Geld für einen neuen Gerhard-Ritter-Preis sammeln

Eine Diskussion über den Freiburger Historiker Gerhard Ritter (1888-1967) in der evangelischen Ludwigskirche in Freiburg am vergangenen Sonntag verlief so verspannt, wie zu erwarten ist, wenn man die Frage, wer Gerhard Ritter eigentlich gewesen war, mit der anderen vermengt, ob er der Jugend ein politisches oder moralisches „Vorbild“ sein könne. Dies war die Frage, die die Zeit aufgeworfen hatte, als der Verleger der Badischen Zeitung Ende März mitgeteilt hatte, daß die Zeitung den Gerhard-Ritter-Preis, den sie seit 1988 alle zwei Jahre für historische Arbeiten ausgesetzt und mit 2.500 Euro dotiert hatte, umwidmen und in „Badische-Zeitung-Preis“ umbe-nennen werde (zuletzt JF 24/08). Er begründete den Schritt damit, daß Ritter ein „Nationalkonservativer“ gewesen sei, eine aristokratische Staatsform befürwortet und die Schwäche der Weimarer Republik auf deren „überbordende“ Demokratie zurückgeführt habe. Das passe nicht zur Grundhaltung der Badischen Zeitung. Drolligerweise entspricht diese Charakterisierung Ritters einer Vorlage im Online-Lexikon Wikipedia. Der Freiburger Historiker Ulrich Herbert berichtete, der Universitätsrektor Wolfgang Jäger habe sich „vehement“ gegen das Umwidmungsverlangen gewehrt und schließlich widerwillig zugestimmt. Ein Diskussionsteilnehmer sprach vom Verkauf eines Erstgeburtsrechts für ein Linsengericht. Ernst Schulin hielt sich strikt an den Auftrag, Person und Werk Ritters vorzustellen. Sein Referat und Beiträge anderer zeichneten das Bild eines tapferen, streitbaren, „anständigen“ Mannes, der, „bismarckisch“ geprägt, Schwierigkeiten hatte, sich mit der Weimarer Republik und ihren Parteikämpfen abzufinden. Noch galt ihm der Staat mehr als die Staatsform – bis die Nationalsozialisten kamen, denen fast alles fehlte, was Ritter mit der Idee des Staates verband. Als es ernst wurde, setzte er in Treue zu seinem lutherischen Protestantismus und zum Vaterland doch mehr auf die Institutionen von Recht und Freiheit als auf eine bedingungslose, abstrakte „Idee“ des Staates. Er empfand, durchaus national, das Hitler-Regime als Schändung der deutschen Nation durch ein politisches Gesindel, ganz besonders wegen der Mißhandlung der Juden und – unvorstellbar – ihrer Ermordung. Ritter als ein Mann seiner Zeit und ihrer Widersprüche, dabei offen für schmerzlich-neue Einsichten, ist interessant genug, um an Person und Werk eine Zeit kennenzulernen, die heute so fern anmutet wie das Mittelalter. Ulrich Herbert hatte sich die undankbare Aufgabe gestellt, die Frage ernst zu nehmen, ob Ritter noch ein „Vorbild“ sein könne. Anscheinend bemerkte er nicht, daß der Versuch, sie anzuschneiden, ohne sie in den Senkel zu stellen, in eine Furche führt, an deren Ende die naive Gewißheit und Anmaßung politi-scher Erzieher stehen, die sich zutrauen, besser zu wissen, wie man während der Weimarer Zeit und unter den Nationalsozialisten hätte denken müssen, um richtiger mit den Problemen umzugehen als diejenigen, die wie Ritter in diesen Problemen standen und ihr Leben dafür einsetzten, Deutschland wieder zu einer guten Regierung zu verhelfen. Hörte man richtig, daß Herbert hinter der Kritik an der Entwidmung des Ritter-Preises verdächtige politische Kräfte am Werke sieht? Er kündigte unter Beifall an, daß die Historiker in dem künftigen „Freiburg Institute for Advanced Studies“ versuchen würden, Geld für einen neuen Gerhard-Ritter-Preis zu sammeln – doch nicht jetzt, sondern gegen Ende des Jahres, wenn an die Stelle der gegenwärtigen journalistischen Aufgeregtheiten Gelassenheit getreten sei. Diesen „Aufgeregtheiten“, so erwiderte ein Teilnehmer, sei immerhin zu verdanken, daß es zu dieser interessanten Aussprache gekommen sei. Mit Blick auf die Kritiker Ritters erinnerte er an das geflügelte Wort Ernst-Wolfgang Böckenfördes, daß die demokratische Staatsform auf kulturellen Voraussetzungen ruhe, die die Institutionen nicht aus sich selbst erzeugen könnten. Zu notieren bleibt schließlich, daß die schärfste und sachkundigste Kritik an der Entwidmung des Preises nicht von aufgeregten Journalisten vorgebracht wurde, sondern von Fachkollegen Herberts wie Joachim Scholtyseck, Hans Fenske und Klaus Schwabe.

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