vage. „Den unschuldigen Opfern der Ereignisse in Postelberg im Mai und Juni“ steht dort geschrieben. Selbst dieser Text war in der Gemeindevertretung des Orts hart umkämpft. Das es auch noch im Juni Morde an Deutschen gab, war erst nachträglich hinzugefügt worden.  

„Er wollte uns schonen“, erinnert sich Josef Pipping an die damalige Begegnung mit Putz. Ihn und seine drei Geschwister, die die Details jener grausamen Ermordung nicht erfahren sollten. „Sich daran wieder zu erinnern, das tut weh“, sagt Josef Pipping heute mit leiser Stimme. Er ist inzwischen 77 Jahre alt und lebt im bayerischen Dietenheim in der Nähe von Ulm. Es ist die Erinnerung an die Zeit zwischen 1945 und 1946, die schmerzt. Die Zeit, als Deutschland in Trümmern lag. Erobert, besetzt, besiegt und von der Welt für schuldig befunden.

Winterhilfswerk reicht für Verhaftung

Die Familie Pipping lebt im Mai 1945 in Postelberg, Friedhofsgasse Nummer 291. Mutter Bertha zusammen mit ihren Kindern Margit, Josef, Brunhilde und Siegfried. Vater Leopold, ein Eisenbahnbeamter, war 1943 zum Militär eingezogen worden, verrichtete seinen Dienst als Pionier an der russischen Front, wo er später bei der Kapitulation in Kurland in Gefangenschaft geriet. Josef Pipping ist 13 Jahre alt, als seine Kindheit endet. >>

Am 11. Mai 1945 – drei Tage nach Kriegsende – dringen bewaffnete Männer der Narodni Vybor in das Haus der Pippings ein. Die Mutter soll verhaftet und abgeführt werden. Ihr Vergehen:  Sie hatte sich während des Krieges für das Winterhilfswerk der Nationalsozialisten engagiert. Das reicht für die Verhaftung. „Sie war unschuldig“, sagt Josef Pipping, der sich daran erinnert, daß seine Mutter während der NS-Zeit mit einer jüdischen Familie befreundet war.

Konzentrationslager für Deutsche

Die Mutter wehrt sich. Doch die Männer sind stärker. Die Kinder weinen, wollen ihre Mutter nicht loslassen. Da erhält die älteste Tochter Margit (15) einen Stoß mit dem Gewehrkolben. So heftig, daß sie über mehrere Meter in die Stubenecke fliegt. Die anderen Kinder halten ein, der Schock lähmt sie. Bertha Pipping wird in das Postelberger Gerichtsgebäude abgeführt. Zwei Tage später erscheint die Volksmiliz und treibt die Kinder aus ihrer Wohnung.

Sie kommen in ein Notquartier, eine kleine verlassene Wohnung in der Albertigasse 9. Ein etwa dreißig Jahre alter tschechischer Milizionär hält dort dem mageren und kleinwüchsigen Josef Pipping eine Maschinenpistole auf die Brust. „Wenn ich dich abknalle, kräht kein Hahn nach dir“, sagt der Mann auf deutsch und entsichert die Waffe. Es bleibt bei der Drohung.

Zwei Wochen später will Pipping seiner Mutter eingehackte Kartoffeln als Mittagessen ins Gerichtsgebäude bringen. „Deine Mutter braucht kein Essen mehr“, sagt der Wachposten zu ihm. Wenige Tage später kommen die Kinder ins Gefangenenlager, das sich im Postelberger Fasanengarten befindet. Es ist ein ehemaliger Naturpark, in dem die Organisation Todt während des Krieges ein Arbeitslager eingerichtet hatte und das nun als Konzentrationslager für Deutsche dient. Zusammen mit 25 Frauen und Kindern wird ihnen ein Raum zugewiesen. Ausgestattet mit doppelstöckigen Betten, Kanonenofen und zwei Tischen.

Prügeleien und Vergewaltigungen

Das Lager ist von bewaffneten Soldaten bewacht, nur zur Zwangsarbeit Eingeteilte mit weißer Armbinde dürfen das Lagertor passieren. Hungertyphus macht sich im Lager breit. Viele Ältere und kleine Kinder sterben. „Ich war schon am Verhungern“, schildert Pipping die dramatische Situation. Er hat bereits blutigen Durchfall. In seiner Not ernährt er sich von unter Bäumen liegenden Eicheln.  

Doch Josef und seine ältere Schwester Margit finden heimliche Wege aus dem Lager, besorgen sich Obst, Gemüse und Kartoffeln von herrenlos gewordenen Feldern. Des öfteren wird dabei auf sie geschossen. Unter dem gelockerten Bretterboden ihrer Baracke heben sie Gruben aus, legen sich einen heimlichen Nahrungsvorrat an. Die vier Geschwister überleben das Lager.

Trotz der dort stattfindenden Prügeleien und Vergewaltigungen. Anfang 1946 verlassen sie Postelberg im Rahmen der „Expatriierung“. Über ein Zwischenlager in Saaz gelangen sie schließlich nach Bayern. „Wenn ich nicht viel jünger ausgesehen hätte als ich war, hätten die mich nicht am Leben gelassen“, sagt Pipping heute.

