1. Juli 1990
 

Ein deutscher Notenwechsel

Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl spricht gerne davon, daß man gewisse geschichtliche Prozesse nicht einfach aufhalten kann. Und sein damaliger Finanzminister Theo Waigel sagt im Rückblick auf zwanzig Jahre Währungsreform in der damaligen DDR, daß „der ganze Ablauf eine unglaubliche Eigendynamik“ bekommen habe.

„Kommt die D-Mark nicht zu uns, dann gehen wir eben zu ihr.“ So skandierten Tausende von DDR-Bürgern zu Anfang des Jahres 1990. Die Entwicklung begann spätestens mit dem Fall der Mauer am 9. November 1989. Der jahrzehntelange kühne Traum von der deutschen Einheit war plötzlich zum Greifen nahe. Während in der Bundesrepublik urplötzlich patriotische Regungen aufkeimten, versuchten die DDR-Oberen verzweifelt zu retten, was noch zu retten war. Und das war wirklich nicht mehr viel.

Dem einstigen sozialistischen Musterstaat drohte der Bankrott, die Menschenmassen drängten auf demokratische Reformen, und im reichen Westen winkte Bundeskanzler Helmut Kohl unverhohlen mit dem Scheckbuch. Er kündigte blühende Landschaften an; vor allem aufgrund dieser Versprechungen ging die CDU-dominierte „Allianz für Deutschland“ im März 1990 als souveräner Sieger aus der ersten freien Wahl in der DDR hervor.

Täglich verließen 2.000 DDR-Bürger ihr Land

Die Frage nach der wirtschaftlichen Einheit zwischen Bundesrepublik und dem östlichen ,,Bruder“ beschäftigte die Volkswirte spätestens zu Jahresbeginn 1990. Während Politiker und Staatsrechtler schnellstmöglich ein Modell für den Beitritt der DDR in die BRD entwickeln konnten, warnten Banker und Finanzexperten vor einer übereilten Währungsreform. Doch die Entwicklung war nicht mehr aufzuhalten.

Spätestens nachdem Kanzler Kohl während des Wahlkampfs im Februar die Einführung der D-Mark als nahes Ziel für die DDR ausgegeben hatte, kannte die Euphorie keine Grenzen mehr. Hundertausende waren zuvor aus Mitteldeutschland über die Grenze geströmt, um 100 Mark als Begrüßungsgeld zu kassieren, welches in aller Regel unmittelbar vor Ort in einem westdeutschen Kaufhaus in die so heiß ersehnten Konsumgüter „umgetauscht“ wurde. Täglich verließen 2.000 DDR-Bürger in einer Art Goldgräberstimmung ihre Heimat, um in der Bundesrepublik Wohlstand und Arbeit zu finden.

Dabei war allen Beteiligten bewußt, daß ein Eins-zu-Eins-Umtausch von Ost-Mark in D-Mark große volkswirtschaftliche Risiken beinhaltete – aber nur wenige Politiker positionierten sich so eindeutig wie der damalige SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine, der davon sprach, daß spätere Generationen für „diese staatlich geplante Geldvernichtung einen hohen Preis zahlen müssen“. Diese durchaus schonungslose Offenheit mag zwar rückblickend durchaus realistisch gewesen sein, kostete den Saarländer den noch ein Jahr zuvor sicher geglaubten Sieg bei der Bundestagswahl 1990.

Bevölkerung reagierte wie elektrisiert

Helmut Kohl hingegen, der noch im Sommer 1989 als Auslaufmodell galt und sich auf einem turbulenten Parteitag gegen den „Reformflügel“ um Lothar Späth und Heiner Geißler durchsetzen mußte, hörte auf Volkes Stimme, welche im März 1990 in Ost-Berlin die Parole für den Umtauschkurs ausgab: „Eins-zu-Eins oder wir werden niemals eins.“

Nach der Wahl Lothar de Maizières zum neuen Ministerpräsidenten der DDR am 12. April wurde sogleich ein Treffen mit dem Bundeskanzler für den 24. April vereinbart, um die Verhandlungen über die Wirtschafts- und Währungsunion zwischen den beiden deutschen Staaten formell zu eröffnen. Grundlage war das Angebot Kohls vom Vorabend der Volkskammerwahl, die Ost-Mark bis zu einer bestimmten Obergrenze zum Kurs von Eins-zu-Eins umzutauschen.

Die Bevölkerung reagierte wie elektrisiert auf die neue Entwicklung. Der Traum vom Reichtum war zum Greifen nahe. Am 2. Mai sollte er schließlich Realität werden. An diesem Tag legten die Regierungen beider Staaten die Regeln für die Währungsunion fest.

DDR-Waren mutierten zum Ladenhüter

Danach sollte ein genereller Kurs etwa für Löhne, Renten und Mieten von Eins-zu-Eins gelten. Sparguthaben sollten bei Beträgen zwischen 2.000 und 6.000 Mark nach Alter gestaffelt ebenfalls Eins-zu-Eins umgetauscht werden, Beträge darüber hinaus im Ost-West-Verhältnis von Zwei-zu-Eins. Auch Schulden der Betriebe wurden Zwei-zu-Eins getauscht.

Am 18. Mai wurde schließlich der Staatsvertrag zur wirtschaftlichen Einheit unterschrieben, der am 1. Juli um Mitternacht in Kraft treten sollte. Viele Clubs und Diskotheken in der DDR feierten den Anlaß mit „Währungsparties“. Die Süddeutsche Zeitung titelte euphorisch: „Silvester im Sommer“, und noch in der Nacht kam es zum Ansturm auf die Einkaufszentren, die sich rechtzeitig zum „großen Tag“ mit West-Produkten eingedeckt hatten. Das übriggebliebene DDR-Sortiment mutierte zum Ladenhüter, Coca Cola wurde über Nacht zum Lieblingsgetränk zwischen Elbe und Oder.

In den fünf Wochen nach der Währungsunion stiegen die Preise in der DDR um dreißig Prozent. Nahrungsmittel verteuerten sich um etwa fünfzig Prozent. Die DDR-Landwirtschaft blieb auf ihren Produkten sitzen – nur noch Westware war gefragt. Der damalige Finanzminister Theo Waigel sollte zum zehnjährigen Jubiläum sagen, daß diese Entwicklung nicht überraschend gekommen sei. Aber: „Die Euphorie war so groß. Es gab keinen Platz für Übergangslösungen.“

JF 26/10

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