Der willkommene Vorwand

Mannheim, genau vor 190 Jahren, am 23. März 1819, 10 Uhr: Der Postkutsche aus Darmstadt entsteigt ein junger Mann in schwarzem Anzug und offenem Schillerkragen. Sein Gepäck: das Johannesvangelium und – zwei Dolche. Nachdem er sich im Gasthaus „Zum Weinberg“ gestärkt hat, fragt er sich zum Haus des Staatsrates August von Kotzebue durch. Kotzebue ist nicht irgendwer, sondern der erfolgreichste deutschsprachige Publizist und Theaterautor der Goethezeit sowie Herausgeber literarischer und politischer Zeitschriften.

Gegen 17 Uhr klopft der Besucher an dessen Haustür und wird vom Diener eingelassen. Nachdem er einige Minuten im Vorzimmer gewartet hat, tritt von Kotzebue ein. Der junge Mann springt auf, zieht einen Dolch aus dem linken Ärmel und sticht sofort auf den Staatsrat ein. Die Klinge durchtrennt eine Rippe und stößt ins Herz. Der Getroffene stirbt auf der Stelle. In diesem Augenblick erscheint Kotzebues vierjähriger Sohn in der Tür und starrt den Mörder an. Das war nicht eingeplant und bringt den Täter völlig aus dem Konzept: Verzweifelt stößt er sich den zweiten Dolch selbst in die Brust. Blutend stürzt er auf die Straße, wo er niedersackt. Passanten bringen ihn ins Hospital. Dank seiner robusten Konstitution überlebt er und ist bald vernehmungsfähig.

Er sagt aus, Karl Ludwig Sand zu heißen, geboren 1795 in Wunsiedel. Der stille, etwas schwerfällige Sohn eines Justizrats war als Schüler der Turnerbewegung beigetreten und hatte in Erlangen und Tübingen Theologie studiert. 1815 war er zum Freiwilligen Jägercorps geeilt, kam aber nicht mehr an die Front. Aus dem „Opfertod fürs Vaterland“, von dem er in Briefen an seine Eltern schwärmte, wurde vorerst nichts. Das betrübte nicht nur Sand, sondern mit ihm viele Kommilitonen, die vor Idealismus glühten. Man las Körner und Brentano, sang sehnsüchtig vom „teutschen Vaterland“ und haßte Frankreich. Der ungestillte Aktionsdrang dieser Kinder der Romantik kristallisierte sich zu radikalem Protest.

Beim Wartburgfest 1817 scharten sich Studenten um die Farben der Lützowschen Freikorps-Montur Schwarz-Rot-Gold und verbrannten „zum Schrecken aller Schlechtgesinnten“ unpatriotische Schriften – so auch von Kotzebue. Mitten drin: Karl Ludwig Sand. Vier Wochen zuvor war er nach Jena gezogen, weil das Großherzogtum Sachsen-Weimar die Pressefreiheit garantierte und daher ein Mekka der nationalliberalen Bewegung war. Hier wurde er wegen seiner burschenschaftlichen Umtriebe nicht diskriminiert und verfolgt, sondern von Professoren ermutigt, die im Hörsaal für ein freies, konstitutionelles und unabhängiges Deutschland warben – für Sand und seine Bundesbrüder Musik in den Ohren.

Sand schloß sich dem konspirativen Kreis der „Unbedingten“ an und verfaßte flammende Pamphlete, aus denen der Einfluß seines Idols Karl Follen, genannt Follenius, sprach. Follen war ein Radikaler, der die demokratische Republik Deutschland durch bewaffnete Volksaufstände und politische Attentate herbeiführen wollte. Von ihm übernahm der begeisterte Sand das Credo: „Der Mensch darf alles tun, was nach seiner Überzeugung recht ist.“ Schillers „Wilhelm Tell“ war gerade fünfzehn Jahre alt.Ein Aspirant für ein Attentat bot sich von selbst an: Schon am 5. Mai 1818 hatte Sand in sein Tagebuch notiert: „Ich denke oft, es sollte einer dem Kotzebue das Schwert ins Gekröse stoßen.“ Den Entschluß, es selbst zu tun, faßte er am 2. November. Er belegte sogar Anatomievorlesungen, um Kotzebues Herz nicht zu verfehlen.

Kotzebue, von Goethe als „Thränenschleusen-Director“ verspottet, beherrschte mit über 200 frivolen Trivialdramen die Theaterszene. In seinen politischen Schriften zog er ätzend über die Burschenschaften her und verurteilte die nationale Bewegung: „Wenn man Kindern Messer in die Hände gibt, schneiden sie sich damit.“ Zudem hatte ihn der Zar von Rußland zum russischen Staatsrat ernannt. Dieser lieferte dafür Berichte über die politische Lage in Deutschland nach St. Petersburg – auch über die Universitäten, die er als „Brutstätten der Revolution“ bezeichnete.

Die Reaktion auf das Attentat war bemerkenswert: Während in den unteren Volksschichten eine hysterische, fast religiöse Heldenverehrung hochschlug, herrschte in den höheren Kreisen erschrockene Betroffenheit. Ehrenkundgebungen für Kotzebue gerieten zur öffentlichen Blamage; der inhaftierte Sand gewann täglich neue Anhänger: Joseph Görres schrieb, in der Gewalttat habe sich die grausam enttäuschte Hoffnung auf eine neue Zeit entladen. In der Tat: Nach der Aufbruchsstimmung der Freiheitskriege waren die Beschlüsse des Wiener Kongresses, die eine Restauration einleiteten, ein herber Rückschlag.

Es blieb nicht dabei: Der österreichische Staatskanzler Klemens Wenzel Fürst von Metternich, Architekt des Wiener Kongresses und führender Staatsmann der europäischen Reaktion, erkannte seine Chance: „Hier erzeugt Übel auch Gutes, weil der arme Kotzebue als argumentum hominem dasteht, welches selbst der Liberalste nicht zu verteidigen mag (…) Ich werde die möglichste Partie daraus ziehen.“ Und selten hat eine radikale Tat so gegen die Absichten ihres Urhebers gewirkt wie Sands Anschlag.

„In einem mehr als fragwürdigen Eilverfahren“ (Nipperdey) faßte Metternichs nach Böhmen einberufene Ministerkonferenz einstimmig die „Karlsbader Beschlüsse“. 1819 erlangten sie in zehn Staaten des Deutschen Bundes Gesetzeskraft, obwohl sie tief in deren Verfassungen eingriffen. Folgen waren Berufsverbote für nationale Professoren, ein Pressegesetz mit Vorzensur aller Schriften unter zwanzig Druckbogen, die Einsetzung der Mainzer Untersuchungskommission für revolutionäre Umtriebe sowie die Einordnung national-liberaler Ideen als „Volksverhetzung“, deren Träger der „Demagogenverfolgung“ anheimfielen, wie auch Hoffmann von Fallersleben. Während Sand Pfingsten 1820 unter Hochrufen der Volksmassen enthauptet wurde, überdauerten Metternichs Beschlüsse noch 28 Jahre bis zur Märzrevolution.

Foto:  Friedrich Hottenroth, Die Ermordung Kotzebues durch den Burschenschafter Sand, kolorierter Holzstich um 1860: Selten hat eine radikale Tat so gegen die Absichten ihres Urhebers gewirkt

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