Schattenseiten des Hitler-Regimes

Auch Peter Klepsch hat überlebt. Der heute 81jährige ist in Saaz geboren und lebt in Spalt (Bayern). 1938 hatte er den Einmarsch der deutschen Truppen miterlebt. „Gnädige Frau, glauben Sie nicht, daß Sie befreit worden sind. Sie sind nur von einer Traufe in die andere geraten“, hatte damals ein deutscher General zu seiner Mutter gesagt. Die Bekanntschaft mit jenem hohen Offizier war es gewesen, die Klepsch die Schattenseiten des Hitler-Regimes aufgezeigt hatte, so daß er mit „zunehmender Reife“ begann, das NS-System abzulehnen.

Wegen abfälliger Äußerungen über die Nationalsozialisten und weil er französischen Soldaten zur Flucht verholfen hatte, war er schließlich verhaftet worden. Ein weiterer Grund hierfür war, daß sein Bruder als Adjutant eines Generals diente, welcher im Verdacht stand, den Widerstandskämpfern des 20. Juli 1944 anzugehören.

Doch als Klepsch kurz vor Kriegsende aus der Haft fliehen kann und nach Hause zurückkehrt, verschonen die Tschechen auch ihn nicht. Als die Sowjets nach drei Wochen aus Saaz abziehen, sind in der Stadt Gerüchte im Umlauf. In Postelberg sollen die Leute alle verschwunden sein, heißt es. Das war am 2. Juni 1945. Am Tag darauf sind tschechische Soldaten da. >>

Alle deutschen Männer von 12 bis 65 Jahren haben sich unter Androhung der Todesstrafe auf dem Ringplatz einzufinden. Das erste, was Klepsch sieht, ist ein Mord an dem Postbeamten Gansl, weil dieser irgendeine Bemerkung gemacht hatte. Dann sieht Klepsch, wie ein junger Mann mit seinem Motorrad über den Erschossenen fährt. Immer wieder. In den Speichen der Räder hatten sich inzwischen die Gedärme des Toten verwoben. Der Postbeamte war in der Stadt als alter Sozialdemokrat bekannt.

Die versammelten Deutschen werden in Kolonnen ins benachbarte Postelberg geführt. Der Ort gleicht einer Geisterstadt, kein Mensch ist auf den Straßen zu sehen. Die Kolonnen, von denen immer mehr herangeführt werden, kommen auf einem Kasernenhof zusammen, etwa 5.000 an der Zahl. „Gebt eure Uhren her, ihr werdet nie mehr welche brauchen“, rufen die Wachposten plötzlich.

Blut in Fontänen

Am nächsten Morgen schießen tschechische Soldaten wahllos in die Menge der Inhaftierten, die nachts auf dem harten Pflaster des Kasernenhofes schlafen mußten. Den Nebenmann von Peter Klepsch hat es mit einem Bauchschuß erwischt.

Die Soldaten zwingen ihre Gefangenen, um den Platz zu laufen und nationalsozialistische Lieder zu singen. Wer nicht richtig läuft oder singt, wird mit der Peitsche geschlagen. Alle Deutschen müssen sich in Gruppen aufstellen. Es wird selektiert. Angefangen bei SS-Angehörigen bis hin zu Antifaschisten. Klepsch stellt sich aufgrund seiner politischen Verfolgung zu den Antifaschisten. Er sieht, wie die erste Kolonne zum Erschießen geführt wird, wie einem Halsschußopfer mit den letzten Herzschlägen das Blut in Fontänen herausschießt.

Ein Vater sitzt drei Reihen vor Klepsch, muß mit ansehen, wie sein Sohn hingerichtet wird. Für 15 Mann gibt es ein Brot zu essen. Wasser trinken die Gefangenen aus einem Splitterschutzgraben, in dem neben Kaulquappen auch plötzlich der Finger eines Toten auftaucht. Weil er zur Gruppe gehört, die als politisch neutral gilt, darf Klepsch schließlich zurück nach Saaz. „Diejenigen, die zurückblieben, haben noch mehr gelitten“, sagt er.

Die Tschechen waren von blindem Haß getrieben

Die Erlebnisse von damals wirken nach. Bis heute. Die älteren Generationen der Deutschen und der Tschechen haben sich nicht aussöhnen können. „Die wollen nichts mit uns zu tun haben und wir nichts mit denen“, gibt Klepsch Einblick in das Gefühlsleben der Betroffenen. „Es war blinder Haß“, resumiert er über das Massaker von Postelberg. Opfer haben später Anzeige erstattet, erzählt er. „Deutsche sind keine Zeugen“ sei die Antwort der tschechischen Behörden gewesen.

Doch die jüngere Generation in Tschechien beginnt inzwischen kritische Fragen an ihre Großväter zu stellen. Wie etwa der Regisseur David Vondráček, dessen Dokumentarfilm über die Morde an Deutschen von 1945 Anfang Mai zur Hauptsendezeit im tschechischen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Wird man den Film auch bald in Deutschland sehen können?

Die ARD hat nach Äußerungen von Vondráček zumindest Kenntnis von dem Film. Der Film sei dort nicht bekannt und stehe auch nicht in den Sendeplanungen, heißt es dagegen bei der ARD. Peter Klepsch ist dennoch zuversichtlich: „Die Medien beginnen sich allmählich dafür zu interessieren“, meint er.

JF 23/10

Eine Reportage über die Einweihung der Gedenktafel für die Opfer des Massakers von Postelberg erscheint in der nächsten Ausgabe der JUNGEN FREIHEIT (24/10).

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