Vergessene Gräber im Cockpit

Über sechzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges gibt es immer noch Kriegstote in unserem Land, um die sich kaum jemand kümmert, höchstens punktuell oder mit regionalem Schwerpunkt. Es sind die abgestürzten Flieger, die mit den Trümmern ihrer Flugzeuge bis heute noch unbeachtet an den Stellen liegen, an die ein unerbittliches Schicksal sie geworfen hat.

Diesem Klärungsbedarf abzuhelfen und die unbekannten Piloten einer Identifizierung zuzuführen, bedeutet konkret, die Absturzstellen aufzufinden und die bislang anonymen Schicksale ans Licht gesicherter Antworten zu heben. Es ist ein Gebot menschlichen Anstandes, diese abgestürzten Piloten und die Reste ihrer Flugzeuge zu bergen und gegebenenfalls zu bestatten. Daß sie dies verdient haben, beweist auch der Umstand, daß es zumeist deutsche Nachtjäger sind, die versucht haben, den Bombenterror gegen die deutsche Zivilbevölkerung abzuwehren. Die erforderlichen Bergungsarbeiten sind nicht ohne Probleme. Wo soll man suchen? Übersichtliche Karten über Absturzstellen gibt es nicht. In Frage kommen hauptsächlich Wiesen, Äcker oder Waldstücke, wo man Hinweise in Form von großen Wasserlöchern oder auffälligem Bewuchs finden könnte. Besonders hilfreich sind in diesem Zusammenhang die Kenntnisse von Augenzeugen aus der fraglichen Zeit. Haben die Eigentümer dieser Wiesen- und Waldstücke ihre Zustimmung zur Suche gegeben, so folgt eine weitere nötige Zusammenarbeit mit den verschiedensten Stellen. Man braucht eine Genehmigung des Bundes, und die Bundesimmobilienverwaltung hat ein Eigentumsrecht an den Fundstücken. Das THW könnte helfen, auch der Kampfmittelräumdienst. Die jeweiligen Innenministerien wollen auch gefragt werden. In Frage käme auch der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der sich bislang hauptsächlich um die Kriegsgräber im Ausland gekümmert hat. Für Informationen bietet sich auch die Deutsche Dienststelle in Berlin als Nachfolgerin der Wehrmachtsauskunftstelle an. Unter Umständen muß man sogar Gerichtsmediziner heranziehen.

Hat man mit allen diesen Stellen eine glückliche Zusammenarbeit erreicht und hat man mit einem Metalldetektor sichere Hinweise auf Trümmer oder Splitter gefunden, können die Bergungsarbeiten beginnen. Bagger, Hacken, Schippen und Siebe sind nötig, um die Absturzstelle freizulegen. Da ein Flugzeug von ursprünglich sechs Metern durch den Aufprall auf etwa einen halben Meter in bis zu vier Metern Tiefe oder noch mehr zusammengepreßt wurde, sind die freigelegten Trümmer nicht leicht zu identifizieren. Wichtig wäre dann die Bestimmung des Flugzeugtyps anhand der Wrackteile und in welchen Einheiten er jeweils eingesetzt wurde. Knochenreste des Piloten sind durchaus im Bereich des Möglichen, was man zu finden hoffen kann. Dann sind auch noch die Erkennungsmarken, sofern noch nicht verrottet, oder Bekleidungsüberreste sowie Waffen und Munition wichtig.

Wird nach mühevoller Suche der Pilot und seine Einheit samt Einsatzbefehl identifiziert, können seine sterblichen Überreste bestattet werden. Vielleicht lassen sich auch noch Angehörige finden. Eine solche offiziell genehmigte und ordentliche Bergung müßte sichergestellt werden, denn es gibt auch durchaus Gefahren. Neugierige sind noch harmlos, aber es gibt auch technikbegeisterte Andenkenjäger oder auch rücksichtslose Geschäftemacher.

Für die Zukunft wären deutschlandweite Nachforschungen erforderlich, um die geschätzten 1.600 Vermißtenschicksale aufzuklären. Da als einzige Quellen für die Nachforschungen oftmals nur hochbetagte Zeitzeugen in Frage kommen, drängt die Zeit. In Abschuß- und Polizeiberichten sowie den Gemeinde-, Militär- und Staatsarchiven könnte man fündig werden, eventuell auch in der örtlichen Presse. Es bieten sich hier zunächst lokale oder regionale Initiativen als Möglichkeit an, auf diesem Gebiet einen Schritt weiterzukommen.

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