Wenig Widerstand der deutschen Kronen

Im Sommer 1913 hatte Wilhelm II. mit seinem 25jährigen Thronjubiläum noch einmal mit großem Gepränge einen glanzvollen Höhepunkt der Monarchie gefeiert — nur fünf Jahre später wartete er an einem trüben Novembermorgen mit wenigen Begleitern ungeduldig auf den Zug, der ihn vom Hauptquartier in Spa (Belgien) ins niederländische Exil bringen sollte: Der Kaiser befand sich auf der Flucht, seine Herrschaft war gebrochen, die Monarchie am Ende. Bereits am 4. November übernahmen in Kiel die meuternden Matrosen und Soldaten die Macht, zwei Tage später brachten sie Wilhelmshaven unter ihre Kontrolle, und ab dem darauffolgenden Tag bemächtigten sie sich aller größeren Küstenstädte. Auch Hannover, Braunschweig, Frankfurt am Main und München fielen in ihre Hände. Wenngleich sich der Machtwechsel dort vor geräuschvoller Kulisse mit Massenkundgebungen und Demonstrationen abspielte, räumten die Monarchen innerhalb weniger Tage und Wochen resigniert das Feld und entsagten Krone und Thron. Wittelsbacher Herrschaft von 1180 ging zu Ende Den Anfang machte der bayerische König Ludwig III., der bereits am 7. November abgesetzt wurde. Die seit 1180 währende Herrschaft der Wittelsbacher fand damit ihr jähes Ende. Kurt Eisner, der der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD) angehörte, rief den Freien Volksstaat Bayern aus und ließ sich vom Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat zum Ministerpräsidenten der bayerischen Republik wählen. Das Beispiel machte rasch Schule: In Braunschweig unterzeichnete am 8. November der Regent Ernst-August auf Druck bewaffneter Radikaler seine Abdankung und ging ins österreichische Exil. Die politische Führung übernahm ein Arbeiter- und Soldatenrat. In Württemberg hatte unter der neu gebildeten provisorischen Regierung des Mehrheitssozialdemokraten Wilhelm Blos, der am 10. November die Republik ausgerufen hatte, König Wilhelm II. am 30. November 1918 der Krone entsagt. Weniger friedlich verlief die Entwicklung im benachbarten Großherzogtum Baden: Die Regierung Friedrichs II. wurde zuletzt von dem Staatsminister Heinrich von Bodmann (1917—1918) geführt. Nach seinem Rücktritt bildete sich am 10. November 1918 die letzte Regierung Friedrichs II. unter Anton Geiß (SPD), ohne daß der Großherzog an deren Bildung mitwirken konnte. Schießereien vor dem Karlsruher Schloß führten zwar zunächst nur zum Rückzug Friedrichs auf Schloß Zwingenberg, aber am 22. November 1918 unterschrieb er die Verzichtserklärung auf den badischen Thron. Auch in Hessen bewirkte die deutsche Niederlage das Herrschafts­ende der letzten regierenden Linie des hessischen Fürstenhauses: Abordnungen des revolutionären Arbeiter- und Soldatenrates setzten am 9. November Großherzog Ernst Ludwig ab, so daß am 14. November unter dem SPD-Abgeordneten Carl Ulrich ein Ministerium gebildet werden konnte. In Sachsen hatte eine neue Regierung mit ihrem Programm vom 5. November versucht, sich parlamentarischen Reformen zu öffnen und so dem Lauf der Entwicklung in den deutschen Einzelstaaten entgegenzustellen, jedoch konnte sie dem revolutionären Sturm nicht standhalten: Forderungen der am 8. November in Leipzig und Dresden gebildeten Arbeiter- und Soldatenräte führten dazu, daß am Regierungssitz in Dresden am 10. November die Republik ausgerufen wurde und König Friedrich August III. am 13. November seine Verzichtserklärung unterschrieb. Der bekannte Ausspruch des Monarchen („Dann macht doch Eiern Dreck alleene!“) hält einer Quellenüberprüfung jedoch kaum stand. Einen Tag später dankte auch der Großherzog Friedrich Franz IV. von Mecklenburg-Schwerin ab und begab sich zu seinem Schwager, dem dänischen König, nach Kopenhagen. Wilhelm II. verzichtete nie auf den preußischen Thron Auch in Berlin hatte sich die Situation rasch zugespitzt. Eine noch am 28. Oktober vom Reichstag angenommene Verfassungsreform konnte die revolutionäre Stimmung nicht mehr besänftigen. In der Hoffnung auf einen akzeptablen Friedensschluß gemäß der Friedensnote des US-Präsidenten Woodrow Wilson vom 23. Oktober mit seiner vermeintlichen Vorbedingung einer Absetzung des Kaisers suchte man vergeblich den ins Hauptquartier nach Spa geflohenen Wilhelm II. zum Thronverzicht als König von Preußen zu bewegen. Daraufhin gab am 9. November 1918, um gewaltsame revolutionäre Ausschreitungen der Massen zu verhindern, Reichskanzler Prinz Max von Baden die Abdankung des Kaisers bekannt und übergab dem SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert die Regierungsgeschäfte. Mit der Ausrufung der Republik durch den SPD-Politiker Philipp Scheidemann um zwei Uhr vom Balkon des Reichstages waren die Würfel für das Reich gefallen: Die Monarchie gehörte damit in Deutschland unwiderruflich der Vergangenheit an. Der sächsische König Friedrich August III.: Teilweise jahrhundertealte Dynastien wurden beinahe ohne Gegenwehr weggeweht

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