Unter ihm gab es keinen Vernichtungskrieg

Der Mythos Rommel lebt in Stuttgart. Die Stadt und das Haus der Geschichte Baden-Württemberg widmeten Erwin Rommel das Stuttgarter Symposion 2008. Militärhistoriker, Archiv- und Dokumentarfilmexperten beleuchteten die steile Karriere des Generalfeldmarschalls im Spannungsfeld zwischen Wüstenfuchs und Widerstand. Noch in den siebziger Jahren reichte der Mythos Rommel, um dem vor achtzig Jahren als Sohn des Reichswehroffiziers in Stuttgart geborenen Manfred Rommel, trotz seiner für einen CDU-Politiker linksliberalen Ansichten, den Oberbürgermeistersessel zu sichern. Auf der Tagung im Stuttgarter Rathaus analysierte Wolfgang Mährle vom Hauptstaatsarchiv Stuttgart Rommels ersten militärischen Erfolg, der seinen Ruhm begründete: Den Sturm mit einer mehrere Kompanien starken Abteilung des württembergischen Gebirgsbataillons auf den Matajur, eine Schlüsseltat für den Durchbruch der Mittelmächte in der 12. Isonzo-Schlacht, der die deutschen und österreichischen Truppen in einem Sturmlauf bis vor die Tore Venedigs führte. Rommel ertrotzte sich dafür den Pour Le Mérite und gehörte damit — wie auch der Stoßtruppführer Ernst Jünger — zu der Handvoll Troupiers, der diese höchste Auszeichnung überhaupt verliehen wurde. Rommel war darauf bedacht, auch in der Aufarbeitung nach dem Weltkrieg die Deutungshoheit über seine Taten zu behalten, die er 1937 in dem bis heute an ausländischen Militärakademien geschätzten Lehrbuch-Bestseller „Infanterie greift an“ verarbeitete. Unzufrieden mit der gefühlten Stagnation seiner Karriere im 100.000-Heer, ergriff Rommel wie viele Reichswehroffiziere gerne die Aufstiegschancen nach der NS-Machtergreifung. Dabei profitierte er vom Wohlwollen Hitlers, wie der Freiburger Militärhistoriker Jürgen Förster herausarbeitete. Seine Fortune als Kommandeur der blitzschnell zuschlagenden „Gespenster“-Division im Frankreich-Feldzug, in der auch ein Leutnant Hanke diente, der als „Erfinder“ der Propagandakompanien galt und später Gauleiter von Breslau wurde, machte ihn zum gern gezeigten Helden in der Propaganda. Professionell gab es freilich auch erstmals Kritik. Hermann Hoth, Kommandeur der Panzergruppe 3, bescheinigte Rommel einen Hang zur sprunghaften Verselbständigung und zur Unterschätzung der Leistung anderer. Manche sahen den Draufgänger, der waghalsig von vorne führte und damit bisweilen seine Operationen gefährdete, als „motorisierten Stoßtruppführer in Generalsuniform“. Hitler freilich schätzte ihn gerade deswegen; 1941 machte er ihn und nicht Manstein zum Kommandierenden General in Afrika, weil er „einen Blüchertyp, keinen Neunmalklugen aus dem Generalstab“ wollte. Rommel ging auch als Soldat auf Distanz zum NS-Regime Anders als bei Ernst Jünger, der zeitlebens mit seinem Soldatentum des Ersten Weltkriegs verbunden wurde, gründet Rommels legendärer Nachruhm — Mährle zählt 150 deutsche und 260 englischsprachige Monographien — auf seinen spektakulären Erfolgen als „Wüstenfuchs“ und Gegenspieler der Briten in Nordafrika, die der Militärhistoriker Reinhard Stumpf in seiner strategischen und politischen Bedeutung analysierte. An der Invasionsfront 1944 wendete sich Rommels Schicksal. Ernst Jünger, den Rommel in Frankreich traf, bescheinigte ihm eine „Haßliebe zu Hitler“. Rommel, der sich nie als Nationalsozialist bekannt hatte, ging auch als Soldat auf Distanz zum Regime. Dokumentarfilmer Maurice Philip Remy, der nach dem ZDF-Dreiteiler ein Buch zum „Mythos Rommel“ vorgelegt hat, ist überzeugt, daß es in Frankreich Gestapo-Akten gibt, die eine aktive Rolle Rommels im Widerstand belegen. Wegen der heiklen Frage der Kollaboration werde die Veröffentlichung wohl noch dauern. Rommel ließ sich „nicht zum Werkzeug machen“, bestätigt auch der Baden-Badener Militärhistoriker Ernst Heinrich Schmidt. Er habe auch kriegsgefangene Soldaten des Freien Frankreich mit ungeklärtem völkerrechtlichem Status oder deutsche Regimegegner in der Fremdenlegion korrekt behandelt, statt sie befehlsgemäß einfach zu erschießen: „Mord ging gegen sein Gewissen. Unter Rommel gab es keinen Vernichtungskrieg.“ Der Versuch seines Stabschefs Hans Speidel, den populären Feldmarschall, der wegen seiner Verstrickung in den 20. Juli auf Befehl Hitlers Suizid begehen mußte, zum „Nationalheros der Deutschen“ zu machen, mußte dennoch scheitern, wie der Hamburger Historikers Marc von Lüpke-Schwarz darlegte. Sowohl Speidel selbst, der rasch in Bundeswehr und Nato aufstieg, als auch sein Gegenspieler Leo Geyr von Schweppenburg, der den Widerständlern Rommel und Speidel indirekt Sabotage an der Invasionsfront unterstellte, verfolgten mit ihren Interpretationen handfeste Karriereinteressen. Kein gutes Umfeld für eine an der Bewahrung der nationalen Identität ausgerichteten Geschichtspolitik, an der es in Deutschland damals wie heute mangelt. Die Sonderausstellung „Mythos Rommel“ läuft vom 18. Dezember 2008 bis 30. August 2009 im Haus der Geschichte Baden-Württemberg. Der Tagungsband zum Symposion erscheint voraussichtlich im Frühjahr.

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